Maria Hovekamp Mein Leben (Download im RTF-Format)
Notizen von Maria Hovekamp
(Aidlingen, Februar 2007)
Mein Aufenthalt in Deufringen vom 4. 2. - ?
Mein Leben
Aufgeschrieben von Maria Hovekamp geb. Horstmann
geb. 22. April 1923
Großeltern Volkert:
Großvater, Bernhard - Gerhard Volkert geb. am 26. Okt. 1858,
gest. am 6. Feb.1922 mit 64 Jahren, in Offlum/Neuenkirchen.
Großmutter, Anna Volkert geb.Reinke
geb. am 30. Dez. 1861,in Landersum/Neuenkirchen
gest. am 1. Juni 1939 mit 79 Jahren, in Offlum/Neuenkirchen.
Geheiratet am 27. Mai 1889.
Eltern Horstmann – Volkert:
Clemens Horstmann geb. 3. 3. 1892, in Haddorf/Wettringen
gest. 11. 2. 1981 mit 89 Jahren, in Neuenkirchen
Anna geb. Volkert geb. 28. 7. 1901,
gest. 25.11. 1976 mit 75 Jahren, in Neuenkirchen.
Sie haben geheiratet am 10. Juni 1922.
Auf dem Hofe und in der Familie lebten zu der Zeit noch meine Großmutter, Anna Volkert geb. Reinke und eine männl. Hilfskraft, b.z.w. Großknecht (Anton Pelster). Der Großvater Bernhard Volkert war im Februar 1922 nach langer Krankheit im Alter von 64 Jahren gestorben.
Trotz Inflationszeit war die Freude über meine Geburt in der Familie riesengroß, vor allem meine Großmutter war glücklich über die kleine Enkeltochter Maria, sie wurde auch meine Taufpatin. Mein Vater hat später in seinen Erinnerungen den Vermerk notiert, dass die Hebamme Frau Ruks für die Hausgeburt 40,000 Reichsmark bekommen hat.
Aus Erzählungen weiß ich, dass es ganz schwere Jahre waren. Die Geldentwertung ging so rasant, dass man nicht Schritt halten konnte.
Ein Beispiel: Mein Vater hatte eine Fuhre 8 Wochen alter Ferkel zum Viehhändler Krümpel in Wettringen gebracht. Er ist dann direkt nach Neuenkirchen zum Geschäft Elfers (Schmiede) gefahren. Er hat dort noch gerade 1 Paket Nägel für den Erlös der Schweine kaufen können.
Hier noch ein paar Daten aus dem Jahr 1923.
- Im Jahr 1923 herrschte Inflation, Lebensmittelknappheit und Hungersnot. Zum Jahresende erhält man für einen US Dollar 40 Milliarden Mark. Ein Kilo Butter kostet 5,6 Billionen Mark, ein Kilo Brot 470 Millionen
- wird Gustav Stresemann Kanzler. Nach 100 Tagen wird er wieder gestürzt
- wird der Hitler-Putsch in München niedergeschlagen
- wird Calvin Coolidge Präsident der USA
beginnt das Medienzeitalter
- der erste Tonfilm "Leben auf dem Dorf" wird gezeigt. Die Technik wurde von deutschen Ingenieuren entwickelt, aber mangels Interesse der deutschen Industrie zuerst an die Schweiz und dann an die USA verkauft.
- das erste Radiokonzert ist in der Berliner Funkstunde zu hören.
In der Unterhaltung
- sind die Schlager "Ausgerechnet Bananen" und "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" die beliebtesten.
1923 ist auch das Geburtsjahr von
- dem Publizisten Rudolf Augstein
- der italienischen Sängerin Maria Callas
- dem amerikanischen Politiker Henry Kissinger
- und dem deutschen Kabarettisten Jürgen von Manger.
Ich habe als Säugling und Kleinkind von all` dieser Not und den schweren Lebensbedingungen nichts mitbekommen. Ich bin wohl behütet und umsorgt aufgewachsen, in traditioneller bäuerlicher Umgebung.
Aus meinen frühen Erinnerungen sind mir einige Begebenheiten in sehr guter und lebhafter Erinnerung. Vor allem waren es meine Oma und mein Vater, die mich mit der Außenwelt vertraut machten. Meine Oma nahm mich an die Hand, das war ganz typisch für sie, ich spüre noch heute ihre warme, von der Arbeit geprägte, liebe Hand. Sie nahm mich mit in den Garten hinten auf Janninghof, ca. 300 mtr. vom Hof entfernt gegenüber von Krey, am Rhin gelegen. Meine Oma holte dort Gemüse und Obst für den Mittagstisch. Ich lernte schon früh, Kartoffeln, Äpfel und Birnen aufsammeln, Erbsen pflücken und beim Döppen helfen. Die Erbsen schmeckten frisch besonders gut, vor allem die Zuckererbsen ebenso die frisch geschrabten Möhren.
Sonntags kochte meine Mutter immer besonders delikate Gerichte: Wild- und Fleischspezialitäten, Spargel und Gemüseplatten, verschiedene Nachspeisen,im Sommer bereitete sie auch schon mal einen Eiskreme. Meine Mutter hatte die feine Küche auf der Burg Gemen in Borkenwirthe gelernt. (jetzt Jugendburg Gemen)
In der Woche kochte meine Oma nicht minder gut aber einfacher: verschiedene Eintöpfe mit Bauchspeck, Mettwurst, Frikadellen oder Pfannekuchen. Es gab aber immer auch irgendeine Suppe entweder als Vor- oder Nachspeise: z.B. Milchsuppen verschiedener Art, Obst- oder Weinsuppe von selbst gemachten Obst weinen. Im Sommer kamen oft Dickmilch, Quark, Stippmilch oder Buttermilch auf den Tisch. Beilagen waren auch selbstverständlich, es waren Salate von Möhren, Gurken oder Sauerkraut. Je nach Jahreszeit Schnitt-, Pflück-, Kopf-. Feld- oder Endiviensalat. Kompotte gehörten auch dazu von Äpfeln, Birnen, Ebereschen oder Dörrobst. Freitags gab es Pfannekuchen oder dicken Reis mit Zimt, Zucker und Kompott, besonders lecker waren die Apfelpfannkuchen im Herbst und Winter.
Jeden Samstagvormittag war Backtag. Der große Holzbackofen stand in der Futterküche neben dem Viehkessel. Er wurde mit Stroh und Buschkenholz angezündet und dann mit 8-10 Scheiten Buchenholz aufgeheizt. Der Hefeteig für 8-10 Brotlaibe wurde in einem großen Backtrog, aus 20 -25 Kg. Mehl, Salz etwas Zucker, 1-2 Kg. Hefe und 10 Ltr. warmer Flüssigkeit aus Wasser u. Milch, angesetzt und geknetet, wenn der Teig dann lange genug aufgegangen war, wurden die Laibe geformt und zum Aufgehen auf ein bemehltes Backbrett gelegt. Sie wurden zum Schutz gegen Kälte und Zugwind mit Küchentüchern abgedeckt. Danach mit Milch bestrichen, eingeschnitten und mit einem Brotschieber in den gefegten und mit Wasserwischer gereinigten Ofen geschoben. Ob die Ofenhitze richtig war, wurde mit der hinein gehaltenen Hand getestet, man musste ein "Vater unser" beten können, dann war die Backtemperatur passend. Nach knapp 1 Std. 30 Min. holte man ein Brot mit dem Schieber aus dem Ofen, um den Gartest zu machen. Mit gekrümmten Mittelfinger wurde das Brot auf der Unterseite angeklopft, an dem Klang konnte man hören ob es auch gut durch gebacken war. War alles in Ordnung ,dann holte man mit dem Schieber die fertigen Brote heraus und legte sie vorsichtig auf einen Lattenrost zum Ausdünsten.
Hier noch Erinnerungen an die Spezialitäten des Backtages:
Vom fertigen Hefeteig nahm meine Oma einen Teil, etwa für 2 Brote zur Seite. Diesen Teig bereitete sie dann für den Sonntag oder besondere Anlässe gesondert vor. Sie verknetete den Teig mit etwas Butter und Zucker, gab dann Rosinen, Korinthen oder getrocknete Pflaumen dazu. Nach dem Aufgehen wurde dieser delikate Brotlaib mit den anderen Broten in den heißen Ofen geschoben. Manchmal entstand auch ein süßer Blechkuchen mit Streußel, frischen Äpfeln oder Pflaumen. Der Blechkuchen wurde, nach dem Abbacken der Brote, zum Garen in den Ofen geschoben. Die Hitze reichte dafür völlig aus. Ebenso wurden auch je nach Bedarf 1-2 frische Brote nach dem Backen zerrissen und für Knabbeln im Ofen einige Stunden getrocknet. Im Herbst ließen sich auch in der lang anhaltenden Nachwärme dieser Backöfen Apfelringe, Birnenhälften und Pflaumen trocknen. Dieses Trockenobst kam in Leinensäckchen, wurde luftig am Wiemel aufgehängt und fand nach Bedarf in der Küche vielfältige Verwertung.
Äpfel spielten überhaupt eine wichtige Rolle. Im Herbst und auch den ganzen Winter über waren sie wichtige Vitaminspender. Sie wurden vorsichtig eingelagert in Heumieten auf dem Dachboden. Später entweder frisch gegessen oder als Bratäpfel, gefüllt mit Zucker, Zimt, Rosinen oder gemahlenen Nüssen im Ofenrohr gegart. Köstlich schmeckte uns auch der Apfelbettelmann: Schwarzbrot mit etwas Butter, Zucker und Zimt in der Pfanne geröstet, dann schichtweise mit gedünsteten Apfelscheiben in eine mit Butter eingefettete Pfanne gefüllt mit etwas Eiermilch übergossen, Deckel drauf und dann langsam zu einem Kuchen gegart. Auf eine große Platte gestürzt, nochmal mit geröstetem Zucker und Zimt bestreut, mit Vanilletunke eventuell mit etwas Schlagsahne serviert, --- läuft einem da nicht der Speichel im Mund zusammen, bei dem Duft?
So könnte ich noch lange von herrlichen Apfelgerichten aus meinen Kindertagen berichten. Nicht zu vergessen, sei hier auch der Eintopf "Himmel und Erde" mit frischer Mettwurst, herrlich süßsauer im Geschmack. --- Mit Pflaumen und Birnen wurden ähnliche Köstlichkeiten zubereitet.
Waren es wirklich solche Köstlichkeiten? Doch aus der Traumwelt eines Kleinkindes sind es, gerade auch diese geschmacklichen Höhepunkte aus dem so bescheidenen, alltäglichem, hartem, bäuerlichem Leben, die sich nachhaltig ins Kinderhirn einprägten und diese Erlebnisse immer wieder ins Bewusstsein rufen, und das besonders im Alter. - - -
Am 1. August 1926 bekam ich eine kleine Schwester. Carola war geboren, ein kleines sehr zartes Mädchen. Die Freude war groß aber zugleich bestand auch eine Sorge um ihre Gesundheit. Da unsere Mutter Gelenkrheuma hatte und oft unter starken Schmerzen litt, musste meine
Oma einen Großteil ihrer Arbeit mit übernehmen. Vor allem waren es Arbeiten im Stall und Garten und das Versorgen der kleinen Carola.
Für mich hatte sie kaum noch Zeit. Mein Vater nahm mich jetzt sehr viel mit zur Feldarbeit oder bei Arbeiten im Stall,Werkstatt und Hof. Ich durfte zusehen aber auch kleine Handreichungen machen, den Sensendengel, den Hammer oder die Kneifzange festhalten und Nägel anreichen u.s.w. Die Arbeiten waren vielseitig und auch sehr interessant für mich, ich lernte täglich dazu. Die Technik hatte zu der Zeit auf dem Lande noch keinen Einzug gehalten. Wir hatten aber schon eine große fahrbare Buschhof-Dreschmaschine mit einem fahrbaren Benzolmotor, - ein Riesenmonstrum mit großem Schwungrad. Mein Großvater hatte diesen Kauf schon 1918 getätigt. Der Drescher hat noch bis etwa 1968/70 seine Dienste getan und wurde dann endgültig durch den Mähdreschereinsatz abgelöst. Der Benzolmotor hatte auch Einsatz beim Antrieb der großen Kreissäge, bei der Schrotmühle und in der Nachbar- und Verwandtschaft.
Mein Vater hatte sehr gute Freunde aus seiner Kinder- und Jugendzeit. Es waren der Zimmermann Heinrich Hagemann und der Maschinenmeister Josef Krümpel aus Wettringen (später Landmaschinenbetrieb Krümpel).
Da im Sommer 1921 die gefüllte Kornscheune über Nacht ein Raub der Flammen wurde, musste eine neue große Fachwerkscheune erbaut werden.
Heinrich Hagemann hat sich große Verdienste durch seine Ideen und handwerklichen Fähigkeiten in unserer Familie und auf unserem Hof erworben. Für uns Kinder war er immer der willkommene und beliebte Onkel Hagemann. Er war sehr klug, hatte trockenen Humor, Witz und Schalk auf eine sehr feine Art. Er wohnte in der erweiterten Nachbarschaft. Er kam gebürtig aus Haddorf, ein Nachbar zum Elternhaus unseres Vaters. Hagemann hatte 1920 die Ww. Evers mit zwei Töchtern und zwei Söhnen geheiratet. Sie bekamen noch eine Tochter Agnes (später Rohlink, heute Möllering) und einen Sohn Alois (später Bauingenieur und Statiker, verheiratet mit Franziska Fabry).
Da Hagemann-Evers eine kleinere Landwirtschaft hatten, konnte er nebenbei seine handwerklichen Fähigkeiten einsetzen. Er kam meistens nach dem ersten oder zweiten Frühstück und blieb dann bis zum Abend, je nach anstehender Arbeit bei uns.
Noch ein paar Erinnerungen, die er mir später erzählt hat. Ich war noch klein und saß im hohen Kinderwagen, natürlich angebunden. Ich durfte ihm zusehen beim Wandfliesen legen in der Küche. Er hatte mir seinen Zollstock anvertraut und ich habe ihn dann entzwei gebrochen. Dann legte er mir entwertete Geldscheine aus der Inflation und gleich groß geschnittene Zeitungsscheine gemischt in den Wagen. Nach kurzer Zeit habe ich alle Zeitungsscheine aus dem Wagen geschmissen, die Geldscheine aber schön säuberlich zusammengelegt. So, der Instinkt eines Kleinkindes. Onkel Hagemann sagte spontan: „Oh, Ih süllt sein, de kann läter gud met Geld ümgohn.“ Ich hoffe, diese Aussage hat sich bewahrheitet, bemüht habe ich mich allerdings mein ganzes Leben darum.“ Ich könnte hier noch etliche Begebenheiten aufzählen aber, das würde hier jetzt zu weit führen.
Zu dieser Zeit war noch keine Technik oder moderne Versorgung auf dem Lande vorhanden. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Badezimmer oder Duschen, keine Heizung, kein Telefon, kein Radio u.s.w. Als Lichtquellen dienten Petroleumlampen, im Haus waren es tragbare Stehlampen, oft auch mit einem Spiegel versehen um einen gezielten Reflex zu erreichen. Im Stall und auf dem Hof benutzte man Sturmlaternen, zum Schutz hatten sie ein Stahlgitter. Samstags war großes Lampen putzen angesagt, Zylinder und Spiegel mussten gereinigt und poliert werden, die Dochte wurden überprüft und Petroleum aufgefüllt.
Der gesamte Wasserverbrauch für Haushalt und Vieh wurde mit Handpumpen aus dem Brunnen geholt. Als Wärmequellen gab es im Haus 2 Öfen, einer stand in der Wohnstube der andere in der Besten Stube, in der Küche stand ein Herd. Die Schlafräume waren vor allem im Herbst und Winter frostig, kalt und feucht, nicht gerade dienlich für die Gesundheit und für Rheumakranke. Um diese Situationen zu verbessern überlegten die drei Männer und meine Mutter wie man Abhilfe schaffen kann. Krümpel hatte schon die ersten Erfahrungen mit Dieselmotoren u.s.w. Zunächst überlegten sie eine eigene Stromversorgung mit Gleichstrom zu bauen und das geschah im Jahr 1927/28. Nun hatten wir Lichtquellen im Haus, im Stall und auf dem Hof mit 40 Watt Birnen. Später konnten wir auch ein Bügeleisen und andere Elektrogeräte für Gleichstrom anschließen und gebrauchen. Diese Anlage hat noch bis nach dem Kriege sehr gut funktioniert. Die Über- Landstromversorgung wurde in Offlum erst 1936 ausgebaut, entlang der Hauptstr. schon früher. In einigen Ortsteilen von Neuenkirchen gab es erst nach dem Kriege z.B. auf der Roten Erde in St. Arnold erst ab 1956 Strom. Wir haben 1936 zunächst nur den Kraftstrom angeschlossen, zur Nutzung von Elektro-Motoren.
In den Jahren 1929/30 wurde auch das Misthaus erbaut, ein Verbindungsgebäude zwischen dem Kuhstall und dem Schweinestall. Der tägliche Mist aus Kuh- und Schweinestall wurde dort gelagert und gleichzeitig war es ein Jungviehlaufstall. Diese Einrichtung löste den Misthaufen auf dem Hof ab. Von dem alten Pferde gezogenen Göpel, haben Hagemann und Vater ein Karussell für uns Kinder gebaut, es stand unter der alten Linde vorm Haus. Wir Kinder und sogar die Erwachsenen haben sehr frohe Spieljahre damit erlebt.
Dann entstand eine zentrale Wasserversorgung. Ein riesengroßer Vorratsbassin aus Beton war auf der Balkendecke des Misthauses aufgebaut. Dieser Bassin wurde mit Hilfe eines Dieselmotors und einer riesengroßen Wasserpumpe einmal wöchentlich, oder je nach Bedarf aufgefüllt. Jetzt gab es im Haus und Stall Wasserleitungen und Zapfstellen, für`s Vieh Selbsttränken. In der Küche wurde ein 250 Ltr. Boiler für heißes Wasser oben neben dem Bosen am Herd eingebaut, dann mit Hobelspänen isoliert und verkleidet. Es entstand ein kleines Badezimmer hinter der Küche mit Waschbecken und Badewanne. Dann gab es noch ein Becken neben dem Herd, im Eltern- und Fremdenschlafzimmer je ein Waschbecken. Außerdem war vorne auf der Tenne ein großes, längliches Waschbecken auf gemauert mit mehreren Zapfstellen. Hier konnten sich alle nach der Arbeit und vor den Mahlzeiten waschen, außerdem wurden hier die großen Milchkannen gespült. Alle Becken waren mit Kalt und Warmwasserleitungen versehen. Die Wasserführung hatte einen natürlichen Drucklauf durch die Höhenunterschiede, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren. Zur Erwärmung lief das Wasser in einer Doppelschlange durch die Herd- feuerung in den isolierten Boiler, somit waren alle Zapfstellen mit heißem Wasser versorgt. Ein enormer und moderner Fortschritt aus meinen Kindertagen, vor allem auch eine große Erleichterung für die Frauenarbeit im Haus und Stall. Diese Anlage hat noch bis zum Bau eines neuen Wohnhauses auf dem Elternhof funktioniert, zumindest die Heißwasserversorgung.
Neben diesen technischen Errungenschaften wurden im Außenbetrieb auch zahlreiche Verbesserungen getroffen. Hinter unserem Wohnhaus entstand ein großer neuer Hausgarten, zur Freude unserer Mutter und Oma. In den Viehweiden wurden Drainagen gelegt, Sandhügel abgetragen, Mutterboden aufgefahren und planiert. Melkställe in den verschiedenen Weiden errichtet, neue Tränkstellen mit gleichzeitiger Kühleinrichtung für die Milchkannen geschaffen. Es wurde noch dreimal täglich von Hand gemolken und der größere Anteil der Milch zur Molkerei Naarmann geliefert. Die übrige Milch ging über die Zentrifuge, die Magermilch fand Verwertung im Haushalt, ebenso zur Fütterung der Kälber und Ferkel. Von der Sahne wurde einmal in der Woche Butter zubereitet für den Eigenverbrauch und zum Verkauf an Privatkunden.
Einmal wöchentlich bekam das Matthias- Spital in Rheine einen Emaille- Kübel mit frischer Butter, ca. 15 – 20 Kl. Meine Mutter stellte diesen Kübel in ein Kinderstülchen, das vorne an die Lenkradstange des Fahrrades gehängt wurde, dann fuhr sie mit dem Rad nach Rheine, der Erlös war ihr Haushaltsgeld. Noch anzumerken; Im Sommer bei warmer Witterung wurden gekühlte Rhabarberblätter auf und um den
Kübel gepackt, zur Frischhaltung der Butter. Die Feldarbeit war in unserer Kinder- und Jugendzeit sehr vielseitig und mühevoll, vieles musste einfach von Hand gemacht werden. Es gab einige Hilfsmittel, einen Grasmäher, einen kleinen Heuwender, eine Harkmaschine, einen Kipppflug und eine Sämaschine, wir hatten auch schon einen Selbstbinder. Alle Geräte mussten von Pferden gezogen werden. Den ersten Trecker bekamen wir 1937/38, eine Besonderheit auf einem Bauernhof. Es war ein Krümpel - Trecker mit einem Deutz -Motor. Von der Maschinenfabrik Josef Krümpel, Wettringen konstruiert und gebaut. Er hat bis lange nach dem Krieg seine Dienste getan und bei vielen Arbeiten die Pferde abgelöst, wieder ein großer Fortschritt. Trotzdem blieben noch sehr viele Pflegearbeiten die von Hand gemacht werden mussten. Gräben reinigen, Kanten und Feldränder mähen, bei der Kornernte einen Fahrrand um die Getreidefelder schneiden, alles mit der Sense. Das Mähgut von Hand zu Garben binden, die Garben, auch die vom Selbstbinder zu Stiegen in Reihen aufstellen u.s.w.
Die Hackfrüchte brauchten auch viel Pflege, Runkelrüben hacken und vereinzeln, Kartoffeln legen und hacken, Disteln stechen, wilde Melde, Klatschmohn und Kornblumen aus dem heranwachsendem Getreide ziehen ebenso den Ackerfuchsschwanz (Stenrüder auf Plattdeutsch genannt). Es waren alles sehr mühevolle, zeitaufwendige Arbeiten. Bei all` diesen Arbeiten nahm mich mein Vater sehr oft mit. Er setzte mich aufs Fahrrad und dann ging's los. Ich durfte bei der Arbeit zusehen und bekam auch schon erste Aufklärung über Sinn und Zweck dieser Pflegemaßnahmen. Sehr oft durfte ich auch am Feldrand sitzen und die Natur betrachten. An so einem Vormittag, es war ein sehr schöner sonniger Frühlingstag mit strahlend blauem Himmel. Wir waren oben auf dem Berg an der 6ten Wand. Ich schaute den Lerchen und Kiebitzen zu bei ihren akrobatischen Flügen. Plötzlich entdeckte ich am Horizont zwei spitze Tüten. Ich rief meinen Vater und sagte ihm in Plattdeutsch: " Papa, Papa kiek es, dor annen Himmel, dor stoht twee graute spitze Zuckertüten!" Mein Vater kam und schaute, er sagte dann: "Wicht dat sind ja de Toene van usse Kiark." Er setzte sich zu mir auf den Boden und dann sah er aus meiner Perspektive auch nur die Spitzen, die aussahen wie umgedrehte Zuckertüten. Er reagierte sofort, setzte mich aufs Fahrrad und sagte: "Ick föhr nu sofort mett die noh`t Dorp un wies die de Kiarktoene." Unterwegs ist er einige Male abgestiegen und hat mir gezeigt, wie die Türme größer wurden je näher wir zum Ortskern kamen.
--- An diese Begebenheit denke ich besonders, wenn ich bei sonnigem Wetter einen Spaziergang über den Berg bis Sperfelds Kreuz mache.
Beim Rückweg fasziniert mich immer wieder wie die Turmspitzen wachsen, je höher man zur Bergspitze kommt. ---
Unsere St. Anna- Kirche ist sowieso eine Besonderheit in unserer Gegend. Sie ist, wie ein Dom im neugotischem Stil, nach dem Vorbild des Maria- Laacher- Domes, in den Jahren 1898/99 erbaut worden, unter großer Opferbereitschaft der Einwohner von Neuenkirchen. Wenn man als Besucher mit dem Auto Neuenkirchen anfährt, dann sieht man als erstes die Türme von unserer stattlichen Kirche. --
Mit unserer Kirche wurde ich sehr früh vertraut. Meine Oma nahm mich schon als ganz kleines Mädchen mit zur Kirche, fast immer zu Fuß, Sonntags bei schlechtem Wetter mit der Kutsche. Meistens ging sie Sonntags in die Frühmesse um sechs oder sieben Uhr, damit sie dann zu Hause war, wenn meine Eltern zur Kirche fuhren. Im Herbst und Winter war es immer noch sehr dunkel, sie nahm dann eine Karbit-Tragelampe mit um das Geh-Pättchen zu erkennen. Ja, die Wege waren ganz schön beschwerlich, nicht ausgebaut wie heute. Unterwegs erklärte sie mir dann wie die Leute heißen, die am Wege wohnen. Im Winter bei klarer Witterung gab sie mir Erklärungen zum Sternenhimmel. Ich konnte ihr aber auch Löcher in den Bauch fragen, dann sagte sie zu mir. Jetzt sei mal ganz still, du kannst ja leise mit dem lieben Gott sprechen, ich muss mich jetzt noch besinnen auf den Gottesdienst. In der Kirche war es auch kalt, noch keine Heizung, keine Lautsprecher, zelebriert wurde oben am Hochaltar, alles in lateinischer Sprache, der Geistliche mit dem Rücken zum Volke. Zur Predigt stieg der Pastor auf die Kanzel, er hatte so die Leute besser im Blick und die Gläubigen konnten ihn besser sehen und hören. Die Kirchenbänke hatten noch keine Sitzpolster wie heute, auf den harten Brettern knien und sitzen war schon ein kleiner Bußakt. Ich freute mich immer auf den Schlusssegen, dann ging's anschließend zu Laubuhr`n Mine, Änne, Hermann und Josef. (heute Bertels-Hüweler) Da konnte man an der Tenne aufs Plumpsklo gehen, dann in der kleinen, kuscheligen Küche sich aufwärmen. Für die Oma gab's einen heißen Bohnenkaffee und ich bekam Muckefuck oder Kakao mit Beschüte oder Zwieback. Danach ging meine Oma mit Mine in ihren kleinen Laden und kaufte Kleinigkeiten für die Woche ein. Viele Sachen verschwanden in ihrer großen Unterrock- Tasche, der Rest ging in einen kleinen Tragebeutel. So gestärkt traten wir den Rückweg an. (Übrigens die kleine Karbitlampe habe ich noch aufbewahrt.)
Diese Kirchgänge wiederholten sich in gewissen Abständen auch in der Woche, gleichzeitig waren damit Einkäufe und Besuche bei Bekannten oder Verwandten verbunden. Einmal im Jahr ging es, vor der Ernte, in die Verwandtschaft Reinke-Jaß, Reinke und Heßling in Landersum. Nach dem Kirchgang wurden bei Mine die verschiedenen Mitbringsel eingekauft und los ging's oben über den Berg. Bei Sperfelds Kreuz war kurze Rast mit einem Gebet, dann ging's weiter bei Kadus vorbei nach Jaß, dort gab's Frühstück und Mittagessen, herrlich und liebevoll zubereitet von Tante Christine. Am Nachmittag ging's zum Kaffee nach Reinke, dem Elternhaus meiner Oma. Zum frühen Abend waren wir dann bei ihrer Schwester, Großtante Heßling und Tante Marie. Nach gutem Abendessen und genügendem Austausch der Schwestern brachte uns der Onkel Hermann mit Pferd und Kutsche nach Hause zurück. Alle meinten es sehr gut mit mir und überfütterten mich oft mit leckeren Sachen, meistens hatte ich abends Bauchweh. Im gleichen Ritual lief der sommerliche Besuch bei Wigger (heute Heckmann) in Catenhorn ab. Tante Anna war eine geb. Volkert eine Halbschwester von meinem verstorbenen Opa Volkert. Auch hier wurden wir herzlich aufgenommen und tüchtig verwöhnt, dort mussten wir auch immer eine kleine Mittagsruhe einhalten. Nach dem Abendessen brachte uns dann einer der Söhne mit Pferd und Wagen zurück. An alle diese Erlebnisse habe ich noch heute sehr gute Erinnerungen.
Meine Oma, sowie auch meine Eltern waren sehr hilfsbereit und sozial eingestellt. Wo sie Not spürten, egal ob in der Nachbarschaft oder Verwandtschaft waren sie bereit zu helfen. Mir fiel als kleines Mädchen auf, wenn meine Oma besonders intensiv und früh mit der Kocherei begann und dazu noch morgens früh ein Huhn oder Hähnchen geschlachtet und gerupft hatte, eventuell eine süße Speise oder Kuchen zubereitet hatte,dann lag eine Besonderheit an. Ganz richtig, so gegen 11 Uhr band sie eine saubere Schürze um, füllte dann Köstlichkeiten in ein Tragegeschirr, hielt dieses unter ihrer weiten Schürze versteckt und zog dann damit los zu irgendeiner Nachbarin, die vielleicht krank oder schwanger war, oder jemanden in der Familie krank hatte. Auf meine Neugierde, wohin sie das bringe, bekam ich prompt eine passende Antwort: "Du moss nich so niesgierig sien, dat bruk kieneene to wierten. Watt de rechte Hand döht, dat geiht de linke Hand garnicks an! Giewen is sialiger äs niermen." So ihr Kommentar, es nutzte auch nichts durchs Schlüsselloch zu lauern, sie war verschwunden mit den leckeren Sachen. Nach kurzer Zeit war sie zurück und das Mittagessen stand pünktlich auf dem Tisch, keiner merkte etwas von ihrer stillen Mission.
Karola war inzwischen auch soweit, dass ich sie aufpassen und mit ihr spielen konnte. Wir gingen sehr oft in die engere Nachbarschaft, besonders viel durften wir zu Krey gehen. Wir mussten aber immer zu 5 Uhr wieder zu Hause sein, sonst bekam ich Schimpfe. Aber der 28. Mai 1928 war eine Besonderheit. Unsere Oma sagte, ihr dürft heute Abend so lange bleiben bis wir euch nach Hause holen, ich konnte es gar nicht begreifen. Es wurde dunkel und keiner holte uns. Wir bekamen bei Krey leckeres Abendessen, mir wurde schon ganz komisch, auch Carola fing an zu wimmern, aber wir hielten durch. Gegen 9 Uhr kam unser Vater und sagte uns: Ihr müßt jetzt schnell mit nach Hause kommen und leise ins Bett gehen, die Mamma fühlt sich nicht so gut und muß Ruhe haben, die Oma bringt euch ins Bett. Am nächsten Morgen weckte uns der Vater mit der freudigen Nachricht, ein kleiner Junge ist heute Nacht geboren, es war Hugo. Nun war das Rätsel gelöst, warum wir so lange bei Krey bleiben durften und so leise sein mußten. Das gleiche Erlebnis wiederholte sich am 12. Mai 1932, --- es war die Geburt von Hedwig. Wir Kinder waren ja völlig ahnungslos zu der Zeit, wir wurden auch nicht aufgeklärt. Heute ist Aufklärung doch eine Selbstverständlichkeit, es ist auch besser so, nicht die Kinder für dumm zu halten. So haben sich die Zeiten und Erkenntnisse geändert.
Soweit meine Schreiberei in Deufringen, ich war dort vom 4.2. bis zum Heimflug (Omas Heimflug, so hat Martin per E-mail gebucht) am 6. 3., habe am 24. 2. Richards 4ten Geburtstag mitgefeiert, sein Fuhrpark und der Legosteine -Vorrat hat sich sehr erweitert. Am Samstag dem 3.3. wurde Martin 46 Jahre alt, wir haben auch diesen Tag in feierlicher Ruhe feiern können. Aber man sieht sein fortschreitendes Alter langsam, er wirkt schon etwas angeschlagen, sein Oberschenkel streikte. Heute ist Sonntag der4te März, gleich nach dem Gottesdienst, im dem Ruth mit der Band singt und Solo flötet, fahren wir zum Mittagessen in die Linde. Oma hat die Familie eingeladen. ---- Wir sind zurück ,haben gut gespeist und anschließend eine Ausflugsfahrt gemacht nach Wurmlingen am Neckar. Das Wetter strahlendblauer Sonnenhimmel und sehr warm. Wir machten den Aufstieg zur Wurmeling- Kapelle 475 mtr. hoch, auf einem Berg gelegen mit enormen Weitblick übers Schwabenland. Ludwig Uhland hat hier auch gelebt und gedichtet. Sein Gedicht: "Droben stehet die Kapelle schauet still ins Tal hinab, --- u.s.w." war dort zu lesen. Es war ein wunderschönes Erlebnis, insgesamt ein toller Tag. Dank an die Planer.
Hier möchte ich die schon geschriebenen Kindheitserinnerungen an Haddorf einfügen.
Januar 2008
Erinnerungen an meine Kinder- und Schuljahre in Ahaus.
Onkel Karl war 1928 als Vikar nach Ahaus versetzt. Er wohnte dort in einer großen Vikarie am Domhof und hatte eine Haushälterin, Frl. Gertrud Laufenberg, sie kam aus einer Beamtenfamilie aus Eslohe im Sauerland. Bei sonntäglichen Visiten in meinem Elternhaus reifte die Überlegung, zwischen meinen Eltern und Onkel Karl, mich zur Einschulung und zum Schulbesuch nach Ahaus zu holen. Wir hatten einen sehr strengen kalten Winter und die Wege vom Elternhaus zum Dorf waren noch nicht ausgebaut und auch nicht ganz ungefährlich für ein kleines Mädchen. Somit wurde ich Ende Februar 1928, noch 5jährig, nach Ahaus gebracht in eine Großstadt, für mich vom Lande eine völlig fremde Welt. Bevor mein Vater mit mir nach Ahaus fuhr, konnte ich mich noch von dem schwer verunglückten Onkel Josef verabschieden, er starb dann im März 1928. Fräulein Gertrud, für mich Tante Gertrud war überhaupt nicht mit dem bäuerlichem Leben und der Plattdeutschen Mundart vertraut. Die Kommunikation zwischen uns war anfangs etwas schwierig, mein hochdeutscher Wortschatz war sehr begrenzt und ich musste noch viel lernen. Tante Gertrud zeigte viel Verständnis, sie half mir und hatte große Geduld mit mir, sie konnte sehr gut kochen, backen und nähen, sie war eine aufgeschlossene wendige junge Frau, vielseitig interessiert. Beim Einkauf nahm sie mich mit und machte mich mit allen Leuten bekannt. Schon bald wurde ich im Stadtgebiet bekannt als „die kleine Maria aus der Vikarie.“ Kurze Zeit vor Ostern nahm sie mich zum Broteinkauf mit, der Bäcker hatte sein kleines Schaufenster österlich dekoriert mit einem großen aufrecht stehendem Osterhasen. Ich war von dem Anblick so fasziniert und musste meine Begeisterung, in einem wohl überlegtem Satz, zum Ausdruck bringen. Ich sagte zu ihr: „Tante Gertrud nun kuck doch mal, wie der Hase klabendig auskuckt.“ Tante Gertrud platzte fast vor lachen. Sie nahm mich dann in den Arm und sagte ganz lieb zu mir: „Du hast das schon ganz gut und mutig gesagt, aber auf hochdeutsch heißt es dann, sieh doch mal, wie der Hase lebendig ausschaut.“ Ja, so lernte und erwarb ich jeden Tag neue Sprachkenntnisse. Tante Gertrud hatte sehr viel Geduld und Ausdauer. Sie hat mich auch sehr nachsichtig, aber auch zielbewusst auf die Einschulung vorbereitet. Sie nähte mir sehr schöne passende Garderobe für die Schule, den Sonntag und zum Spielen. So bekam ich auch ein hübsches schwarzes Mäntelchen, aus einer alten Soutane angefertigt, mit Blenden in altrosa an Kragen, Ärmel und Taschen verziert, passend dazu bekam ich auch einige Haarschleifen. Beim Friseur wurde mir ein pflegeleichter Bubikopf geschnitten, ein Schulranzen, Schiefertafel, Griffelkasten, Lese- und Rechenfibel ebenso eine kleine Rechenmaschine wurden eingekauft, alles nach meinem Geschmack. Nach meiner bangen Frage, wie teuer das alles sei und wer das bezahlt, sagte sie, mach dir keine Sorgen, das mache ich schon und deine Eltern haben mir auch Geld dazu gegeben. So ausgestattet und aufpoliert ging Tante Gertrud mit mir zum Fotografen, für mich alles fremd und beängstigend. Ein Fotolabor, dunkel mit großen Scheinwerfern ausgestattet, vor mir der große Fotoapparat mit großem schwarzen Überhang, darunter der Fotograf mit dem Zeitauslöser, dazu die Aufforderung, nicht bewegen, freundlich in das Objektiv schauen, bis der Auslöser sich meldet. Die Angst stand mir bis zum Hals, ein paar Tränen kullerten, aber Tante Gertrud saß am Rand des Studios und sprach mir beruhigend Mut zu. Diese Prozedur habe ich dann auch bestanden und ich war glücklich als wir nach einigen Tagen die gelungenen Fotos in der Hand hielten. Je ein Foto wurde, dann mit lieben Ostergrüßen, an mein Elternhaus, zu meinem Patenopa nach Haddorf und an die Eltern von Tante Gertrud ins Sauerland geschickt. --- Hier links ein Foto vom Sommer 1928 aus Offlum, wo ich auch angstvoll stille stehen muss und auf das Vögelchen warten soll. Dieses Foto wurde aufgenommen von Onkel Josef Spieker, zu der Zeit Kaplan an der Basilika in Rheine. Er besuchte uns häufig an sonnigen Sonntagen mit seinem Fahrrad, hinten drauf hatte er seinen großen Fotokasten mit Dreibeingestell. fotografieren war sein Hobby. Rechts das Foto vom März 1929 aus Ahaus. --- Schuljahre und Freizeitsituation in Ahaus. 1929 war schon am 31. März das Osterfest, somit kam ich Mitte April in die Schule, noch nicht ganz 6 Jahre alt. Es gab in Ahaus zu der Zeit eine evangelische und zwei katholische Volksschulen, eine für Jungen und eine für Mädchen, eine Rektorat- schule für Jungen, ein Lyzeum,das Canisius -Stift,für interne und externe Schülerinnen, von Ordens- Schwestern geleitet, dann noch eine Berufsschule und eine Landwirtschaftsschule. Die jüdischen Kinder wurden an allen Schulen oder in der Synagoge unterrichtet. Ich wurde in die kath. Volksschule für Mädchen eingeschult. Wir waren gut 40 Schülerinnen in der Klasse. Es waren Mädchen aus allen Berufsschichten, aus der Stadt und den Bauernschaften. Am Domhof hatte ich schon eine Freundin gefunden, sie hieß Aloysia Schwörer und war 2 Jahre älter als ich. Sie kümmerte sich sehr um mich, wir gingen gemeinsam zur Schule und am Nachmittag spielten wir oft, auch mit anderen Kindern, im Schlossgarten, auf dem Schlossplatz oder im Schloss bei der Familie Oldenkott, aber auch in unserem Garten am Schloss-graben. Langeweile kannten wir nicht, trotzdem kam bei mir doch manchmal ein leichtes Heimweh auf nach Offlum in die bäuerliche Heimat, vor allem am Abend und in der Nacht. Die Heimatbesuche beschränkten sich in den ersten Jahren auf gelegentliche Sonntagsvisiten. Onkel Karl hatte schon ein kleines Goliath- Auto (Dreirad) mit dem fuhr er an Wochenenden häufiger in die Verwandtschaft, manchmal nahm er mich mit.
Tante Gertrud blieb bis zum Sommer 1930 in Ahaus, dann musste sie zu ihrem Bruder, der als Kaplan einen eigenen Haushalt bekam, in die Nähe von Düsseldorf. Hier folgt ein Foto von Tante Gertrud und mir hinten im Garten am Schlossgraben.
Nun kam Mariechen Büscher -Eilert aus Legden als Haushälterin zu uns, bis Tante Mia dann, zu Beginn des Winters, den Haushalt endgültig übernahm. Dieser ständige Wechsel in der Haushaltsführung war für mich auch nicht so ganz leicht, jede hatte ihren eigenen Stil . Tante Mariechen nahm mich häufiger an den Sonntagen, auf dem Fahrrad mit zu ihrem elterlichen Hof nach Legden. Das waren für mich immer sehr erlebnisreiche schöne Stunden. (Ich habe ja schon in meinen Erinnerungen an Haddorf davon berichtet.)
Tante Mia hatte in Ahaus eine alte bekannte Freundin wohnen, das war Fine Lefering, Tochter einer Bildhauerfamilie. Sie kannten sich aus der gemeinsamen Zeit im Marienheim in Telgte. Für mich wieder eine neue Tante, die mich umsorgte, wenn ich später mal einige Tage alleine war. In den Ersten Jahren habe ich auch schon mal einige Nächte dort geschlafen. So vergingen meine Kinderjahre recht schnell.
Insgesamt war es, politisch gesehen, eine ganz unruhige Zeit. Hitler hatte es 1933 geschafft an die Macht zu kommen mit seinen national-sozialistischen Ideen und Parolen. Er hat es in kurzer Zeit geschafft, mit seinen Gesinnungsgenossen, das deutsche Volk zu begeistern und unter seine Macht zu zwingen. In Ahaus gab es 1933 schon eine starke Anhängerschaft bei der SA und bei der Hitlerjugend. Sie zogen im Marsch-schritt und begeistert singend durch die Straßen. Die HJ. zog oft am späten Abend noch laut grölend durch die Stadtgebiete mit Hetzparolen auf die Juden, warfen Fensterscheiben ein, verschmierten die Wände und Türen bei den jüdischen Familien, an den Geschäften und der Synagoge. Eine Teuflische Zeit hatte sich breit gemacht, deren Folgen Deutschland den Untergang brachten, wie wir bitter erfahren mussten in den Kriegs- u. Nachkriegsjahren.
Onkel Karl hatte sich einen kleinen Volksempfänger besorgt, er hielt ihn sehr versteckt und hörte ganz leise den Schwarzsender ab, um über die politische Lage informiert zu sein. Die katholische Bevölkerung, die Kirchen und die Geistlichen wurden besonders scharf überwacht. Konfessionelle Vereine standen unter starker Kontrolle ebenso die Schulen. Die Juden durften keine Geschäfte mehr führen, die Schaufenster und Türen wurden mit Brettern vernagelt und verschlossen ebenso die Synagoge. Viele Juden wurden über Nacht abstransportiert oder inhaftiert. Ich hatte 2 jüdische Spielfreundinnen, Margot de Jong (Viehhandel)und Inge Löwenstein (Textilgeschäft) aus sehr netten Familien,ich war des öfteren bei denen zu Hause, wurde auch manchmal zum Essen eingeladen. Ich durfte häufiger mit ihnen in die Synagoge gehen, ich habe sie auch manchmal mitgenommen in unsere Kirche, natürlich außerhalb der Gottesdienstzeiten. 1934 bekamen alle jüdischen Kinder Schulverbot, schon bald darauf waren viele Familien von Ahaus geflohen, einige haben sich noch schnell über Holland in Sicherheit gebracht, andere waren plötzlich verschwunden wohl in Konzentrationslagen oder in die Euthanasie, wo auch viele körperlich oder geistig behinderte Menschen gelandet sind. Der Bischof Clemens-August von Galen in Münster, auch „ Der Löwe von Münster“ genannt, wohl wegen seines Mutes und seiner geistigen und körperlichen Größe. Er hatte viel Mut und hat schon 1933 aufklärende Hirtenbriefe über die politischen Machenschaften in den Kirchen verkünden lassen, im Dom zu Münster hat er selber diesen Brief vorgelesen.
Am 9.Oktober 2005 war in Rom die Seligsprechung des Kardinal von Galen. Ich durfte an dieser Feier in Rom teilnehmen, es war ein bewegendes Erlebnis.
Ostern 1933 kam ich als externe Schülerin in das Canisius- Stift an der Ulmen- Allee in die Sexta, es war ein reines Mädchen-Lyzeum. Schwestern und ein Geistlicher leiteten das Haus und waren auch die Lehrpersonen. Wir waren nur 8 Schülerinnen in unserer Klasse, 6 waren im Internat. Gerharda van Delden (Tochter der Textilfabrikation) und ich wohnten in der Stadt. Gerharda war evangelisch und mir eine enge Freundin, sie hatte vier jüngere Geschwister. Wir gingen gemeinsam den Schulweg und Nachmittags trafen wir uns recht oft, entweder in ihrem Elternhaus oder bei uns, zum Spielen. Übrigens besuchte Onkel Karl auch häufiger die Eltern und die Großmutter, es waren recht bodenständige, gutmütige Leute, auch im Umgang mit ihren Arbeitern. Außer Textilfabriken gab es in Ahaus auch eine Streichholz- und eine große Holzschuhfabrik. Gerharda van Delden war im Krieg in Ahaus als Rot- Kreuz Schwester eingesezt, sie ist bei einem schweren Bombenangriff umgekommen.
Ahaus ist sehr schwer bombardiert worden, ganze Stadtteile wurden völlig ausradiert so auch der alte Domhof. Jetzt sind dort die weit bekannte Augen- praxis, Geschäfts- und Bürohäuser ansässig ebenso ist ein sehr großer Parkplatz errichtet worden. Die Kirche war sehr stark beschädigt und teilweise ruiniert. Man hat versucht Altes zu erhalten und hat sie mit moderner Ausrichtung wieder aufgebaut. Das Schloss war ziemlich verschont geblieben und ist im alten Stil renoviert.
Im Frühjahr1934 bekam Onkel in Greven eine Kaplanstelle. Ich musste die Schule wechseln, das Internat war zu teuer und zudem war die Zeit, politisch gesehen, sehr unsicher. Mit schwerem Herzen nahm ich Abschied von meiner mir vertrauten Umgebung.
In Greven bezogen wir am Marktplatz eine Doppel- Kaplanei, der Kirche gegenüber. Unten im Haus war auch noch die Borromäus- bücherei untergebracht. Der andere Kaplan hieß Karl Hellkuhl, er war auch ein Bauernsohn aus Seppenrade. Seine Schwester Guste führte ihm den Haushalt, für mich wieder eine Tante Guste und er war für mich Onkel Kaplan Hellkuhl. Beide hatten trockenen Humor und Schalk im Nacken. Sie haben mit mir manche Streiche ausgeheckt. Ein Beispiel: Onkel Karl und Tante Mia waren einige Tage nicht zu Hause und ich musste die Wohnung allein versorgen neben meinem Schulbesuch. Zu den Mahlzeiten war ich bei Tante Gertrud eingeladen, Die Schulaufgaben machte ich in unserer Wohnung unten im kleinen Wohnzimmer. Onkel Karl hatte oben in der Wohnung sein Warte- und Arbeitszimmer. Das Telefon hatte er in seinem Arbeitszimmer, normaler weise sollte ich es einfach schellen lassen, aber an diesem besonderen Tag schellte es unaufhörlich weiter. Nach etwa 5 Minuten bin ich dann nach oben gelaufen, ich dachte es seien vielleicht Tante oder Onkel mit einer Nachricht für mich, oben angekommen hörte die Schellerei auf. Diese Episode wiederholte sich an diesem Nachmittag mindestens fünfmal, Ich habe immer zk. 5 Minuten gewartet, bis ich nach oben lief, immer umsonst. Mir war schon ganz übel und konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren bei meinen Schulaufgaben. Ich überlegte, was ich machen könne, wenn es erneut schellen sollte, es dauerte nicht lange da schellt es, jetzt renne ich sofort hoch, oben angekommen endet das Schellen. Ich überlege und warte noch, es tut sich nichts, ich gehe wieder runter. Ich bin noch auf der letzten Stufe, da schellt es schon wieder. Ich renne wieder hoch, im Arbeitszimmer angekommen hört die Schellerei auf. Jetzt kam mir der Gedanke, du legst einfach den Hörer daneben, dann hört die Läuterei auf, so war es auch, jetzt konnte ich in Ruhe weiter lernen. Nach einer halben Stunde schellt es in einer Tour an der Haustür. Ich öffne und da steht ein Mann vor mir und sagt, er sei von der Post und müsse unser Telefon überprüfen, es sei nicht in Ordnung. Ich ging dann ganz zuversichtlich mit ihm nach oben, obschon ich striktes Verbot hatte von Onkel, sein Arbeitszimmer zu betreten oder fremde Leute ins Haus zu lassen. Der Mann fragte dann, wer hat denn den Hörer daneben gelegt, das ist strafbar, er legte ihn wieder auf und sagte, wo ist denn der Onkel Kaplan? Dann kam Tante Guste durch die Verbindungstür in unseren Flur und fragte ganz dumm, was ist hier los? Ich habe die Schellerei an der Haustür bei mir gehört und gemerkt, das jemand mit dir nach oben gegangen ist, da wollte ich mal eben nachsehen, wen du da ins Haus gelassen hast. Sie hat dann mit dem Mann einige Zeit gesprochen und der ist dann wieder gegangen und hat zu mir gesagt, das darfst du nie wieder machen, einfach den Hörer daneben legen, aber jetzt ist alles wieder gut, du brauchst keine Angst mehr haben, es passiert nichts, Ich war völlig fertig und brach laut in Tränen aus. Tante Guste wurde jetzt doch ein wenig nervös und sagte ganz lieb zu mir, du gehst jetzt mit mir in mein Wohnzimmer. Ich helfe dir auch bei den Schulaufgaben und dann mache ich ganz was leckeres zum Essen und dann erzähle ich dir, warum das Telefon immer geschellt hat, es war gar nichts schlimmes, du musst jetzt auch wieder lachen. Mir ging`s wieder gut, das Essen war sehr lecker und hat mir gut getan nach der Strapaze. Wir wollten dann noch ein wenig Mühle miteinander spielen. Doch zuvor musste sie mir doch ihr Schuld- Bekenntnis ablegen. Sie hatte die ganzen Telefonanrufe bei uns getätigt und mich so auf Trab gehalten. Sie konnte durch die Verbindungstür jeden Treppen Auf- und Abgang von mir verfolgen. Ja, das war schon ein herber Streich von ihr, aber sie hat sich sehr entschuldigt und versuchte, mich in den nächsten Tagen, ordentlich zu verwöhnen. Fräulein Guste hat aber hinterher auch bei Tante Mia ihren dummen Streich bekannt und sich dafür entschuldigt. Onkel Karl hat nur mit dem Kopf geschüttelt, als er davon erfuhr. Das, ist eines meiner vielen Erlebnisse in Greven. Nun zur Schulsituation: Ich besuchte die Rektoratschule mit Lyzealausbildung an der Bergstraße. Ich hatte es gut ,die Schule lag direkt an unserem Garten hinterm Haus. Wir waren mit 7 Mädchen und 21 Jungen in der Klasse. Der Leiter und Rektor war Dr.Bernhard Bußmann, ein schon älterer Geistlicher Herr. Er hatte seine Wohnung oben in der Schule, seine Schwester führte ihm den Haushalt, sie kamen auch von einem Bauernhof und somit hatten sie recht oft ihre Nichten zu Besuch, für mich willkommene Spielgefährten. Meine Mitschülerinnen waren, Sigrid Waltermann, Marlene van der Velden, Karola Konermann, Mäusi Jansen, Elisabeth Schulte und später kam noch Gustel Reinhold hinzu. Die Schulsituation war für mich anfangs sehr gewöhnungsbedürftig, so viel unterschiedliche Jungen aus allen Berufsschichten und verschiedenen Ortsteilen. Als Lehrer hatten wir an der Schule, die Herren Sprenger, Veuskens, Berkenheide, Schiffels und als Junglehrer und Referendar Dr. Mersmann, ein ganz dynamischer sportlicher Typ, der auch über Bänke sprang, wenn er Mogelei oder anderes Fehlverhalten bemerkte. Eine Lehrerin war zuständig für die Sportstunde bei den Mädchen und den Handarbeitsuntericht. Rektor Bußmann trat schon bald in den verdienten Ruhestand, aber ein politischer Druck stand wohl auch dahinter. Dr. Johannemann wurde neuer Direktor, er ist dann später als Soldat im Krieg gefallen. Ab1936 war Änne Spieker auch in der Rektoratschule und wohnte bei uns in der Kaplanei. Änne und ich teilten uns ein Zimmer und das Bett. An den Wochenenden fuhren wir nun zusammen nach Schmedehausen, bei gutem Wetter mit Rollschuhen oder mit dem Fahrrad. Montag morgens ging es in der Frühe zurück um pünktlich in der Schule zu sein. Wenn das Wetter ganz schlecht war brachte Onkel Viktor uns schon mal mit dem Auto zurück. Im Winter blieben wir meistens in Greven, wir halfen dann in der Borromäus- bücherei bei der Ausleihe oder Einordnung mit, ebenso in der Woche am Donnerstag- nachmittag. Wir hatten immer freien Zugang zur Bücherei, das war eine tolle Sache. In Schmedehausen habe ich auch viel erlebt, ich könnte fast ein Buch darüber schreiben, Zur Familie gehörten Onkel Viktor und Tante Paula (Schwester meines Vaters) die Kinder Änne geb.1924, gest.2002, Josef geb.1926 gef,1944, Paul geb.1928 er lebt noch auf dem Elternhof, Tonius geb.1932, gest.1991, Ewald geb.1936 ist Geistlicher und lebt in Hiltrup- Münster, Ludger geb. 1940, 1968 bei Glatteis tödlich verunglückt. Das Wochenende verlief meistens nach gleichem Ritual. Gegen 15,00 Uhr erreichten wir den Hof, natürlich ein wenig abgespannt je nach Wetterlage dauerte der Weg auch schon mal länger, es waren immerhin zirka 12 Kilometer zu überwinden. Zunächst nahm Tante Paula uns in Empfang, wir durften uns frisch machen und ausruhen. Sie ließ sich von uns den Wochenverlauf berichten, dabei bereitete sie den Kaffeetisch vor, meistens mit frisch gebackenem Platenkuchen oder mit selbst gebackenen Rosinenbrötchen. Natürlich alles im großen Holzbackofen gegart, wie zu der Zeit auf den Bauernhöfen noch üblich, Samstags war Backtag für die folgende Woche. Gut erholt durften wir dann noch kleinere Arbeiten verrichten, z.B. Gartenwege harken, die gepflasterten Wege und Flächen fegen, Holz holen für die Küche und das Herdfeuer u.s.w. Alle 3 Wochen kam, meistens, Onkel Anton über Wochenende zu Besuch, ein lediger Bruder von Onkel Viktor. Er war Verwalter am Prosper- Hospital in Recklinghausen und hatte dort der großen Landwirtschaft vorzustehen. Er hatte auch immer mehrere junge Leute in landwirtschaftlicher Ausbildung. Recht häufig brachte er 1 oder 2 von diesen Jungen mit. Änne und ich bekamen dann die ehrenvolle Aufgabe diesen Besuch mit Pferd und Dogkart vom Bahnhof Brook abzuholen, zirka 6 Km. vom Hof gelegen. Sonntags nach dem Kaffee durften wir sie auch häufiger zum Bahnhof zurückbringen. Ab und an kam, an Sonntagnachmittagen Onkel Pastor Josef Spieker aus Albachten zu Besuch in sein Elternhaus. Meistens hatte er seine große Photo- Kamera mitgebracht. Wir mussten dann schön stille stehen, in die Linse schauen und auf das Vögelchen warten, mittlerweile war uns diese Prozedur schon vertraut. Der Sonntag hatte ein festes Ritual, am Morgen war der Kirchgang nach Schmedehausen, anschließend kurzer Einkauf bei Weiligmann, manchmal schloss sich auch noch ein Friedhofs- Besuch an. Nach dem Mittagessen gab es eine kurze Ruhepause und dann mussten wir alle, Kinder und Besucher, zum Sonntags Spaziergang antreten. Onkel Viktor hatte seine Sonntagszigarre an, den großen Hut auf und den Spazierstock in der Hand, so führte er die Truppe an mit guter Laune, ab in die Bever- Heide. Dort wurde nach dem Vieh, den Zäunen und den Wasserpumpen gesehen, meistens wurden hier die tragenden Rinder und Fersen aufgetrieben. Gegen vier Uhr waren wir zurück, passend zum Kaffeetrinken mit leckerem Kuchen und Rosinenstuten. Tante Paula hatte alles tiptop hergerichtet, nachdem sie sich eine kurze Mittagsruhe gegönnt hatte. Nach der Kafffeepause gings auf zum zweiten Spaziergang durch die Kuh- und Bullenweiden an der Birke entlang bis zum Hof Bettich (Bettmann), auch hier wurde nach dem Rechten geschaut. Manchmal durften wir Kinder auch mit den Nachbarkindern spielen z. B. Völkerball, Blinde Kuh, Hinke Pinke oder Plumpsack geht rund u.s.w., einmal im Sommer gab es auch ein Kinderschützenfest,das war immer besonders lustig. Onkel Viktor hatte die Vogelstange vorbereitet, er sah dann aus der Nähe dem Treiben der Jungen zu. Wir Mädchen suchten Blümchen und banden kleine Kränzchen damit, Tante Paula unterstützte uns dabei. Nachdem ein König gefunden war, durfte er sich eine Königin suchen. Onkel Viktor hatte inzwischen den alten Hektor vor den Kutschwagen gespannt und das Königspaar und die Ehrendamen durften einsteigen wir anderen folgten dem Gefährt und so zogen wir singend durch die Nachbarschaft. Einmal wurde ich auch zur Königin erkoren, das war schon etwas Aufregendes. Diese Abende fanden immer mit einem leckerem Abendessen ihren Abschluss, meistens mit Bratwürstchen, Kartoffelsalat, Saft und Kakao. Abends ging es dann, wie immer, müde ins Bett. Wir mussten ja auch am Montagmorgen früh aufstehen um früh genug in der Schule zu sein.Jetzt muss ich auch noch die wunderschönen und erlebnisreichen Stunden am Herdfeuer erwähnen. Onkel Viktor war eher ein ruhiger wortkarger Typ, aber er war immer gut für witzige und ulkige Überraschungen. Mit dem „Köelken- stippen“ und den Spukgeschichten konnte er uns Stundenlang munter halten. Wenn die ersten Kartoffeln geerntet waren, dann gab es Spießkartoffeln im Herdfeuer gegart. Zu Weihnachten und Silvester gab es dann die Piepkuchen, ebenso zur Fastenzeit die leckeren Lederlappen aus einem zähen Knetteig mit etwas Salz, Zucker und Aniskörnern zubereitet. Diese Bäckerei war ganz selbstverständlich die Aufgabe von Onkel Viktor. Er hatte dazu 3 Waffeleisen mit langen Schäften in Betrieb, natürlich wurde alles im Herdfeuer gebacken. Wir Kinder durften ihm dabei helfen und kleine Aufgaben übernehmen. Spätesten gegen 21 Uhr mussten wir dann, nach einem kurzen gemeinsamen Abendgebet ins Bett. 1936 wurde Ewald geboren, jetzt hatten Änne und ich wieder eine neue Aufgabe, wir durften ihn schon mal auf den Schoß halten oder ihm das Fläschen geben, später auch das Laufen beibringen. Ewald war ein ganz pflegeleichtes,liebes Kerlchen hat viel gelacht und kaum geweint. Der Tonius war da schon nickelicher als kleiner Kerl. So gäbe es noch vieles zu berichten, aber ich möchte hier meine Erlebnisse mit Schmedehausen beenden. Nun zurück zum Schulverlauf in Greven. Wir Mädchen hatten in den ersten Jahren Französisch und die Jungen Latein als Fremdsprache, ab der Quarta gab es Englisch als Pflichtfach dazu. Ebenso wurden die Geschichtsstunden und auch das Fach Religion immer mehr zum Politikunterricht umgestaltet. Die Lehrkräfte unterstanden auch immer mehr einem starken politischem Druck. Mit dem Abgang von Rektor Bußmann waren neue Lehrkräfte gekommen und damit auch eine neue Ausrichtung im Unterrichtsstil. Der Einfluss und die Diktatur der N.S.D.A.P. nahm immer stärkeren Einfluss auf die Schulen und auf die Kirchen. Kirchliche Einrichtungen und kirchliche Vereine wurden nach und nach verboten, die Geistlichkeit stand unter sehr starker Kontrolle. Es wurden immer mehr Spitzel und getarnte Kontrolleure eingesetzt z. B. In der Kirche bei den Predigten in den Vereinen oder bei Vortrags Veranstaltungen, selbst die Krankenbetreuungen und Besuche wurden beobachtet, Zu der Zeit, sprach ja auch der Bischof von Münster Clemens -August Graf von Galen, auch der Löwe von Münster genannt, schon ganz deutliche Worte, in seinen Hirtenbriefen, gegen das Hitler Regime und deren Greueltaten, wie die Judenverfolgung, die Euthanasie von unwertem Leben, den Behinderten und Juden,den vielen Verhaftungen und Abführungen in die Konzentrationslager von nicht Hitler getreuen Leuten u.s.w. Auch in den Schulen war starke Kontrolle und Überprüfung, wer noch nicht der Hitlerjugend oder den Jungmädeln angehörte, und ob die Eltern auch Mitglied in der Partei waren. Es waren schon länger die so genannten Staatsjugendtage eingeführt, sie waren zunächst einmal im Monat an einem Samstag von 8 Uhr bis am Nachmittag gegen 15 Uhr. Alle hatten in Uniform anzutreten, Jungen und Mädel getrennt. Dann zogen sie Paarweise singend und marschierend durch die Straßen meistens zum großen Sportplatz oder in die Sporthallen, dort wurden Spiele, Reigen oder Wettspiele veranstaltet. Alle waren hellauf begeistert und freuten sich schon auf das nächste Treffen. Schon bald wurde alle 14 Tage ein Jugendtag eingeführt. Zuerst waren wir noch zu 6 oder 7 Mädchen an der Schule die nicht zu den Jungmädeln gehörten, aber es wurden von Monat zu Monat weniger, alle gingen in die Partei. Änne Spieker und ich blieben allein über, es war für uns nicht ganz einfach, wir wurden tüchtig gehänselt und belächelt. An den Samstagen mussten wir zur Schule und hatten bis Mittag da zu sein, wir bekamen jeder ein Aufsatzthema gestellt und mussten das ausführlich und umfassend behandeln und abgeben. Wir haben nie etwas davon wiedergesehen. Eine Lehrperson kam ab und an ins Klassenzimmer und kontrollierte uns. Ja, so war das im Nazi- Regime, alle standen unter Kontrolle. 1937 war ich in der Obertertia, heute sagt man, Klasse neun. Nach den Sommerferien bin ich dann von der Schule abgegangen, Onkel Karl hatte mit meinen Eltern überlegt und sie sahen auch keinen Sinn mehr darin und so war für mich Schulschluss. Onkel Karl hatte zudem schon eine Versetzung angekündigt bekommen, er war auch ein wenig gefährdet, man hatte ihn auch schon mal verdächtigt und zur Gestapo vorgeladen, stark verhört und gedroht mit einer Inhaftierung. Er wurde dann versetzt als Pfarrrektor nach Sickingmühle bei Marl- Hüls in die Nähe der Buna- Werke, im Krieg ein sehr Bomben- gefährdete Gegend. Er und Tante Mia haben dort auch eine schwere Zeit erlebt, sie haben viele Nächte im Bunker verbracht und vielen ängstlichen Leuten und Kindern geholfen und sie betreut. Wieder zu Hause in Neuenkirchen. In den Sommerferien habe ich auf dem Hof mitgeholfen wie immer in den Ferien. Aber meine Eltern und auch meine Oma waren sich einig, dass ich erst einmal für ein halbes Jahr, als Haustochter, in einem anderen Haushalt Grundbegriffe der Haushaltsführung erlernen und erleben sollte. So brachte mich mein Vater Ende September auf den Hof Schulze Westhof in Einen / Milte Kreis Warendorf. Ich war dort von September 1937 bis Ende April 1938, danach wurde ich zu Hause gebraucht. Das damalige Pflichtjahrmädchen, eine Mimmi Pfeifer aus Rheine hatte ihr Jahr beendet. Ein kurzer Bericht zur Familie und dem Hof in Einen. Frau Westhof war eine Jugendfreundin von meiner Tante Maria Ahling in Haddorf, sie hatte auch diese Vermittlung hergestellt und sie meinen Eltern und mir empfohlen. Es war ein alter, großer Hof mit eigener Jagd, einem Melker, einem Großknecht, einer Lehrköchin und Haushaltshilfe, mit männlichen Aushilfen und Tagelöhnern, Zur Familie zählten Herr und Frau Westhof, drei Töchter (Maria, Sofia und Anna), zwei Söhne (Stefan und Bruno) außerdem ein Eleve und ich als Haustochter. Die älteste Tochter war 18 Jahre alt und zu der Zeit im Internat an der Landfrauenschule in Freckenhorst, Anna und die beiden Söhne gingen noch zur Schule. Sofia war 16 Jahre alt, sie war meine Partnerin bei allen Arbeiten und in der Freizeit. Wir verstanden uns sehr gut und haben auch manchen Streich verzapft. Viele Hausarbeiten und Nahrungszubereitungen waren mir schon bekannt aus meiner Kinder und Jugendzeit, hier war nur alles in einem größeren Umfang und in größeren Mengen. Das Brot backen war auch einmal wöchentlich in einem eigenen Backhaus mit zwei großen Holzbacköfen, je nach Bedarf wurden beide Öfen geheizt und in jedem zk. 8 Brotleibe gebacken. Alle 4 – 5 Wochen wurden die Brote aus einem Ofen zerrissen und in der Nachwärme zu Knabbeln getrocknet, verschiedene Platenkuchen mit Streußel, Äpfeln oder Pflaumen kamen auch in die Nachwärme zum Garen. Ebenso kamen im Herbst Apfelringe, Pflaumen und Birnenhälften zum Trocknen in diese Nachwärme der Öfen und wurden dann in Leinensäckchen gefüllt und an luftiger Stelle im Vorrat aufgehängt, später kamen sie dann in große Holztruhen für den Winter. Bei der Zubereitung verschiedener Speisen. vor allem auch bei Wildgerichten, waren diese Trockenfrüchte sehr begehrte Beigaben. Die Zubereitung des Weißkohls zu Sauerkraut hatte auch ein ganz besonderes Ritual, es war immer ein ganz besonderer Tag auf dem Hof. Der Weißkohl wurde in den Tagen zuvor auf dem Felde geerntet und hinter dem Haus an der Gartenseite gestapelt. Am Zubereitungstag waren wir alle im Einsatz, der Großknecht musste sich baden, bekam eine saubere Leinenjacke, eine weiße Leinenhose, keine Socken aber eigens für diese Aufgabe ein Paar neue gescheuerte Holzschuhe zum Anziehen. Diese Holzschuhe standen zum Einstieg bereit, auf einem weißen Leinentuch, auf einer stabilen Fußbank. Der Eleve, Frau Westhof, Sofia und ich mussten die Weißkohl- köpfe zum Hobeln vorbereiten. Der Großknecht begann mit dem Hobeln der ersten Kohl-hälften, dann übernahm der Eleve diese Arbeit. Frau Westhof hatte den ersten geschabten Kohl in das vorbereitete Holzfass gefüllt und mit der entsprechenden Menge Salz, Wacholderbeeren und Lorbeerblättern gewürzt. Jetzt begann die nicht leichte Aufgabe des Großknechtes, er stieg von seinen sauberen Laufholzschuhen um in die Stampf-holzschuhe auf dem Hocker und dann in das Krautfass. Jetzt begann für ihn eine anstrengende harte Arbeit, er musste solange den Kohl treten bis der Kraut-saft sichtbar wurde. So ging das Schicht für Schicht weiter bis das Fass gefüllt war, es dauerte oft bis zum Spätnachmittag. Manchmal musste er auch eine kurze Erholungspause einlegen, sonst bekam er einen Drehwurm. So wurde das Sauerkraut hergestellt, es war im Herbst und Winter ein vorzügliches Gemüse, angerichtet zu Eintöpfen oder mit gebackenen Äpfeln und Preißel-beeren zu Wildgerichten, ein ganz beliebtes Jagdessen nach großen Treibjachten. So könnte ich noch von vielen besonderen Erlebnissen berichten, z.B. über die Treibjachten, großen Visiten, Erntedank- und Schlachtrituale oder den vielen Besuchen in der großen Verwandtschaft, von den Kirchgängen und Wallfahrten. Als besonderes Erlebnis möchte ich auch noch meinen ersten und einzigen Besuch der Warendorfer Hengst-parade erwähnen, es war auch die letzte Parade vor dem Kriegsbeginn. Der Tagesablauf ging auch nach festen Regeln. Sofia und ich mussten um sechs Uhr am Morgen unten sein, dann im Wechsel Holzscheite holen fürs Herdfeuer oder sonstige Aufträge verrichten und die Tische zum Frühstück decken. Das erste Frühstück war um 6,30 Uhr, es gab Knabbeln mit heißer Milch oder mit Malzkaffee, dazu gab es manchmal gebratene Wurstebrot- oder Leberbrotscheiben auch schon mal Pfannkuchen. Danach gingen die Männer in die Außenarbeit, die Kinder zur Schule, Sofia und ich mussten die Tische abräumen und dann die Schlafzimmer, Badezimmer, Treppen und Flure in Ordnung halten ebenso das Schreibzimmer, Esszimmer und das große Wohn- und Jagdzimmer aufräumen und putzen. Um 10 Uhr gab es das zweite Frühstück mit Kaffee Brot, Butter und Aufschnitt. Für die Männer mussten wir es sehr häufig aufs Feld oder zu den Waldarbeitern herausbringen. Um 12 Uhr war das Mittagessen, danach gab es, im Winter, für die Männer eine kurze Mittagspause bis 13 Uhr, wir Mädchen mussten die Tische abräumen, das Geschirr spülen, die Kochküche aufräumen und wischen, die große Essdiele fegen und in Ordnung bringen, danach hatten auch wir eine Ruhepause bis 14 Uhr. Am Nachmittag standen ganz verschiedene Arbeiten an, Gartenarbeiten, Obst und Gemüse einmachen, Marmelade und Gelee kochen, Wäsche waschen, bügeln, flicken und stopfen oder auch geschorene Schafwolle waschen, kämmen und zum Spinnen vorbereiten. Auf dem Hof wurde eine große Schafherde gehalten, die von einem Heuermann, der auch auch Schäfer war und mit seiner Familie im Heuerhaus wohnte, betreut. Das Hühnerschlachten und rupfen, ebenso Fasanen und anderes Wild herrichten war die Arbeit der Frauen. Mehrere Schafe und Schweine und auch ein Rindvieh wurden im Winter geschlachtet. Beim Schweineschlachten war das Blut rühren unsere Aufgabe. Das Blut rühren war ganz wichtig beim Schlachten eines Schweines, es ist ja heute eine völlig unbekannte Arbeit im privaten Bereich, da keine Hausschlachtungen mehr erlaubt sind. Beim Schlachten wurde das Schwein, mit einem Axtschlag vor dem Kopf betäubt und sofort vom Schlachter durch die Hals- Schlagadern geschnitten. Das heraus-strömende warme Blut musste ganz schnell mit einer flachen großen Schale aufgefangen und Literweise in einen großen Emaille- Eimer gegossen werden, es waren Meistens 8- 10 Liter Blut, je nach Größe des Schweines. Der Schlachter drückte dann solange die Schlagadern mit der Hand zu, bis die Schale wieder zum Auffangen bereit stand. In dem Eimer musste das Blut sofort mit der Hand oder aber, in späteren Jahren, mit einem großen starken Schläger schnell und kräftig gerührt werden bis es kalt war, damit das Hämoglobin im Blut nicht gerinnen konnte. Diese Arbeit war nicht unbedingt, bei den Mädchen ebenso auch bei den Jungen, sehr beliebt, oftmals hat jemand dabei abgebaut. Das Blut fand später Verwertung beim Herstellen von Wurstebrot, Blutwurst oder Brotsoppen, diese Produkte gibt es auch heute noch in jeder Metzgerei zu kaufen, soweit meine Erklärung zum Blutrühren. Das Zerlegen der Schweine machte der Schlachter mit der Chefin und der Lehrköchin, beim Verwursten u.s.w. mussten wir wieder helfen und Handreichungen machen, ebenso beim Einsalzen der Schinken und der Speckseiten u.s.w. So könnte ich noch von vielen Arbeitsabläufen berichten, zu einigen Besonderheiten im bäuerlichen Alltag komme ich noch im weiteren Verlauf meiner Erzählung von früher. Erwähnen möchte ich aber noch die traditionelle Rangordnung im Tagesablauf auf den großbäuerlichen Betrieben, so auch auf dem Hofe Schulze Westhof. Zu den Mahlzeiten trafen sich alle, die im Haus, Stall oder auf dem Hof beschäftigt waren, in der großen Diele. Wir bekamen alle die gleichen Speisen, nur an drei verschiedenen Tischen unterschiedlich serviert. Die Familie zu der auch der Eleve und ich gehörten,saß unter dem Rauchfang vorm Kamin an einem recht großen altem Eichentisch. Zum Mittag- und Abendessen mit einer weißen Tischdecke, mit Suppen- Ess- und Desserttellern gedeckt. An diesem Tisch wurden die Speisen in Schüsseln und auf Platten serviert. Diesen Dienst hatten Sofia und ich im wöchentlichem Wechsel auszurichten. Der ständige Hofknecht und die Hausköchin saßen an einem kleinem Tisch vor den Fenstern. Auf diese Tischplatte wurde zu den Mahlzeiten ein unifarben Wachstuch aufgelegt, nach den Mahlzeiten sauber abgewischt und wieder auf eine Stange gerollt. Die Suppenportion kam direkt für jeden in ein Kümpchen und die Beilagen an Fleisch, Wurst oder Fisch gleich auf jeden Teller, Gemüse, Kartoffeln, Eintopf oder Sonstiges wurde in kleinen Schüsseln auf den Tisch gestellt. Den Nachtisch gab es auch gleich für jeden als Portion in einem Schälchen, Ein dritter Tisch stand an der Wand zur Tenne, dort saßen der Melker und die Tagelöhner, da wurde ein buntes Wachstuch ausgebreitet. Das Essen wurde auf gleiche Weise serviert wie bei dem Tisch vorher. Zum zweiten Frühstück waren die Männer meistens auf den Feldern in den Wiesen oder im Wald beschäftigt. Das Frühstück oder auch die Kaffee– Mahlzeiten wurden meistens von uns Mädchen oder auch ab und an vom Chef selbst herausgebracht. Wir Frauen saßen zum Frühstück und auch zum Kaffee trinken wieder an den gleichen Tischen, manchmal war auch der Chef mit dabei. Am Familientisch standen Kaffee, Zucker und Milch, ebenso Brot, Aufschnitt, Butter u.s.w. auf Platten bereit und wir schmierten und belegten unsere Brote selber, soviel wir mochten. Die Hausangestellte saß allein an ihrem Tisch mit einem fertig belegtem Brot und einer großen Tasse Kaffee. Zum Nachmittagskaffee wiederholte sich das ebenso. Ich habe es immer als besonders schmerzlich empfunden, wenn wir Frauen nachmittags Garten- oder andere Arbeiten zusammen verrichteten und dann an getrennten Tischen unsere Kaffeepause hielten. Ja,so war es früher auf größeren Höfen. Ich habe mir aber, da schon geschworen, dass ich es in meinem späteren Leben nie so praktizieren würde, und so war es auch. Nun noch kurz zum Ablauf der Feierabende in der Woche. Nach dem pünktlichen Abendessen, schauten die Männer noch mal eben auf dem Hof nach ob alle Türen verschlossen waren und eben durch die Ställe nach dem Vieh, ob alles in Ordnung war. Danach besprachen sich der Chef noch kurz mit den Männern über den Verlauf und die Ereignisse des Tages und auch schon über die Planung der Arbeiten für den nächsten Tag. Wir Frauen spülten und räumten die Küche auf. Frau Westhof schaute die Schulaufgaben der Kinder nach, dann war Feierabend. Die Familie, der Eleve und ich versammelten uns im Schreibzimmer, dort konnte jeder von seinen Tageserlebnissen oder sonstiges erzählen. Ab und an machten wir auch schon mal Gesellschaftsspiele oder es wurde vorgelesen oder andere Erlebnisse oder aktuelle Ereignisse besprochen. Um 21 Uhr gingen wir alle zusammen in die Spinnstube zu den Angestellten, wir beteten dann gemeinsam das Abend- und Nachtgebet. Im Oktober beteten wir jeden Abend den Rosenkranz, dabei knieten wir auf einer Fußbank, vor dem Stuhlsitz. Herr und Frau Westhof knieten genau so und beteten im Wechsel vor und alle antworteten. Im November oder bei anderen Anlässen wurde auch noch eine Litanei angehängt. Danach mussten die Kinder schnell in die Betten. Wir anderen blieben dann noch bis 22 Uhr oder auch mal bis 22/30 Uhr in der Spinnstube, das war immer recht gemütlich, ein kleines Herdfeuer sorgte für die gemütliche Wärme, es wurden Spuk- Geschichten oder sonstige lustige Erlebnisse erzählt. Manchmal wurde auch vorgelesen oder Gedichte vorgetragen, es war immer ein recht nettes und gemütliches Beisammensein zum Abschluss und Ausklang des Tages. Hiermit möchte ich den Beitrag von meiner Zeit in Einen/ Milte, Kreis Warendorf beenden. Es war für mich eine sehr wertvolle und lehrreiche Zeit auf dem Hof Schulze Westhof, ich habe diese Zeit in sehr guter und schöner Erinnerung und möchte sie nicht missen in meinem Leben.
Zurück im Elternhaus in Neuenkirchen /Offlum 37. Mitte April 1938 war ich wieder daheim, für mich begann eine sehr schwere Zeit und eine große Umstellung, der Ernst des Lebens begann. Zudem wurde die politische Situation immer dramatischer und schwieriger, die Juden- verfolgung hatte ihren Höhepunkt erreicht, ebenso die Euthanasie des unwerten Lebens. Öffentlich war es nicht so bekannt, aber gewisse Insider bekamen davon mit, aber sie standen unter ständiger Kontrolle, vor allem wenn sie nicht der Partei angehörten, lebten sie in großer Gefahr. Unser Vater und auch Karl Hovekamp und andere Personen, sowie unser Tierarzt, Hausarzt,einige Lehrer, die Geistlichen und andere mutige Leute waren unter starker Kontrolle. Der damalige „Bischof von Münster“und später „Kardinal Clemens- August, Graf von Galen“ wagte ganz mutige, offene und wahre Worte in seinen Predigten und in den Hirtenbriefen, diese Briefe wurden auch von vielen Christen abgetippt und unter Vorsicht weiter verbreitet. Der Bischof lebte in steter Gefahr,aber man traute sich nicht so recht an ihn heran, wohl wegen seiner großen Beliebtheit und seinem Ansehen im ganzen Land und seiner gewaltigen geistigen und körperlichen Größe und auch, wegen seiner Abstammung aus einem alten, weltweit bekannten Adelsgeschlechtes. Nicht umsonst wurde er, „Der Löwe von Münster.“ genannt. Im Jahr 2006 wurde er in Rom „Selig“ gesprochen. Ich konnte an dieser Seligsprechungsfeier teilnehmen, es war ein einmaliges Erlebnis für mich. Wir hatten im Frühjahr 1938 in Neuenkirchen noch ein einziges jüdisches kinderloses Ehepaar, etwa 40 bis 50 Jahre alt. Sie hießen Hoffmann und die Familien waren seit Generationen im Ort ansässig. Sie hatten Fabrikunternehmen geführt und andere Besitze aufgebaut. Die meisten Familien waren schon in früheren Jahren nach Holland oder Israel abgewandert, bis auf dieses Ehepaar. Sie hatten ein eigenes ,bis dahin gut gehendes Textilgeschäft, das Geschäftshaus steht bis heute noch unverändert im Ort, es ist das Textilhaus Hinterding. Meine Mutter kannte dieses Ehepaar sehr gut und war auch wohl über deren Situation informiert. Es war wohl Ende April, als meine Mutter mich am Abend bat, doch mit ihr zu fahren. Sie sagte nur, du darfst nicht drüber sprechen, wir fahren mit dem Fahrrad über den Berg, von hinten herum in den Ort. Wenn dich einer anhält und fragt, dann weißt du nicht wo ich mit dir hin will, du weißt nur zu Verwandten und im übrigen schweigen wir unterwegs, wir müssen leise sein und ohne Licht fahren. Wir konnten dann durch die heutige Gartenstiege, ein Sandweg zu der Zeit, von hinten an das Geschäft Hofmann kommen. Hinter Elfers ist eine Zuwegung, die auch heute noch besteht. Das Ehepaar Hofmann wusste wohl Bescheid, sie ließen uns schweigend in das total verdunkelte und verriegelte Haus. Innen hatten sie nur eine ganz schwache Beleuchtung, sie weinten alle, meine Mutter auch, ich stand ohne Worte dabei. Meine Mutter hatte ein großes Paket geschnürt mit haltbaren Lebensmitteln, Schinken, Wurst, Speck und Butter. Ich hatte noch einen Beutel mit Brot und ein paar Eiern dabei. Sie waren ganz dankbar und gerührt, ihre Hände zitterten.Nach kurzem Gespräch miteinander, nahmen sie uns schweigend mit in den Laden, nur mit einer kleinen verdeckten Taschenlampe. Die Schaufenster waren von außen alle von den Nazis mit Brettern verriegelt und beschmiert worden, einen ganz kleinen Spalt im Oberlicht der Tür hatten sie freigelassen, dadurch wurden sie beobachtet und der Laden überwacht. Sie führten meine Mutter und mich in eine dunkle Ecke hinter der Theke, sie hatten dort schon Sachen gestapelt, hauptsächlich für Männer, Arbeitskleidung und Wäsche. Meine Mutter sollte am liebsten alles mitnehmen oder wenigstens aussuchen was sie gebrauchen und wir mitnehmen konnten. Sie haben uns alles gebündelt und verpackt. Meine Mutter hat ihnen noch einen Geldschein gegeben und wir haben uns dann unter Tränen schweigend von ihnen verabschiedet, und das alles ohne Licht. Wir haben im Dunkel unsere Räder über den Berg wieder nach Hause geschoben. Wir hatten Glück, uns ist niemand begegnet. Zu Hause durfte ich auch mit niemanden darüber sprechen, unser Vater und unsere Oma waren wohl informiert, aber die Geschwister sollten es nicht wissen, weil sie zur Schule gingen und mit anderen Kindern zusammen kamen.
Einige Tage später, sagte meine Mutter mir dann, Hofman hätten Neuenkirchen verlassen, wohin, hat sie nicht gesagt. Später hörte ich dann, sie seien wohl über Holland nach Israel geflohen. Ja, so war es in der Zeit, jeder war gefährdet. (Im Moment, wo ich diese Begebenheit aufschreibe, befindet sich unser „Papst – Benedikt der 16te.“ vom 9.Mai bis zum 15. Mai 2009 im Heiligen Land, und er bittet und betet dort um Aussöhnung und Frieden unter den Völkern und in der Welt) Ja, ich könnte noch einiges berichten über die Judenverfolgung und andere Verhaftungen und Abführungen in die Vernichtungslager. Wenn ich meine Pläne alle noch durchziehen kann, dann komme ich mit meinen Kriegs- und Nachkriegsberichten noch darauf zurück.
Zu Hause musste ich meiner Mutter und meiner Oma bei den anstehenden Garten- Stall- und Hausarbeiten helfen und auch selbständig erledigen, sie waren erstaunt, was ich in Einen alles erlernt hatte und ausführen konnte. Immer wieder war auch meine Mithilfe bei der Feldarbeit erwünscht. Carola und Hugo waren in der Schule und Hedwig wurde eingeschult, ich durfte ihnen bei den Schulaufgaben helfen. Carola und Hedwig waren beide körperlich sehr schlank und schwach, sie bekamen immer den süßen Lebertran und andere Extras. Ich war kräftiger von Statur und bekam daher keine Sonderportionen und keine Extras.
Meine Eltern waren schon immer eng befreundet mit den Familien Hovekamp und Naarmann ebenso mit Familie Dr. Mammes und Dr, Borgschulze, einem alten Junggesellen, dem Bankdirektor der Spardarka Theodor Hinrichs,Dr. Paul Budde, Direktor und Leiter der Landwirtschaftskammer und Schule in Burgsteinfurt und mit vielen anderen, politisch gleichgesinnten, Leuten mehr. Die Gespräche wurden aber immer streng vertraulich, hauptsächlich nur unter den Männern geführt. Die Meisten von ihnen hatten schon einen Volksempfänger und hörten auch die verbotenen Sender (Schwarzsender)ab, natürlich ganz leise mit dem Ohr am Lautsprecher, so erfuhren sie vom Ausland wie die politische Lage in Deutschland wirklich aussah. Die Deutschen Nachrichten wurden ja alle politisch sehr erfolgreich und manipuliert verbreitet.
Im Spätsommer baten mich meine Eltern einen Berufswettkampf mitzumachen, der angeboten wurde für Landmädel ab 15 Jahren. Ich wurde angemeldet, er fand Anfang September auf dem Hofe Stockmann in Bentlage statt. Von Neuenkirchen waren Caroline Winnemöller und Paula Wigger mit dabei, sie gehörten den älteren Gruppen an. Die Prüfungen gingen von 8 Uhr bis 16 Uhr. Wir bekamen Aufgabenzettel mit unterschiedlichen Aufgaben, typischer Frauenarbeiten auf dem Lande. Sie umfassten alle Bereiche im Haushalt, Putzen, Wäsche- Nadelarbeit, Vorratshaltung so auch Kochen, Backen und ebenso Garten- und Stallarbeit, auch noch mündliche und schriftliche Aufgaben waren zu leisten. Es war schon ganz schön herausfordernd und hart in einem fremden Haushalt die richtigen Griffe zu tun. Die Prüfungskommission bestand aus 4 Lehrfrauen im ländlichen Bereich, 2 jungen Wirtschafterinnen und einer Fachlehrerin der ländl. Hauswirtschaft von der Landwirtschaftsschule in Burgsteinfurt. Wir waren bei jedem Handgriff unter Kontrolle. Ich hatte ja Glück schon in mehreren verschiedenen Haushalten gelebt und gearbeitet zu haben. Wir waren insgesamt gut 20 Mädchen. Am frühen Abend fand in feierlicher Runde die Abschlussbesprechung statt, und siehe da, ich war die Siegerin von der ganzen Truppe. Ich wurde feierlich beglückwünscht und mit vielen guten Wünschen für den folgenden Kreisentscheid entlassen. Wir Neuenkirchener radelten wieder nach Hause. Zu Hause nahm man mich freudig in Empfang und gratulierte mir. Meine Eltern freuten sich sehr über meinen Erfolg. Meine Oma hatte extra einen ganz leckeren Apfelbettelmann mit Zimt und Zucker zubereitet, dazu gab es auch noch etwas geschlagene Sahne, ein krönender Abschluss eines aufregenden Tages. Im Oktober war dann der Kreisentscheid in der Mädchen- abteilung der Landwirtschaftsschule in Burgsteinfurt. Die Prüfungsaufgaben umfassten gleiche Themenbereiche wie bei der ersten Prüfung, nur alle ein wenig anspruchsvoller. Die Prüfungskommission hatte eine ganz ausgewählte und gezielte Besetzung, 2 Fachlehrerinnen der Schule, einige Lehrfrauen die der Partei angehörten und einer Hauswirtschafterin,die auch B.D.M. Führerin war, Ein Fachlehrer der Schule gehörte auch dazu, er war mit zuständig für die Stall- und Hofarbeit. Die praktische Prüfung war auf dem Hofe von Frau Schulze Werdeling in Hollich. Frau Werdeling war eine angesehene tüchtige Land- und Lehrfrau. Sie war auch die „Gau-Frauenschafts-leiterin“ der Partei, sie war groß von Statur,sehr angesehen und bekannt im ganzen deutschen Reich. Sie war mit meiner Leistung, dort in Haus und Hof, sehr zufrieden und sie gab mir auch noch Grüße mit an meine Eltern. Am Nachmittag waren in der Schule die schriftlichen und theoretischen Aufgaben zu machen. Zum Schluss kam dann noch die politische Prüfung mit ganz verschiedenen Themen und als Abschluss die alles entscheidende Frage, seit wann Mitglied bei den Jungmädeln des B.D.M.. seit wann gehören die Eltern der Partei an! Ich musste alle diese Fragen mit einem klaren „nein“ beantworten und ich bekam dafür nur ein unverständliches Kopfschütteln, danach war alles gelaufen. Es kam die feierliche Abschluss-besprechung mit den Ergebnissen, ich war die Zweitbeste im Kreis geworden. Meine Eltern sagten, das macht nichts, damit haben wir gerechnet, Hauptsache, du hast da mitmachen können. Das war im Jahr 1938.
Die Kriegsjahre 1939 bis 1945. Erlebnisse und Erinnerungen.
Wir lebten schon Jahre in einer sehr unruhigen Zeit. Es waren die Judenverfolgungen, die Synagogen-brände, die Verhaftungen und die Euthanasie körperlich und geistig behinderter Menschen. Stark vermehrten sich auch die Verhaftungen und das plötzliche Verschwinden in die Konzentrationslager von standfesten Christen und nicht Nazi-treuen Bürgern und Anhängern der Partei. Die jungen Wehr-tauglichen Männer und auch die gediente Reichswehr, ebenso der Arbeitsdienst und die gesamten S.S. Angehörigen standen unter ständiger Alarmbereitschaft. Wir lebten in großer Ungewissheit. Für unsere Familie kam zu dem noch die Sorge um unsere Oma, seit dem Winter war sie gesundheitlich sehr angeschlagen. Ihre Mithilfe im Haushalt nahm rapide ab. Ende April war sie ganz bettlägerig, sie hatte Leberkrebs, sie war eine ganz zufriedene, pflegeleichte Patientin. Der Hausarzt kam in kurzen Abständen, um sie medizinisch zu versorgen. In den letzten 14 Tagen kamen im Wechsel zwei Krankenschwestern aus dem Krankenhaus und übernahmen die Hauptpflege und Nachtwache. Für die Schwestern war das eine Ehrensache, unsere Oma, ebenso auch meine Eltern haben immer deren Arbeit gewürdigt und sie finanziell und mit Lebens- mitteln unterstützt. Im Juni ist sie dann ganz ruhig und friedlich eingeschlafen. Ihr Tod hinterließ eine große Lücke in unserer Familie und in der Nachbarschaft, ihre ruhige und ausgleichende Art hatte sie überall sehr beliebt gemacht. Im Mai hatte sie mich noch zu einem vertraulichem Gespräch zu sich gebeten, ich habe es nie vergessen. Unter anderem sagte sie zu mir: „Du hast ja schon vieles gelernt und geleistet, aber für dich beginnt jetzt keine leichte Zeit. Ich kann dir nicht mehr helfen und du musst sehen, dass du mit allen Arbeiten im Haushalt, Garten und Stall alleine zurecht kommst. Du weißt ja auch wohl, dass deine Mama oft nicht gut kann und sehr kränklich ist, aber du schaffst das wohl, mache es gut, ich bete für dich.“ Der Sommer verlief einigermaßen ruhig ab.
Die Kriegsjahre 1939 – 1945 - - - Erlebnisse und Erinnerungen.
Wir lebten schon Jahre in einer sehr unruhigen Zeit, wie ich schon einiges aus diesen Zeiten berichtet habe, es waren die Judenverfolgung, Synagogen-brände,
Verhaftungen und Euthanasie körperlich und geistig behinderter Menschen, dazu kamen die Vershaftungen in die Konzentrationslager von standfesten Christen und nicht Nazi-treuen Bürgern und Anhängern. Die jungen Männer und auch die gediente Reichswehr und S S -Männer standen unter ständiger Bereitschaft.
Der dritte September 1939 war für unsere Familie aber auch für die ganze Bevölkerung hier im Westen, ein Ereignisreicher Tag. Es war ein sehr schöner, sonniger Frühherbsttag. Ein Sonntag wie jeder andere, aber an diesem Tag war alles ein wenig anders. _ Unsere Oma war im Sommer gestorben und ich hatte in Haus, Hof und Garten neue Verantwortung übernommen, gerade 16 Jahre alt. Hedwig Roß und Paul Thormann hatten im Frühjahr ihr Pflichtjahr bei uns begonnen, wir waren ein junges Arbeitsteam. Unsere Mutter war in den letzten Monaten gesundheitlich ein wenig angeschlagen, - aber ich hatte keine Ahnung, worin die Ursache lag. An diesem 3. September lüftete sich das Geheimnis ihres Unwohlseins, Mein Vater sagte am Spätnachmittag zu mir, - Mama muss gleich ins Krankenhaus, wir erwarten ein Kind, du musst sehen, dass du mit Allem fertig wirst ! - Ich war völlig schockiert und total ahnungslos und das mit 16 Jahren. -Ja, so waren damals die Verhältnisse.
An diesem Sonntag kam am Nachmittag, hier im Westen, ein Aufruf an die Bevölkerung mit dem Befehl, am Abend alle Häuser zu verdunkeln, damit kein Lichtschein nach draußen dringe. Unsere jungen Männer, Josef Ulmker und August Schlinge hatten schon einen Bereitschaftsbefehl beziehungsweise einen Einberufungsbefehl erhalten und mussten in den folgenden Tagen antreten. Seit dem ersten September führten wir Deutschen schon Krieg gegen Polen und an diesem Sonntag, dem 3. Sept. erklärten uns dann die Westmächte den Krieg.
Am Abend kam noch ein ganz schweres Gewitter mit Platzregen und Sturmböen auf, unsere Pferde waren zudem von der Weide ausgebrochen und wir konnten sie nur mühselig wieder einfangen und beruhigen. Gegen 23 Uhr kam unser Vater vom Krankenhaus zurück mit der Nachricht, ein kleiner Junge ist angekommen, es war der Reinold. Die Freude war groß. Dr. Mannes hatte zwar gemeint, der Junge müsste nicht Reinold heißen sondern Ernst, weil die Lage in unserem Land und in unserer Welt so furchtbar ernst sei.- Ja, so war es, der zweite Weltkrieg hatte begonnen.
In der Nacht zum Montag fanden wir keine Ruhe, der Wind stürmte und ungewöhnliche Motorengeräusche der vielen feindlichen Flugzeuge (Engländer), die 1000 de von Flugblättern abwarfen, ließen uns nicht zur Ruhe kommen. Am 1.Sept. marschierten deutsche Truppen in Polen ein. Stalin und Hitler teilten sich dieses Land zur Hälfte, nachdem sie lange und hart verhandelt hatten.
Am 3.Sept. erklärten die Engländer und auch die Franzosen uns in Deutschland den Krieg. Nun begann eine sehr, sehr schwere und ernste Zeit. Wir jungen Leute erkannten und erahnten noch nicht die Tragweite dieser Situation. Wir hatten nur immer aus den Erzählungen unserer Großeltern und Eltern vom furchtbaren Leid des letzten Weltkrieges, von 1914 - 1918 gehört. Aber was man nicht selber erlebt hat, kann man nur schwer begreifen und doch besonders als junger Mensch. Ja, wie schrecklich ein Krieg sein kann, erfuhren wir recht bald. Die erste Bombe fiel, 1940 über Nacht, bei einem Einzelabwurf am Wohnhaus bei Nordhoff in Offlum. Ebenso kam auch ein kleiner Bombenteppich, zk. 25 -30 Stück in der Wöste, einem Feld- und Heidegebiet in Sutrum- Harum nieder. Es handelte sich wohl um einen Felhabwurf, der wahrscheinlich für das Bahngelände Rheine/ Hauenhorst vorgesehen war.
In gewissen Abständen gab es immer wieder Bombenabwürfe, vor allem auf Bahnknotenpunkte in großen Städten, auf den Dortmund – Ems- oder den Mittellandkanal, auf Ölraffinerien wie in Saizbergen, Zechen im Ruhrgebiet, auf Industrie- Betriebe und in den verschiedenen Großstädten.Im Frühjahr 1940 kamen die ersten polnischen Gefangenen hier nach Westdeutschland. Hier in Neuenkirchen kamen um 40 Polen, sie werden hauptsächlich in landwirtschaftliche Betriebe geschickt und als Arbeitskräfte eingesetzt, weil ja die Bauern und die deutschen Landarbeiter inzwischen zum Wehrdienst eingezogen waren. Unser Vater war schon seit 1933 als Ortsbauernführer bestimmt ( aber er war kein Parteimitglied der NSDAP) somit war er weitgehend verantwortlich für die Verteilung der Gefangenen in die passenden Betriebe und für die Verständigung und Einweisung in die Familien. Daher kam zu uns auf den Hof ein Deutschpole, der für Vater als Dolmetscher eintrat. Er war nach dem ersten Weltkrieg im Duisburger Raum geboren. Viele Polen hatten zu der Zeit mit ihren Familien im Industriegebiet gute Arbeitsstellen gefunden, vor allem in den Zechen. Ab 1933 gingen die meisten Familien nach Polen zurück. Hitler wollte ja ein reinrassiges Deutsches Reich haben und duldete keine Ausländer mehr. Unser Pole hieß Felix Oleck, er war sehr anpassungsfähig, sauber,ehrlich, fleißig und hatte gute Deutschkenntnisse. Normaler Weise durften die Gefangenen nicht mit am Familientisch sitzen bei den Mahlzeiten, es war strengsten verboten von den Nazis, ab und an wurden Kontrollen durchgeführt. Aber in unserer Familie haben wir nie so gehandelt, jeder der im Haus wohnte und bei uns arbeitete gehörte zur Familie. Der Felix wusste das wohl zu schätzen und verhielt sich immer sehr vorsichtig. Wenn er auf der Tenne irgendwelche Geräusche oder Schritte hörte, nahm er ganz schnell seinen Teller und ging nebenan in die Waschküche und setzte sich an den Abstelltisch, bis wir ihn zurückholten. Er war sehr gerne bei uns und hat auch bei uns, kurz vor dem Kriegsende Anfang Mai, noch eine sehr schöne Hochzeit gefeiert mit seiner Rosa, einer Vertriebenen aus Rumänien. Vom Kriegsende werde ich später noch näher berichten, jetzt zum Erleben ab 1940 zurück. Hedwig Roß und Paul Thormann hatten ihr Pflichtjahr beendet, aber beide wollten gerne bei uns bleiben, da sie sonst dienst- verpflichtet wurden, wahrscheinlich in einen Rüstungsbetrieb oder in eine sonstige staatliche Einrichtung. Bald wurde Paul Thormann einberufen zum Arbeitsdienst und zur Wehrertüchtigung, er fiel somit als ständige Hilfe aus. (Er kam in seinen kurzen Urlaubstagen immer wieder gerne zu uns. Er ist seit Sommer 1944 in Russland als Vermisster gemeldet worden). Wir hatten aber stundenweise Hilfe von Schülern und Fabrikarbeitern, so wie Willi Wehmschulte, der schon seit Kindertagen bei uns kam und auch mitgeholfen hat. Zudem hatten wir durch die Kinderland-verschicckung, von der Familie Wolters aus Oberhausen -Osterfeld die beiden schulpflichtigen Töchter Liesel und Gerda. Sie kamen schon einige Jahre zu uns zur Erholung. Liesel ging mit Karola zur Schule und Gerda ging später mit Hedwig, die 1939 eingeschult wurde. Wir hatten immer ein offenes Haus und somit auch immer Besucher und Gäste. Bei uns gab es noch satt und gut zu Essen, in den Städten waren die Lebensmittel schon knapper, trotz Verbot wurden auch schon Vorräte heimlich gehortet. Für uns jungen Leute musste das Leben, trotz aller Unsicherheiten, weitergehen. Frau Hovekamp hatte uns besucht und mit meinen Eltern überlegt, ob wir jungen Leute nicht noch einen Tanzkursus mitmachen sollten, Alfred, Mia und die Praktikantin von Hovekamp waren schon angemeldet. Ja, meine Eltern waren einverstanden, Hedwig Roß und ich machten mit. Der Kursus war im Hotel Dierksen, im großen Saal ( jetzt Aldi). Wir waren etwa 60 junge Leute, im Alter von 14 bis 18 Jahren. Der Tanzlehrer kam aus Bremen, er wohnte bei Hovekamp, er hielt in den Nachbargemeinden auch Tanzkurse ab, somit blieb er jede zweite Woche einige Tage hier im Haus. Der Kurs lief von Mai bis Oktober, abends von 19 ,30 bis 21,30 Uhr. Wir waren einige Wochen im Kurs. Da kam allgemeines Tanzverbot. Wir durften unseren Kurs noch beenden, aber keinen Abschlussball mehr halten. Das Tanzverbot galt bis Kriegsende. Die jungen Männer wurden alle, bald danach, zum Wehrdienst oder zur Wehrertüchtigung verpflichtet. Bis auf einige von ihnen sind sie alle, nach und nach gefallen oder vermisst, die meisten an der Ostfront, so ist auch Alfred Hovekamp, im Oktober 1943 gefallen in Smolensk (Russland). Mein Vater hatte von seinem Auftrag, als Ortsbauernführer immer wieder in Burgsteinfurt an den landwirtschaftlichen Beratungsstellen zu tun. Er traf sehr oft den Direktor und Leiter der Landwirtschaftsschule Dr. Paul Budde, ein sehr standfester, katholischer Bauernsohn aus dem Münsterland. Sein Vorgänger im Amt, war auf Protest und Aufstand der kath. Bauern im Kreis, seines Amtes enthoben, weil er1935 eigenmächtig die Kreuze aus den Klassenräumen entfernt hatte. Dr. Budde hatte meinem Vater, bei einem privaten Gespräch geraten, mich doch zur weiteren Ausbildung in die Mädchenabteilung der Landwirtschaftsschule zu schicken. So war ich, ab Anfang November 1940 bis Ende April 1941 im Internat der Schule in Burgsteinfurt an der Emsdettener -str. im ersten Teil des alten Lehrerinnen und Schülerseminars, in dem heute eine Behinderten- schule und Werkstätten sind. Ich wohnte im Internat, weil die Fahrverbindungen nach Burgsteinfurt noch sehr schwierig waren. Jeden Montagmorgen fuhr ich um 6,30 Uhr ab Bahnhof Neuenkirchen über Ochtrup nach Burgsteinfurt. In Ochtrup stiegen außer Schüler, noch zwei Mitschülerinnen ein, es waren Hilde Rensing und Maria Epping. Gegen 7,30 Uhr waren wir in Burgsteinfurt, gegen 7,45 Uhr erreichten wir die Schule. Außer Montags begann der Schulunterricht um 7,30 Uhr bis 16,30 Uhr am Nachmittag. Am Freitag war um 16,00 Uhr Schulschluss. Ich fuhr mit dem Zug über Rheine nach Neuenkirchen, gegen 19,00 Uhr erreichte ich dann das Elternhaus. Im Internat waren wir zu fünf Schülerinnen, zwei aus Ochtrup, zwei aus Mesum und ich, wir verstanden uns sehr gut ,haben viel Spass miteinander gehabt und sind auch mit der Leiterin Frau Voßmann und der Fachlehrerin Frau Pütthof sehr gut ausgekommen, wir waren eine kleine disziplinierte Frauenfamilie. Wir waren insgesamt 24 Schülerinnen, in zwei Gruppen aufgeteilt, jede Gruppe hatte sechs Paare die gemeinsam, wochenweise ihr Amt auszuführen hatten.Von 7,30 Uhr bis 11,00 Uhr hatten wir theoretischen Unterricht. Danach war Praxis angesagt, sechs Pärchen hatten Küchendienst mit Kochen, Backen, Einkochen und Vorratshaltung, die andere Gruppe hatte dann Hausarbeit zu verrichten, sie umfasste Wäschepflege, Nähen, Putzen, Schafwolle spinnen, Weben, Gartenarbeit, Blumenpflege u.s.w. Die Hauswirtschaft wurde von Frau Voßmann geleitet, die Hausarbeit von Frau Pütthof. Wir haben in diesen Monaten ein sehr vielseitiges Wissen und allgemeine Bildung für den Berufsalltag im Leben vermittelt bekommen, es war, für uns alle, eine wertvolle Zeit. Am Abschluss der Schulzeit erhielten wir ein Abschlusszeugnis, danach bekamen wir noch die Möglichkeit die Hausarbeitsprüfung abzulegen. Ich habe beides mit gutem Erfolg abgeschlossen. Erwähnen möchte ich noch, dass ich gleich zu Beginn der Schulzeit zur Klassensprecherin gewählt wurde und somit eine zusätzliche Aufgabe zu erfüllen hatte. Ich war übrigens die zweitjüngste Schülerin in der Klasse.Wir Schülerinnen haben uns in der Folgezeit sehr oft getroffen und gegenseitig besucht. Doch durch die zunehmenden Kriegsgeschehen und unterschiedlichen Ereignisse auf den Höfen und in den Familien, brachen die Begegnungen immer mehr ab. Inzwischen sind viele von ihnen gestorben oder gebrechlich, wir sind die Alten.
1. Wieder ganz auf dem Hof im Elternhaus, ging der Tagesablauf wie gewohnt weiter, mit den anstehenden Arbeiten. Das Kriegsgeschehen wurde immer härter, die Bombenabwürfe nahmen zu und wurden immer gezielter auf Versorgungszentren, Verkehrsknotenpunkte, wie Bahnhöfe und Kanalverbindungen und Großstädte. Um ihre Objekte in der Dunkelheit und bei Nacht besser zu erkennen wurden die sogenannten Christbäume von den Aufklärungsflugzeugen gezielt und punktuell gesetzt, vor allem bei Angriffen auf Kanäle und Brücken. 1941 wurde Karola aus der Schule entlassen. Paul Thormann musste zur Wehrertüchtigung und zum Arbeitsdienst. Aber an Arbeitshilfen auf dem Hof mangelte es bei uns eigentlich nicht. Aus dem Ruhrgebiet kamen immer mehr Bombengeschädigte und verängstigte ältere, einsame Leute und suchten für einige Zeit Unterkunft und Verpflegung gegen Mithilfe auf dem Hof, im Stall, Haus und Garten. Nach einiger Zeit fuhren sie dann, gut erholt mit gefüllten Lebensmitteltaschen in ihren Wohnort zurück bis zum nächsten Besuch. Aber, es kamen auch immer mehr Leute aus den Bauernschaften und aus dem Ort,aus Rheine u.s.w.die uns ihre Mithilfe anboten für einige Lebensmittel oder etwas Futter für die Hühner oder das Schwein. Ebenso wurden uns auch Raritäten angeboten,vor allem meiner Mutter, es waren schon mal ein wenig Bohnenkaffee, schwarzer Tee, rare Medikamente, Süßwunder- Tabletten, Kandis-Zucker u.s.w.,vor allem bekam sie auch Mengen weise Textilien aus den hiesigen Textilfirmen gebracht, von Kruse waren es wertvolle Damast-Stoffe für Bettbezüge, ebenso Damast-Tischwäsche in verschiedenen Größen, von Frieling und,Kerstiens gab es Leinen für Bettücher, Hand- und Trockentücher aus Leinen und Mischgewebe, aus dem Betrieb Hecking waren es die stabilen Baumwollstoffe und auch schon die ersten Jeans-stoffe, vorzüglich für Arbeitskleidung geeignet. Von diesen Errungenschaften provitieren wir noch heute, es wanderte vieles in unsere Aussteuer, der Lohn für unsere unentgeldliche Mithilfe auf dem Elternhof. (Ja, so war das früher.) Alle diese Produkte gab es natürlich nur für Lebensmittel, vor allem begehrt waren Butter, Speck, Schinken, Eier und geschlachtete Hühner, frische Milch, Buttermilch und Brot, später auch Kartoffeln, Möhren und andere Garten- und Feld-Produkte. Für uns war es auch immer eine sehr gefährliche Sache, diese Produkte zu produzieren und vorrätig zu haben ohne aufzufallen. Die Zentrifugen und Buttermaschinen, ebenso die Schrotmühlen waren versiegelt und nicht zu benutzen. Bei der Schrotmühle war die Plombe so angebracht, das wir mit einem Trick die Mühle trotzdem nutzen konnten, natürlich nur bei Nacht und dann noch unter großer Vorsicht. Das Mahlgut musste gut versteckt aufbewahrt werden. Wir hatten so aber immer einen Vorrat an Weizen- oder auch Roggen-schrot,von vielen Leuten sehr begehrt für Breisuppen und zum Brotbacken. Wir bereicherten unseren Speiseplan auch recht vielseitig mit diesem Vollkorn- Schrot, gesüßt mit Rübensirup zauberten wir ganz leckere Delikatessen. Bei der Zubereitung von Brot, Wurstebrot und Leberbrot brauchten wir auch diese Schrote. Bei der Zentrifuge hatten wir es geschafft, sie ohne aufzufallen zu benutzen, wir bedienten sie mit Handbetrieb statt mit dem Elektromotor. Die Butterzubereitung war da schon mühseliger, die gekühlte Sahne wurde in eine gekühlte Milchkanne gefüllt, mit einem Holzdeckel, der versehen war mit einem Loch, abgedeckt, durch dieses Loch kam ein Holzstampfer mit fünf Taler-großen Löchern, natürlich konstruiert von Onkel Heinrich Hagemann. Das Stampfen erforderte schon Kraft und Ausdauer. bis sich die Sahne von der Molke trennte und sich dann langsam die Butterflöckchen bildeten. Ein wenig Erfahrung und Fingerspitzen- gefühl ist bei dieser Arbeit schon notwendig. Das Waschen, salzen, kneten und portionieren der Butter machte unsere Mutter. Im Milchkeller war ein tief-liegendes Kühl-Bassin eingebaut, hier wurden die Butter und auch die Sahne, ebenso frisch geschlachtete Hühner und Hähnchen, für kurze Zeit aufbewahrt. Hier muss ich noch eine kurze Begebenheit einfügen. Wie schon erwähnt, waren Lebensmittel immer sehr begehrt, so auch die Butter. Es kamen sehr viel bekannte Leute, aus allen Berufsschichten, so kam auch der Herr Lehrer Raußen. Meine Mutter schätzte ihn nicht so sehr, als guten Lehrer, Hugo hatte ihn schon länger als Klassenlehrer, seine Leistungen waren nur ganz schwach. Meine Mutter sprach ihn darauf an. und seine Antwort war eine überaus lobende Rede über den Fleiß und die Aufmerksamkeit des tüchtigen Schülers. Machen sie sich doch keine Sorge um ihren Sohn Hugo, Mutter Horstmann, da ist alles in bester Ordnung. Übrigens, Mutter Horstmann, es geht auch nichts über ihre Butter, die ist so vorzüglich. Unsere Mutter hat dann nicht lange gezögert und Hugo unter irgend einem Vorwand aus diesen Klassenverband heraus geholt und ihn zu Rektor Evers in die Klasse geschickt. Der Uhrmacher Rawert hat das gleiche mit seinem Sohn gemacht. Beide Schüler haben zusätzlich noch private Nachhilfe bei Rektor Evers gehabt. Das hat den Jungen sehr gut getan für die weitere Schulzeit und für das spätere Leben. Alle diese gut gemeinten Hilf -Aktionen, (das sogenannte Hamstern) waren sehr gefährlich und man musste ständig mit Kontrollen rechnen. Unser Vater sollte davon möglichst wenig erfahren, um ihn nicht zu belasten wegen seiner Aufgaben als Ortsbauernführer, ebenso unsere Hilfskräfte und die Kinder, weil sie ja zur Schule gingen und viele Kinder trafen. Es waren immer nur Besucher, Gäste und gute Freunde unseres Hauses, und das waren sehr viele, die in den Kriegsjahren um unsere Freundschaft warben, wie überall auf den Höfen. Auch Orts-Polizist Runge,der alles unter Kontrolle hatte und die Vergehen und Schwarzgeschäfte unverzüglich der Gestapo melden musste, hatte meistens blinde Augen und hatte keine Ungereimtheiten aus den Bauernschaften zu melden. Frau Runge, auch eine Freundin unserer Mutter, die beiden Söhne Werner und Rudi kamen sehr oft und haben bei den Feldarbeiten geholfen bis sie Soldat wurden, sie sind beide im Krieg gefallen. Die Tochter Berta war eine sehr gute und treue Schulfreundin von Karola , sie kam fast jeden Tag und auch an Sonntagen, sie und ihre Brüder machten mit uns Spaziergänge und Radtouren in die nähere Umgebung. Vorwiegend waren Schlösser, Burgen und andere Sehenswürdigkeiten unsere Ziele. Unser Vater kannte alle Historien um diese Denkmäler und er hat uns alle Sagen und Geschichten dazu vermittelt. Berta Runge wurde später eine tüchtige Hebamme, sie hat alle meine Geburten liebevoll eingeleitet und betreut. Jetzt möchte ich noch zurückkommen auf die Süßwunder- und die Gardan-Tabletten. Diese Raritäten waren nur sehr schwer zu bekommen. Karl Hinterding, auch ein Freund unseres Hauses, er war ein Außenbeamter der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, zuständig für den Regierungsbezirk Münster. Er hatte daher auch viele Kontakte zu Versorgung-Depots und brachte unserer Mutter schon mal einige von diesen Tabletten mit. Mutter verwahrte sie dann ganz sorgfältig oben im Küchenschrank, schön getrennt in zwei großen antiken Sammeltassen, ich wahr auch darüber informiert. Es war im Hochsommer, ein sehr heißer schwüler Tag, wir waren seit dem frühen Morgen eifrig damit beschäftigt die Getreideernte einzubringen wegen der Gewitter-Ankündigung. Ich hatte schon seit morgens starke Kopfschmerzen. In der kurzen Mittagspause wollte ich mir mit einer Gardan -Tablette Erleichterung verschaffen, wegen des Zeitdrucks ging ich schnell zum Küchenschrank und holte mir aus Mutters kleinem Vorrat eine Tablette, ich schluckte sie mit einem Glas Wasser herunter. Aber, oh Schreck, ich habe eine aus der falschen Tasse genommen, es war eine Süßwunder- Tablette, die ich geschluckt hatte. Alles Spucken und Würgen nutzte nichts, es schäumte und brauste in meinem Magen und der Schaum kam mir aus Nase und Mund in einer ganz widerlichen Süße. Dieses Übel hat mich trotz allem Trinken und Würgen noch bis zum nächsten Tag begleitet, aber die Arbeit musste trotzdem gemacht werden. So eine Tablette hatte die Süßkraft von einem Kilo Zucker. Seit diesem Erlebnis kann ich keinen Süßstoff mehr sehen und riechen. So könnte ich noch viele tolle Erlebnisse aus diesen Kriegsjahren berichten, doch dann komme ich nicht zum Abschluss meiner Lebensgeschichte. Hier möchte ich aber noch kurz einfügen, dass Onkel Heinrich Hagemann (gest. 1964) nach wie vor, ein treuer Freund unseres Vaters und unserer Familie war und bis zu seinem Alter blieb. Er hatte immer wieder gute Ideen und Vorschläge für bauliche Änderungen und Zimmermann- arbeiten im Haus, Stall und auf dem Hof. So hat er auch im Dezember 1941 ein wunderschönes, stabiles Schaukelpferd aus Pappelholz gezimmert, für unseren kleinen Reinold. Dieses schöne Spielmöbel hat so viele Kinder glücklich gemacht und Generationen überlebt. Meine Söhne haben auch damit ihre Freuden erlebt und akrobatische Übungen darauf ausgeführt, sie haben auf der Tenne und dem Hof hin und her geschaukelt. Ebenso hat Johannes Dinkhoff sich, in seinen Kinderjahren, damit vergnügt. Später schaukelten alle meine Enkelkinder hier im Haus und die hier zu Besuch kamen genau so gerne darauf. Ich hoffe und wünsche mir, dass sich Nachfolger auch noch daran erfreuen! Wenn ich nicht irre, müsste es jetzt auf unserem Hausboden seine Ruhephase halten. Da kann man mal sehen und erkennen, wie ein einfacher Zimmermann mit einer spontanen Idee und ganz einfachen Mitteln vielen Generationen große Freude bereitet hat. Jetzt wieder zurück zur Kriegszeit. Das Toben an den Fronten in Ost und West wurde immer brutaler und heftiger. Die Nachrichten über Gefallene, Vermisste und Verwundete nahmen täglich zu. Viele gute Bekannte, aus der Nachbarschaft,aus dem Ort oder der Verwandtschaft waren auch dabei, es war furchtbar und erschütternd. Vom Nachbarn August Krey sind die Söhne Karl und August an der Ostfront gefallen, vier weitere Söhne waren zeitweise vermisst, sind aber nach Kriegsende ohne größeren Schaden nach Hause gekommen. Vom Nachbarn Dropmann waren sieben Söhne Soldat und im Kriegseinsatz, einige waren zeitweise wegen Verwundung in Lazaretten, die Söhne Franz, Ernst, Georg, Alfons und ein Schwiegersohn sind an der Ostfront gefallen. Was mussten die Eltern und vor allem auch eine Mutter durchmachen und aushalten? Der älteste Sohn Franz hatte im Sommer 1938 geheiratet, im Sommer 1939 wurde sein Sohn Josef geboren. Anfang 1940 musste der junge Vater, der auch Bauer war, Soldat werden und er fiel schon 1941. Ist das nicht erschütternd für die junge Frau mit ihrem kleinen Sohn? Die Witwe hat dann nach dem Krieg den Heimkehrer und Schwager Bernhard Dropmann geheiratet. Die verwundeten Soldaten durften häufig für einige Zeit zur Genesung auf Heimaturlaub, mussten aber ständig zur Gesundheitskontrolle und waren schnell wieder K V ( Krieg-verwendungs-fähig) geschrieben. Auch unsere jungen Männer, Josef Ulmker, August Schlinge und Paul Thormann, der seit 1941 auch Wehrpflichtig war, kamen in Abständen auf einen kurzen Erholungsurlaub zu uns. Paul Thormann musste 1943 mit der SS- Panzer-division an die Ostfront und ist seit Sommer 1944 in Russland vermisst. Ulmker ist direkt nach Kriegsende zu uns zurückgekehrt und hat dann 1948 auf den Hof Wermelt hier in Sutrum -Harum eingeheiratet. Der einzige Sohn des Hofes war auch als vermisst gemeldet und ist nie wieder gekehrt. Der Hof Ulmker ist heute ein ganz bekannter Reiterhof mit einer großen Reithalle. Josef Ulmker ist 1970 nach längerer Krebserkrankung gestorben. August Schlinge ist um 1947 heimgekommen. Mein Vater hat ihm dann eine Stelle als Verwalter am hiesigem Marien-hospital vermittelt. Dieser Stelle hat er in großer Verantwortung und mit Umsicht bis zur Pensionierung vorgestanden. Er hatte sich bei uns, im Laufe der Jahre, mit unserer Hedwig Roß, die noch bis 1948 bei uns war, angefreundet und sie haben dann 1951 geheiratet. Sie haben drei Söhne und zwei Töchter bekommen. Hedwig musste leider nach schwerer Krebserkrankung im Frühjahr 1969 ihr Leben lassen. August Schlinge hat dann recht bald mit Elisabeht Tebbe, deren Verlobter gefallen war, eine sehr gute Partnerin und Mutter für seine Kinder wiedergefunden. August Schlinge wurde im letzten Herbst neunzig Jahre alt, ich war bei ihm zur Gratulation, er ist noch sehr aktiv, geistig fit und mobil. Er und seine Frau nehmen jeden Tag, als ein Geschenk Gottes an und sind sehr dankbar für ihre gemeinsame Zeit. Am 14. Januar 1943 fiel auch Vetter Karl Horstmann mit knapp 19 Jahren, er ruht auf dem Heldenfriedhof in Stalino Rußland. Am 7. September 1943 ist Alfred Hovekamp, in Smolensk Rußland, mit 19 Jahren gefallen und liegt dort auf dem Heldenfriedhof begraben. Unser Vetter Josef Spieker, ist nach einer schweren Verwundung, an der Westfront, im Lazarettzug verstorben, 18 Jahre alt. Seine Ruhestätte fand er auf dem Friedhof in Kaiserslautern. So könnte ich noch eine ganze Reihe mir gut bekannter Männer aufzählen, die alle ihr Leben für Volk und Vaterland lassen mussten. Aus der Gemeinde Neuenkirchen sind im zweiten Weltkrieg insgesamt 341 Männer als Soldaten gefallen und 35 Personen der Zivilbevölkerung mussten ihr Leben lassen, teils durch Bombenabwurf oder Bordbeschuss seitens englischer oder amerikanischer Flugzeuge. Von diesen 35 Personen haben 24 Leute ihr Leben verloren an den Folgen eines abgestürzten deutschen Jagdflugzeuges am 20. Mai 1944, das etwa zehn Minuten nach dem Absturz explodierte. Die Zahl der hierbei verletzten Personen betrug achtzehn. Die meisten dieser Toten und Verletzten waren Kinder, die sofort nach dem Absturz, aus Neugierde zu dieser Unglücks- Stelle eilten. Einige Familien haben bei diesem Ereignis zwei oder drei Angehörige verloren, meist Kinder. Kriege sind das Furchtbarste und Schlimmste was es geben kann.
Zurück zum Jahr 1942, Karola war aus der Schule entlassen und ist dann anschließend, nach Überlegung meiner Eltern, zu den Schwestern in das St. Agatha- Stift in Mettingen auf die einjährige Haushaltungsschule gekommen, in dieser Zeit war sie wohl behütet im Internat mit sehr vielen netten Mädchen aus dem Münster- und dem Oldenburger- land. Sie hat in dieser Zeit sehr viel Erlernen können für ihr späteres Leben. Sie hat noch lange gute Kontakte zu einigen ehemaligen Mitschülerinnen gehabt. Das Stift und die Schwestern wurden von den Familien Brenninkmeyers (C&A) gut unterstützt und gefördert, soweit es in dieser turbulenten Zeit möglich war. Nachdem Karola ihre Zeit dort beendet hatte, wurde in dem Haus bis nach Kriegsschluss ein Lazarett eingerichtet, für Kranke und Verwundete. Hugo und Hedwig gingen weiter in die Volksschule hier in Neuenkirchen. Leider war der Unterricht wegen der Kriegssituation sehr unregelmäßig und außerdem nur noch, mit überwiegend älteren Lehrpersonen besetzt. Im Sommer und Frühherbst wurden die Schulen mit ihren Schülern oft verpflichtet zum Kartoffelkäfer suchen, ebenso im Herbst zum Bucheckern suchen. Aus den Bucheckern wurde Öl gewonnen. Reinold unser Nesthäkchen war ein pflegeleichtes, pfiffiges Bübchen. Wegen der Kriegswirren hat er nicht den Kindergarten besucht. Karola, Hugo und Hedwig haben diese Chance und Möglichkeit nutzen können, da im Ort seit 1929 Vorsehungs- Schwestern ansässig waren und einen Kindergarten, eine Näh- und Kochschule anboten. Sie hatten hier ein Haus für diese Zwecke geschenkt bekommen. Es war das Ehepaar Mühren, das diese Stiftung getätigt hatte. Ihr einziger Erbe und Sohn Antononius war im Alter von 16 Jahren verstorben. Die einzige Vorgasbe, die sie dem Orden machten, war, diesem Haus den Namen Antonius zu geben und für soziale Zwecke zu verwenden. Daher haben wir auch heute noch das Antoniusstiftss, das inzwischen, durch Um- und Anbau ein großes Altersheim geworden ist. Der Antonius- Kindergarten ist an anderer Stelle neu und modern gebaut worden. Also, Reinold, ein quierliger kleiner Bube wurde bei allen Arbeiten mitgenommen. auf die Tenne, das Feld und den Hof, er war an allem sehr interessiert und ein aufmerksamer Zuschauer. Es war im Herbst !942, wir hatten die Kartoffelernte ziemlich beendet, Speisekartoffeln mussten gereinigt und sortiert werden, dazu benutzten wir einen Kartoffel-sortierer, der mit Keilriemen von einem Elektro- Motor angetrieben wurde. Die vollen Kartoffelwagen fuhren wir direkt an den Sortierer, von oben mussten wir die Kartoffeln mit einer großen Katoffel- Grepe auf den Sortierer schippen. Es war im Wechsel, die Arbeit von Hedwig Roß und mir. Reinold stand immer bereit und wartete darauf, oben auf den Wagen zu dürfen, von oben her konnte er alles übersehen und beobachten. Manchmal mussten wir für kurze Zeit die Maschine abstellen um die sortierten Kartoffeln in den Kartoffelkeller zu bringen. Reinold bekam strenge Aufforderung, schön stille auf dem Wagen sitzen zu bleiben, bis es weiterging mit dem Sortieren. Einmal dauerte es ihm wohl zu lange bis es weiterlief und er wollte einfach alleine vom Wagen klettern. Er hatte sich wohl überlegt, wie er am besten von oben herunter könne. Er hatte auch eine glänzende Idee, über das größere Schwungrad müsste es prima klappen. Das wäre auch gut gegangen, wenn nicht einer den Strom wieder angeschaltet hätte, damit es weiter gehen konnte mit dem Sortieren. Reinold hing noch mit dem Arm im Rad und wurde mit geschleudert, bis er zu Boden fiel. Der Arm war gebrochen, schnell fuhr unser Vater mit ihm zum Arzt. Unser Hausarzt Dr. August Mammes war eingezogen und als Militärarzt im Frontgebiet eingesetzt. Das war großes Pech, seine Vertretung ein Dr. Zumbansen hatte wohl nicht die richtige Methode und Erfahrung in der Behandlung mit solch komplizierten Knochenbrüchen. Der Arm ist nicht wieder richtig geheilt worden, er hat eine starke Krümmung und Verwachsung im Ellbogen behalten. Der gute Rat, von unserem Tierarzt Dr Borgschulte hat auch keine endgültige Heilung bewirkt. Er hatte dem Reinold geraten, immer ein Eimerchen mit Bleistücken zu tragen, um den Arm in die Länge zu ziehen. In seinem ganzen Leben hat er mit dieser Behinderung gelebt und leidet noch heute daran, und das bei seiner vielen Arbeit auf ihrem großen Milchvieh- und Kartoffel- Betrieb. Wenn ihr ihn mal trefft oder besucht, in Großhesepe, dann fragt ihn mal nach dieser Begebenheit. Hier, kann ich gleich noch ein Erlebnis anfügen, das ich mit Reinold hatte und er sich auch noch ganz gut daran erinnern kann. Es muss im Herbst 43 gewesen sein, Reinold jammerte schon etliche Tage herum mit Zahnschmerzen. Es war ein Backenzahn, der gezogen werden musste. Da ich, mit Reinold sehr gut umgehen konnte, und er auch auf mich gut hörte, musste ich mit ihm los. Ich sattelte ihn hinten auf mein Fahrrad und dann ging es ab zum Zahnarzt Dr. Winsiffer. Von einem Arztbesuch war er nicht so sehr begeistert, aber ich hatte ihm gut zugeredet und er hat mir auch versichert, er habe keine Angst. Das ungewohnte Sprechzimmer mit dem Patienten- Stuhl und der Arzt im weißen Kittel wirkten schon sehr befremdent auf ihn. Der Arzt und auch ich, haben ihm alles liebevoll erklärt und er stieg auch recht mutig auf den Sessel. Der Arzt untersuchte sehr vorsichtig, Reinold war ganz ruhig, ich hielt ihm die Hand. Nun musste er die leichte Betäubungsspritze bekommen. Ich hielt ihm vorsichtig den Kopf und siehe es klappte bis der kleine Piekser kam, da war/s mit seiner Ruhe vorbei. Der Dr.Winsiffer sagte ihm auch, es dauert einige Minuten, dann fühlst du keine Schmerzen mehr. Er gab ihm noch einen kleinen Teddy- Bären zur Ablenkung in die Hand mit der Bitte , den musst du gut festhalten und streicheln. Reinold war nicht sehr begeistert,wohl in der Angst vor dem, was noch kommen sollte. Dann ging es los, er sollte die Augen schließen und den Mund ganz weit offen halten. Aber geirrt, Reinold wehrte sich mit Händen und Füßen, alles Festhalten von mir nutzte nichts, er trampelte und glitt immer wieder unter der Armlehne her vom Sessel. Ich war nass-geschwitzt und völlig geschafft, ebenso der Arzt und Reinold. Dr.Winsiffer meinte, es hat heute keinen Zweck mehr, nehmen sie ihn wieder mit nach Hause. Reinold war erleichtert und hat nie wieder über Zahnschmerzen geklagt, so wie ich es weiß, in seinen Kinderjahren. Jetzt möchte ich hier auch noch kurz, mein erstes Erleben, vom Backen-Zahnziehen, einfügen. Es war im Frühjahr 1928 an einem Sonntagabend, schon seit einigen Tagen hatte ich meiner Oma von meinen Schmerzen erzählt. Oma hatte, wie bekannt, für alle Leiden gute Hausmittel- Rezepte, so auch für Zahnweh. Hatte ich Zahnschmerzen, dann steckte sie mir ein frisches Geranien-Blatt ins Ohr. Der Saft dieser Blätter linderte auch sofort den Schmerz. Geranien hatte sie immer recht üppig auf den Fensterbänken stehen. Aber an diesem Sonntag waren die Schmerzen so anhaltend, dass mein Vater gegen Abend sagte, das hat keinen Zweck mehr, ich fahre mit dir sofort zum Dr. Mammes. Einen Zahnarzt hatten wir, zu der Zeit, noch nicht im Ort. Der Hausarzt war für alles zuständig. Vater setzte mich auf die Fahrradstange und los gings. Dr. Mammes war mir nicht fremd und somit hatte ich auch keine Angst. Er nahm uns freundlich in Empfang, natürlich ohne weißen Kittel. und sagte lachend, das geht ganz schnell und du merkst nichts. Seine Frau musste ihm noch schnell den Topf mit Wasser Kochen zum Sterilisieren seiner Zange. Die zwei Männer vertieften sich, wie immer, in politische Gespräche. Dann ging es zur Sache, er lachte und sagte, jetzt mach mal den Mund weit offen ,damit ich mir den Bösewicht ansehen kann, mach die Augen zu und einen Moment ganz ruhig sitzen. Es gab einen kurzen Ruck und schon war der Zahn raus, ohne jede Betäubung. Er steckte mir ein steriles Wattebäuschen in das Loch und fertig war es. Dann schickte er mich zu seiner Frau in die Küche, die sollte mir eine kleine Belohnung geben, wegen meiner Tapferkeit. Es war ein großes Stück Torte, da ich es aber nicht essen konnte, hat sie es mir liebevoll eingepackt und mitgegeben. Ja, so weit mein Zahn- Erlebnis, aus der Klein-Kinderzeit. Nun zurück zum Alltag im Elternhaus. Der tägliche Arbeitsablauf stand fest, und er verlief im ganzen Jahr nach gleichem Rhythmus. Für uns jungen Leute begann der Arbeitstag am Morgen zwischen fünf und halb sechs Uhr, je nach Jahreszeit. Wenn aber die Kühe in der Karren- Wiese ( Maxhafen) waren, dann fuhren wir, Hedwig Roß und ich, in der Frühe schon um halb fünf Uhr mit Pferd und Gig vom Hof. Die Milch musste bis spätestens sieben Uhr an der Molkerei Naarmann abgeliefert werden. Früher wurde auch noch zu Mittag gemolken, wenigstens die frischmelken Kühe. Meistens fuhr dann einer von uns Mädchen, wochenweise im Wechsel, zum Melken. Zwei Milchkannen ans Fahrrad gehängt und ab gings über den Haarweg, am heutigen Offlumer- See vorbei, über die Wettringerstraße, bei der Gaststätte Fabry vorbei, übers Pättchen am Kanaldamm entlang, bis zur Weide. Die vollen Kannen blieben dann aber, im Kühlbassin in der Weide, stehen. Der gleiche Ablauf wiederholte sich zum Abend- melken. Dann fuhren wir beiden Mädchen, auch mit Rädern und Kannen daran gehängt, zum Melken, hin und zurück gut 8 Kilometer. Die Milch blieb auch in der Kühlung bis zum nächsten Morgen. In der Frühe gings dann mit unserem treuen Pferd Ledi und dem Gig, Kannen drauf, los zum Melken, anschließend brachten wir die vollen 20 Lt. Und 15 Lt.Kannen zur Molkerei, sie mussten bis spätesten 7 Uhr geleert sein. Wir hievten sie auf die Rampe und brachten sie auch noch zur Annahme und Milchprobe und entleerten sie am Wiege- becken, die leeren Kannen nahmen wir dann mit nach Hause zum Spülen. So ein Transport, wäre heute nicht mehr denkbar und zulässig. Die Kühe blieben zirka drei Wochen in der Karwiese. So ging es vom Frühjahr bis Herbst immer im Wechsel, von der Karwiese in die Feldwiese, Bergwiese und Janning-hof. Im Winter waren die Kühe und das andere Vieh in den Ställen. Die Mich wurde dann vom Milch- Fuhrwagen bis spätestens ein viertel vor sieben an der Hofeinfahrt abgeholt, ab ein halb elf Uhr standen die leeren Kannen wieder am Hof. Im Winter gehörte dann auch noch, die ganze Fütterung, das Ausmisten und Einstreuen der Viehställe dazu. Nach diesen feststehenden Aufgaben gab es anschließend je nach Jahreszeit und Wochentag unterschiedliche Aufgaben zu erledigen, auf dem Feld, dem Hof, im Garten oder verschiedene Hausarbeiten. Im Winter haben wir sehr viel Schafwolle gesponnen und zu Socken und Pullovern verstrickt. Ich hatte in der Landwirtschaftsschule auch das Handweben gelernt, daher habe ich auch sehr viele Mantel- und Kleider- Stoffe aus dieser gesponnen Wolle angefertigt, ebenso aus verschieden farbigen Leinen- und Baumvollgarnen entstanden Gardinen- Kleider- und Schürzen-Stoffe. In den ersten Kriegsjahren, fuhr ich viele Tage zum Weben nach Burgsteinfurt,natürlich mit dem Fahrrad, in die Mädchenabteilung, da hatte ich immer Zugang zum Webzimmer. Ab 1945 hatte ich dann sogar einen eigenen Webstuhl, den mir Herr Clemens Ratering aus Rheine angefertigt hatte, das war schon eine tolle Sache. Viele bekannte Mädchen und Frauen aus dem Ort, haben unter meiner Anleitung, bei uns zu Hause, das Spinnen und Weben erlernt. Dieser Webstuhl exestiert noch, er steht bei uns in der Dunkelkammer. Im Winter haben wir Frauen abends,vor allem im Winter, auch fleißig Socken gestrickt für alle im Haus und auch für unsere Soldaten. Unser Vater las uns, dabei sehr oft vor aus den Wibbelt Büchern, für uns eine spannende und heitere Lektüre und eine tolle Ablenkung vom bitteren Kriegs- Geschehen. Die meisten Socken schickten wir, mit kleinen Verpflegungs- Paketen an die Front. Außerdem strickten wir auch jede Menge verschiedener Pullover und Westen für groß und klein. Manchmal wurde auch gestickt an Tischdecken und Kissenplatten oder aber auch Monogramme in die Wäsche für die Aussteuer. Jeder hoffte ja darauf, das der Krieg bald ein Ende haben würde, doch unser Vater war sehr misstrauisch, er hörte sehr häufig, ganz vorsichtig, den Schwarzsender am Radio. Karola kam Ende 1943 von der Hausfrauenschule aus Mettingen zurück. Meine Eltern waren der Meinung, ich müsse jetzt auch weiter kommen in meiner Ausbildung zur ländlichen Hauswirtschafterin. Da ich immer noch schriftlichen Kontakt mit meiner ehemaligen Leiterin der Landwirtschaft -schule Frau Voßmann hatte, fragte ich bei ihr an, ob sie mir einen guten Ausbildungs- Betrieb hier im Umfeld empfehlen könne. Umgehend bekam ich eine Antwort, sie bot mir an, zu ihr zu kommen, wenn ich den Mut dazu habe, so weit weit weg von zu Hause, in dieser unsicheren Kriegszeit. Mein Vater motivierte mich und ich sagte diesem Angebot freudig zu. Ich kannte sie ja gut aus der Schulzeit. Frau Voßmann musste im Herbst 1942 ihren Beruf aufgeben, da ihr jüngster Bruder, der Hoferbe, gefallen war. Ihre anderen Geschwister waren schon verheiratet. Sie heiratete im Sommer 1943 den Weinbauern Clemens Diez aus Radolfzell am Bodensee. Sie kannten sich seit einer gemeinsamen Ausbildungszeit. Er war ein tüchtiger. fleißiger Bauer, recht aufmerksam und liebenswert im Umgang mit der Familie und den Angestellten. Er war allerdings auch Soldat auf dem Balkan. Wegen seiner Verantwortung für den Hof, bekam er häufiger vierzehn Tage Arbeitsurlaub. Die Eltern von Frau Diez waren schon älter, etwas Alters- behindert und nicht mehr so einsatzfähig bei schweren Arbeiten.
Am Samstag, dem ersten April 1944 fährt mein Vater mit mir über Köln nach Much bei Overath. In der Frühe um fünf Uhr startete der Zug, unser Pole Felix und Heinz Ratering der seit 1943 bei uns als Lehrling tätig war, brachten uns mit dem Gig und dem treuen Pferd Ledi zum Bahnhof Rheine, um 12.30 Uhr erreichten wir das Haus Gippenstein in Much. Der Empfang war sehr herzlich, so auch das Wiedersehen mit Frau Diez, meiner ehemaligen Lehrerin aus der Landwirtschaftsschule. Das Ehepaar Voßmann stammte aus Westfalen, aus den Kreisen Warendorf und Lüdinghausen, sie hatten den Hof, schon vor dem ersten Weltkrieg, käuflich erworben von einem alten Arzt Ehepaar. Die Unterhaltung von Eltern Voßmann und meinem Vater war sofort sehr herzlich und vertrauensvoll, es waren ja Westfalen. Sie sprachen über die Situation der Landwirtschaft, über den Krieg und die Hitler Diktatur und deren vernichtenden Folgen, natürlich in kleiner Runde in ihrem kleinen Wohnzimmer. Frau Diez machte am Sonntag mit mir einen Spaziergang durch den Ort Much, sie hatte zwei Schwestern in dem Dorf verheiratet. Es waren Frau Keppler, zu der Zeit, der einzige Lebensmittel- und Bäcker-laden in Much. Sie hatte eine sehr nette Tochter Rosemarie, etwas jünger als ich . Sie wurde mir eine gute liebe Freundin, wir haben gemeinsam sehr viel unternommen, Spaziergänge, Radtouren und Tagesausflüge. Keppler hatten auch noch zwei schulpflichtige Buben. Dann besuchten wir noch die Familie von Dr.Friedrichs , die einzige Tierarzt – Praxis in der Gegend. Frau Friedrichs war eine jüngere Schwester von Frau Diez, sie hatte drei kleine Buben, der Jüngste Sohn Gerd saß noch im Sportwagen, er war ein ruhiges liebes pflegeleichtes Kerlchen, auf gemeinsamen Spaziergängen durfte ich ihn fahren. Das war mein erster Sonntagnachmittag auf dem Gippenstein. Nach dem Abendessen saßen wir noch in gemütlicher Runde zusammen und tranken selbst gemachten Fruchtmost und nahmen Abschied von meinem Vater. Am Montagmorgen bereitete Frau Diez,ein kleines Frühstück für uns und machte auch noch ein Verpflegung Paket für Vaters Heimreise. Ich begleitete Vater dann noch zur Hofeinfahrt, 5/45 Uhr startete der Bus mit Arbeitern und Reisenden zum Bahnhof Köln. Danach begann mein Lehrjahr mit der Außenwoche und der Innenwoche im Wechsel. Frau Diez führte mich in den ersten Tagen recht liebevoll in meine Aufgabengebiete ein. Diese Arbeiten waren mir nicht fremd und auch von zu Hause her, schon bekannt und vertraut. Es war eine ganz harmonische und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen im Haus. Am 16. 5. erhielt ich ein Telegramm von zu Hause. Mein Opa und Taufpate war im Alter von fast 89 Jahren gestorben. Am 18. 5. 1944 fuhr ich dann zur Beerdigung in die Heimat. Am 18. Mai war das Begräbnis, ein ganz herrlicher Mai Morgen, Nachtigallengesang ( Opas Lieblingsvögel ) begleiteten den Trauerzug. In Bilk waren die Beerdigung und das Seelen Amt. Am Tage danach, am 19. Mai passierte am Nachmittag das große Unglück, in Neuenkirchen an der Rheiner Straße. Durch die Explosion eines notgelandeten Deutschen Aufklärer Flugzeuges, kamen 24 junge Menschen darunter auch Geschwister, meist Kinder, zu Tode, außerdem wurden sehr viele Personen verwundet oder aber verletzt, bis heute eine unvergessene Tragödie. Am Montag in der Frühe fuhr ich ab St. Arnold über Coesfeld - Köln wieder zurück ins Siebengebirge. Der Krieg mit seinen schrecklichen Folgen ging unaufhörlich weiter, die Lage wurde immer bedrohlicher vor allem hier im Westen. So kam auch Mitte September die Invasion der Engländer in der Normandi – Frankreich. Wir fingen an Kleidung und Lebensmittel zu verpacken und in Verstecke und Erdlöchern ein zu graben. Herr Voßmann hatte am Sonntagabend diese Nachricht am Schwarzsender gehört und sofort mit einem Arbeiter- Busfahrer verhandelt, dass er mich am Montagmorgen in der Frühe mit nach Köln nahm, natürlich für Speck und Eier. Meine Eltern waren auch heilfroh, als sie mich am Montagabend gegen 22 Uhr in Offlum sahen. Sie hatten auch schon ein Telegramm an mich gesandt, mit der Bitte, doch nach Hause zu kommen. Es war auch richtig so. Der Hof wurde in den Tagen danach voll belegt mit einer SS- Leibstandarte und stand somit im Frontgebiet unter ständigem Beschuss. Die Familie hatte auch den Hof verlassen müssen, sie waren in der Nachbarschaft und bei Verwandten untergebracht. Die Versorgung des Viehes durfte nur unter strenger Bewachung verrichtet werden. Ja, so war es an der ganzen Westfront und in Großstadt nähe, so wie hier in der Nähe vom Verkehrsknotenpunkt Rheine und Osnabrück, Flughafen Bentlage, Mittelland- und Dortmund- Ems- Kanal. Hier oben auf dem Berg waren schon seit Anfang des Krieges mehrere Beton- Bunker für die Raketen- Abwehr gebaut worden. Diese Bunker sind nach Kriegsende als Wohnungen für Vertriebene und Flüchtlinge genutzt worden. Reste von diesen Bauten sind bis heute noch auf dem Berg zu finden.
Am 5. Oktober1944 war der erste schwere Terrorangriff auf das Bahnhofsviertel in Rheine, besonders der Dörenkamp wurde sehr stark getroffen mit sehr vielen Toten. An diesem Abend kam die Familie Clemes Ratering aus Rheine zu uns in Quartier, die Eltern mit drei Schul- pflichtigen Geschwistern von Heinz Ratering, der bei uns seine Lehrjahre machte und jetzt zur Wehrertüchtigung verpflichtet war. Die Familie blieb bis zum Kriegs- Schluss bei uns. Am 20.Januar 1945, ein eiskalter neblicher Wintertag, war dann wohl der größte und schwerste Luftangriff auf Rheine. 225 Bomber der US- Luftfotte auch „Fliegende Festungen„ genannt, warfen innerhalb von 30 Minuten 2500 Bomben im Bahnhofs,-Gebiet und in der Altstadt und auch einige hinter der Ems ab. 70 Personen kamen dabei zu Tode. Insgesamt kamen in Rheine bei den Luft- Angriffen zwischen 1944 und 1945 etwa 750 Menschen ums Leben. Am 29. Januar muss mein Bruder Hugo zum Wehrertüchtigung- Lager nach Wewels- Burg b/ Paderborn. Heinz Ratering bekommt einen Stellungsbefehl zum R.A.D. (Reichsarbeitsdienst). Jeden Tag kommen schreckliche Nachrichten von Gefallenen, Vermissten, Vertriebenen oder Bomben-geschädigten. Die Front rückt immer näher. Im Februar 1945 fallen in Landersum bei Bertels -Kadus an der Kreuzung Bergweg/ Haddorfer Weg gegenüber von Korthaneberg 2 bomben in die Wallhecke. Personen kamen nicht zu schaden, es handelte sich wohl um einen Notabwurf. Bei Bertels waren nur die Fensterscheiben und einen Teil der Dachziegel beschädigt, aber keine Personen. Auf dem Bergrücken am alten Postdamm werden Schützengräben gebaut. Gefangene, vor allem auch Holländer kommen zum Einsatz. Ebenso an den Sonntagen viele Frauen und Jugendliche, die sonst anderweitig berufstätig sind. Auch wir haben im Erdwall in der Nähe unseres Hauses einen Bunker gebaut, den wir bei Luftangriffen vorsorglich nutzten. Wir vergraben auch Vorräte an Wäsche und Kleidung ebenso jede Menge an Lebensmitteln. Ende Februar kommt Hugo aus dem Lager zurück, er ist vollkommen abgemagert. Am 6. März 1945 wird Salzbergen angegriffen. Es ist 12 Uhr, wir wollen gerade zu Mittag essen, da kommt Vollalarm, das Radio meldet schwere Luftverbände sind im Anflug, wir hören sie brummen, wie bei einem Erdbeben rüttelt unser Haus und bebt der Boden. Die Scheiben fliegen , wir reißen Fenster und Türen auf und stürmen in den Bunker. Salzbergen wurde angegriffen, der Himmel ist ganz bedeckt mit dicken schwarzen Rauchwolken und Feuersäulen. Die Ölraffinerie wurde total zerstört, 20 Minuten dauerte der Angriff. Landersum blieb verschont. Kurz vor Ostern, am 24 ten März kam nach pausenloser Bombadierung endlich der Durchbruch der Front bei Wesel, die Kriegsfront rückt näher, die Lage im Westen wird bedrohlicher, am Gründonnerstag dem 29 ten März wurden alle Fremdarbeiter aus dem Ort und auch von den Höfen abkommandiert in Sammellager. So mussten auch unser Urkrainer Mytri Bolokovski und unser treuer Pole Felix Olek ab ins Lager, sie gingen schweren Herzens. Hugo hatte an diesem Tag Onkel Andreas in Landersum geholfen beim Hafer säen. Auf dem Heimweg vom Acker wurden die Pferde scheu, wohl durch plötzliche Tiefflieger, dabei ist ihm ein Wagenrad übers Knie gegangen. Am Karfreitag, dem 30 ten ist unser Vater mit ihm zum Arzt gefahren, er hatte einen Gelenkkapselriss und einen starken Bluterguss im Knie und musste somit im Krankenhaus bleiben, nun fehlten uns 3 Arbeitskräfte, wir Frauen mussten jetzt alle Arbeiten allein erledigen.-----Ab hier, möchte ich aus meiner Tagebuch Aufzeichnung einiges in Kurzfassung einfügen.------Karfreitag, 30. April 1944. Um 6,30 Uhr früh kamen deutsche Quatiermacher. Um 10 Uhr liegt der Hof voll mit deutschen Soldaten, einer Auto- Reparatur- Werkstätte. Viele der Soldaten sehnen sich nach Kriegs- Schluss und hoffen auf ein baldiges Ende, genau wie wir. Sie fühlen sich auf unserem Hof recht wohl, sie schlachten ein Schwein und Hühner und kochen und braten für sich zum Abendessen ein Festliches Mahl. Ein Bauernsohn aus Bayern ist auch unter ihnen. Er interessierte sich sehr für unseren Hof und besichtigte alle Ställe und Gebäude und bewunderte die große Sauberkeit und Ordnung. Trotz der Belagerung des Hofes machen wir weiter mit unserer Kriegs- Vorsorgebereitung, wir vergraben noch Lebensmittel und auch Wäsche und Kleidung, verpackt in Milchkannen und einem 250 Ltr. Wasserfass, teils im Holzschuppen und im Garten. Herr Ratering hat uns dabei geholfen. Die Situation war recht brenzlich, der Tommy ( also die Kriegsfront) soll schon in Borghorst sein. Unser Vater war allein zum Karfreitags Gottesdienst. In der Nacht zum Karsamstag wurden dann der Flugplatz und die Elektrizitätswerke in Metelen gesprengt. Die Stromversorgung war beendet somit standen alle Betriebe und Werke still, auch die Molkerei Naarmann, die Milch kam zurück. Wir haben ja außer Kraftstrom unsere eigene Strom-Versorgung und somit auch Licht im Haus und Stall. Die späteren Einquatierungen waren alle sehr glücklich über die Situation Licht und Fließendes Wasser zu haben. Für das Aufladen der Strombatterien und den Wasservorrat benötigten wir den Krümpel Traktor, den wir ja auch aus diesem Grunde behalten haben. Die Soldaten mit der Reparatur- Werkstatt waren schon in den frühen Morgenstunden weiter gezogen in Richtung Ohne. Das Schießen der Front rückt immer näher, die Explosionen halten an. Wir sind in der Kriegsfront. Unser Vater kommt ganz erregt vom Dorf und meldet uns, dass unser SS Ortsvorsteher Herr Bollenrath unsere Fabriken und öffentlichen Gebäude sprengen und unseren Ort in einem Kampf mit dem Feind verteidigen will. Vater fährt sofort zurück und es kommt in dieser schwierigen Situation zu einer harten aber erfolgreichen Auseinander- Setzung. Bei dieser Diskussion waren maßgeblich beteiligt Dr August Mammes, Tierarzt Dr Borschulze, Herr Lehrer Evers und unser Vater, sowie alle Arbeiter und Fabrikbesitzer mit ihren Weberschiffchen und Stoffballen, auf dem Rücken, zur Stelle. Der Volkssturm kommt nicht zum Einsatz unser Ort bleibt friedlich und vom Kampf verschont. Um 12 Uhr ziehen die Panzerspitzen in unser Dorf ein, alle Bewohner waren froh und haben weiße Fahnen oder Tücher aufgehängt, ein Zeichen der kampflosen Übergabe. Von Wettringen, Rothenberge und Bilk dröhnt die Härte der Front und der Verteidigung zu uns herüber, es ist ein Schießen ohne Unterbrechung. Für uns in Offlum ist somit die Gefahr noch nicht vorüber. In Wettringen und Bilk sitzen noch starke SS Truppen fest, ebenso in Ohne. Wir hatten auch schon eine weiße Fahne an der Scheunen-front aufgehängt als Zeichen des friedlichen Empfangs der englischen Truppen, doch wir waren zu schnell. Hinten in Offlum saßen noch SS Truppen, es kam eine bewaffnete Abordnung zu uns und drohte uns, wenn wir die Fahne nicht unverzüglich vernichten, würden sie unseren Hof sofort unter Beschuss nehmen und in Brand setzen. Wir bereiten uns auf alles vor und packen die Koffer, schlagen in unserem Erdbunker eine Lagerstätte auf. Wir haben sehr kaltes Wetter. Trotz aller Unruhe und Turbulenz, legten wir Mädchen uns noch ganz ruhig in unsere Betten. Vater und Herr Ratering haben abwechselnd gewacht. Die Explosionen vom Flugplatz und Rheine waren unaufhörlich. Ostersonntag, der erste April, wir waren alle am Morgen zum Ostergottesdienst. Im Dorf ist noch alles ruhig aber die Leute sind voller Spannung auf das, was noch kommen wird. Nach dem Mittagessen, legen wir Mädchen uns noch ganz seelenruhig zu einer Mittagspause in unsere Betten. Plötzlich hören wir Panzer rollen auf der Haddorfer Straße. Wir schauen ohne große Bedenken oben aus dem Fenster dem Geschehen zu. Ratering und Vater stehen im Garten und beobachten die Situation. Ob die Engländer uns Mädchen oder aber die Männer im Garten im Blick hatten kann ich nicht genau sagen. Plötzlich fielen Geschosse direkt neben Vater und Ratering in den Garten und in Richtung Haus. Wir sind alle blitzschnell in unseren Erdbunker gerannt und haben gewartet bis sich die Lage etwas beruhigte. Doch das Schießen hielt an. Die Packgeschosse der Deutschen kamen alle zu uns herüber. In Haddorf und im Brook liegen noch ziemlich starke SS Truppen in Abwehr. Um 16 Uhr steht der erste Englische Panzer in Flammen. Der Panzer hatte einen Reifendurchschuss, die Insassen sind ausgestiegen und wurden von der SS in Gefangenschaft genommen, einer der Soldaten war schwer verletzt.Die anderen Panzer haben sich wieder bis vorne in Offlum zurückgezogen, es herrschte wieder Ruhe.Wir haben dann wie immer unser Vieh versorgt und gemolken. Ratering hatte inzwischen wieder eine weiße Fahne an den Scheunengiebel gehängt , da die Englischen Truppen mit Panzern schon bei Kiewe im Anmarsch waren. Als sie näher kamen, hat er dann noch eine am Hausgiebel aufgehängt zur Begrüßung der Engländer. Beim Abendessen gegen 19 Uhr wurden wir überrascht, der ganze Hof wurde von englischen Soldaten belegt, es waren 60 Schotten. Wir haben unsere Rechte verloren, jetzt herrschen die Soldaten. Das ganze Haus wird durchstöbert, jede Lade , jedes Kästchen wird durchsucht nach Waffen und Munition. An der Giebelfront unseres Hauses wurde in jedem Schlafzimmerfenster ein Maschinengewehr aufgebaut, außerdem in der Werkstatt und im Kartoffelsilo. An der Scheune und auf dem Kamp wurden Schützengräben gebaut. Um 21 Uhr sollten wir das Haus verlassen und auf dem Balken schlafen. Wir haben es dann doch geschafft wenigstens das Elternschlafzimmer zu behalten für acht Personen, und für uns, Hedwig Ross, Karola und ich, sowie Herr Ratering und Sohn Rudi unseren Erdbunker als Quartier zu benutzen, alle waren unter ständiger strenger Aufsicht der Engländer. Von 19 Uhr bis um 7 Uhr am Morgen dürfen wir den Bunker nicht verlassen, wir schlafen gar nicht und sind voller Aufregung über so ein rabiates Vorgehen. Die Atellerie schoss unaufhörlich während der ganzen Nacht. Am 2. April, es ist Ostermontag. Unsere Mutter kommt um 7Uhr und will uns holen, sie gibt uns unter Tränen eine kleine Vorwarnung über den Zustand unserer Wohnräume, sie erzählt uns, dass sie unter viertel stündiger Kontrolle in ihrem Schlafzimmer gesessen haben. Mein Gott wie sah unser Haus aus. Es konnte in einem Schweinestall nicht schlimmer aussehen. In der Küche auf dem Herd, Berge von Eierschalen, Schmalztöpfe, Spiegeleier, Schinken und gebratenen Speck, das Fett war bis mitten in die Küche gelaufen, alles verschmiert und versaut. In den Schlafzimmern großes Durcheinander, Gardinen von den Fenstern gerissen, unsere schön in weiß bezogenen Betten durchwühlt, verschmiert und mit Zigaretten Löcher in die Bezüge und ins Inlett gebrannt. Sogar auf den Hausbalken hatten sie Bettlaken und Wäsche aufs Heu und im Stroh verteilt und als Schlaflager genutzt. Alle Laden und Kästen waren durchstöbert, wertvolles mitgenommen und die Wäsche mit Speckscheiben, Schmalz und Spiegeleiern versaut. Füller, Weckuhren, Taschenmesser, silberne Kuchengabeln (ein Geschenk von Schulze Westhoff aus Einen), Taschentücher, sogar Papiergeld und Portemone`s waren geklaut. Während des Melkens am Ostermontagmorgen hatte man mir mein bestes und einziges Paar Sonntagsschuhe von der Holzschuhbank geklaut. Ich war völlig empört und verärgert über solch eine Gemeinheit. Ich bin dann ganz selbstbewusst mit meinen Schul- englisch Kentnissen zu dem Offiziersstab in unser bestes Zimmer gegangen und habe meinem Ärger Luft gemacht. Ein Offizier kam sofort mit mir auf den Hof und lies die Mannschaft antreten. Der Offizier ging dann mit mir in jeden Mannschaftswagen um zu schauen ob meine Schuhe dort standen; siehe da, im zweiten Wagen standen sie wohlbehalten auf einer Spind- Bank. Ich durfte meine Schuhe wieder mitnehmen und habe mich beim Offizier bedankt für seine freundliche Hilfe. Die Mannschaft aber musste noch stramm stehen und bekam eine Standpauke verpasst. Unser Vater war ganz blass geworden und aufgeregt, er hatte große Sorge um mich gehabt wegen meines Mutes. Er sagte nur zu mir, wie kannst du das wagen, so dreist zu den Offizieren zu gehen und mit einem in die Manschaft -wagen steigen, sie hätten dich festhalten und missbrauchen, oder auch abknallen können. Aber ich habe mit meinem Wagemut einiges erreicht, ich hatte meine Schuhe wieder und englische Schokolade hatte ich auch noch bekommen. Gegen Mittag zog dann der Offiziersstab mit der Kampftruppe weiter Richtung Haddorf und Ohne, Nachschubtruppen folgten. Wie wir dann in Ruhe unsere Wohnräume betrachteten, waren wir total fertig und haben uns erst einmal hingesetzt und geweint über so eine Verwüstung. Zur Kirche waren wir nicht, es war Ausgehverbot. Wir haben unser Haus in aller Unordnung liegen lassen, nur die Küche haben wir aufgeräumt. Nachmittags ging die Schießerei wieder los. Wir mussten den ganzen Tag im Bunker bleiben, es war eine sehr gefährliche Situation, Panzer fuhren vor, Infanterie zog bei Linnemann und auf dem Berg in Stellung und schoss auch während der ganzen Nacht. Vater und wir Mädchen schlafen im Bunker, Wir haben noch keine Einquartierung wieder. Dritter April, wie es scheint hat sich die Front zurückgezogen. Die Atellerie schießt noch immer. Sieben Panzer wurden in den Tagen danach im Kampf von hier bis Haddorf abgeschossen. Ostermontag um 18 Uhr gibt es wieder Einquartierung, ein Regiments stab mit 50 bis 60 Mann. Wir müssen das Wohnhaus für mehrere Tage räumen, Verpflegung für mehrere Tage mitnehmen, wir dürfen die Wohnräume nicht mehr betreten. Wir kochen und essen in der Futterküche am Schweinestall, wir schlafen in den Knechtekammern an der Tenne und im Bunker. Wir haben Ausgang von 7 Uhr bis 19 Uhr unter Kontrolle. Wir bringen jeden Tag 40 Liter Milch zur Verteilung an mehrere Familien im Ort und zu den Schwestern des Antoniusstiftes, natürlich alles mit dem Fahrrad. Verschiedene Leute holen sich auch die Milch direkt bei uns vom Hof. Die Molkereien stehen immer noch still, es gibt noch keine Stromversorgung wieder. Vierter April, wir haben immer noch die gleiche Einquartierung. Deutsche Flieger werfen weiter Bomben und machen viele Tiefangriffe. Willi Wehmschulte kommt zu uns, er will uns helfen. Im Dorf steht alles auf dem Kopf, kein Strom, überall Einquartierung, viele Leute mussten ihre Häuser räumen. Die Leute sind alle ganz ängstlich und besorgt wie es weitergeht. Ich besuche Hugo, der seit dem Unfall im Krankenhaus liegt. Das Krankenhaus ist Lazarett und ist überfüllt mit Verwundeten und Bombengeschädigten Leuten. Wir sollen Hugo wegen der Überfüllung nach Hause holen, aber wie, wir dürfen nicht fahren. Fünfter April, wir haben Nachricht von Ahling aus Haddorf und Horstmann aus Landersum, sie sind alle wohlauf und die Kriegsfront ist weiter gezogen. Wir bangen noch um Spieker in Schmedehausen und Onkel Karl und Tante Mia in Sickingmühle. Wir hoffen bald auf eine positive Nachricht! Bei uns auf dem Hof sind gegen Mittag 25 Soldaten abgezogen. Die Küche bleibt noch, sie wollen unser Radio und unseren Trecker mitnehmen, aber durch unseren starken Einwand behalten wir beides. Unser Hühnerstall wurde mehrmals am Tag und in der Nacht aufgebrochen. Eier sehen wir keine mehr und die Hühner werden auch weniger, die Küche hat gut vorgesorgt und sich einen Vorrat für mehrere Tage geschaffen.Unser Handwerkszeug ist auch alles verschwunden. Gegen Abend kommen neue Soldaten, 40 zig Mann dazu, es ist eine Reperaturwerkstatt. Der Rest der Küchen- Soldaten zieht abends weiter. Die neue Truppe ist etwas humaner, wir dürfen unsere Wohnräume wieder betreten. Aber wir lassen alles liegen wie es ist, nur das Eltern Schlafzimmer säubern wir, denn gegen Abend kommt Hugo vom Krankenhaus. Dr. Mammes sorgt dafür, dass er von einem Rote Kreuz Fahrzeug bis zur Molkerei Naarmann mitgenommen wird, von dort ist er dann durch die Sandbült nach Hause gehumpelt. Dr. Mammes kommt zu uns und sorgt dafür, dass wir das Eltern Schlafzimmer frei bekommen. Er schreibt uns ein Schild mit der Aufschrift: „Sik Man in Bed.“ mit seinem Arztstempel und seiner Unterschrift versehen. Unsere Eltern konnten mit Reinold und Hedwig auch in dem Zimmer übernachten,wir anderen schliefen weiter im Bunker und auf den Jungen Kammern an der Tenne. Sechster April 1945 , die Soldaten sind noch da, sie räubern weiter kleine Gegenstände aus dem Haus. Das Fahrrad von Hedwig Ross war plötzlich auch geklaut. Wir meldeten es sofort, ein englischer Offizier machte Kontrolle bei seinen Leuten und siehe da ,er fand das Rad und gab es an Hedwig zurück, sie weinte vor Glück und wir brachten das Fahrrad in Sicherheit. Siebter April: Diese Bande zieht ab, aber eine neue Truppe steht schon wieder vorm Hof. Wir verstecken und vergraben noch ganz schnell einige Vorräte an Lebensmitteln und Wäschestücken. Zetzt sind es nur 25 Soldaten, aber eine ganz durchtriebene Truppe, sie räubern und klauen wo sie nur können, Werkzeuge, ein grünes Moped, Enten, Hühner,Eier und andere Kleinigkeiten. Gegen 17 Uhr ziehen sie ab. --- Wie es scheint, folgen keine neuen Truppen mehr, --- Wir säubern und putzen aber nur die Küche und das Wohnzimmer zum „ Weißen Sonntag .“ Auf dem Kamp am grünen Weg, legen wir die ersten Kartoffeln. Achter April, Weißer Sonntag. Wir waren wieder alle zur Kirche. Die Leute im Dorf sind alle sehr froh, dass die meisten Soldaten wieder abgezogen sind. Es war sehr schönes ,warmes Wetter. Einige Bekannte aus dem Dorf besuchen uns zur Kaffeezeit und wollen schauen wie wir alles überstanden haben. Neunter April, unser Jugoslawe Mytry Bolobowsky kommt zu uns zurück getrippelt. Wir sind alle sehr erstaunt, er hat einen Riesenspass wieder hier bei uns zu sein. Zehnter April, unser Felix Olek kommt zurück. Wir hatten schon Sorge um ihn gehabt und waren glücklich ihn gesund zu sehen. Man hatte ihn im Lager noch länger festgehalten wegen seiner Führungsstärke. 11 ter bis 15 ter April, es kommen den ganzen Tag Russen und Soldaten zum Hamstern. Zum Teil machen sie auch schon ganz gemeine Raubüberfälle. Fünfzehnter April, ein Regensonntag, wir haben unser Haus wieder aufgeräumt und gemütlich hergerichtet. Im Ort müssen viele Leute ihre Häuser ganz räumen. An der Wettringer Straße, gegenüber der Molkerei Narmann entsteht ein Englischer Autofriedhof, heute ist dort die weit bekannte Badeanstalt. In der Sandbült am Bahngeleise ( Rheine / Ochtup) entsteht am gleichen Tage ein Englischer Panzerfriedhof. Die Kiefern wurden einfach, von den Engländern, mit Räumfahrzeugen zur Seite geschoben bis ungefähr an Fähringsweg. Ältere Leute erinnern sich noch recht gut an diese Situation. Ältere Männer haben in ihren Kinder und Jugendjahren hier ihren Spielplatz gehabt und viel gefährlichen Blödsinn verzapft. In den Fahrzeugen lagerten auch noch Gewehre, Munition und Magazine, ebenso Pistolen und Werkzeuge. Hier wurde sehr viel an Werkzeugen und Alteisen geklaut. Nach einigen Jahren haben Schrotthändler angefangen die alten Fahrzeuge zu zerlegen und verschrotten. Nach Kriegsende begann man in Deutschland auch wieder mit dem Aufbau zerstörter Straßen, Brücken, Städte und Häuser. Es wurden viele Materialien gebraucht, vor allem auch Sand, Kies und Kalk. Da wir hier in Neuenkirchen die Höhe mit dem Kalksteinrücken und die Niederung mit der Kiessand -Rinne und einer Wassermoräne haben, waren und sind wir noch ein wichtiges Liefergebiet für die Bauwirtschaft in Westdeutschland und die Trinkwasser Versorgung für die Städte Rheine, Ochtrup, Wettringen und auch Neuenkirchen. So entstanden nach und nach die heute vorhandene Badeanstalt, die Baggerlöcher und Seen, mit einer Tiefe bis zu 28 Metern. Heute denkt kaum noch jemand an diese Situation von 1945, die jungen Leute haben es ja nicht erlebt und gesehen. Heute haben wir dort den weit bekannten Offlummer See mit einem gut angelegten und ausgebautem Sandstrand, mit Terrassen, Ruhebänken und einem vier Kilometer langem Wanderweg rund um den See. Die alte Bahntrasse wurde nach Stilllegung der Bahnstrecke Rheine/ Gronau zu einem wunderschönem Radweg ausgebaut. Das Radfahren ist, für Jung und Alt, inzwischen ein sehr beliebtes Hobby geworden. Von morgens bis abends ist immer reger Betrieb auf dieser Trasse, Fußgänger, Inliner- Fahrer, Worker, Hundehalter und Wandergruppen.Seit Ostern 2007 ist auch am Strand ein sehr schönes Seecafé erbaut, ganztägig in Betrieb. Zurück zum Kriegsende 1945. Ab dem 17- ten April gab es für die Bauern auch nur noch Brot auf Lebensmittelmarken, genau wie alle anderen Nahrungsmittel auch. Mahlkarten gab es erst Jahre später, Wir lernten sehr schnell Brot und Kuchen mit Kartoffeln und Mais herzustellen, es war manchmal etwas klebrig aber es schmeckte auch und machte satt. Ebenso bereiteten wir aus Zuckerrüben und Äpfeln das Rübenkraut und auch Marmelade, so konnten wir viele Speisen und Kuchen schmackhaft herstellen. Am 19- ten April kam unser Kaplan Rohe wieder zurück aus einem Inhaftierung Lager in Minden. Ein Englischer Soldat hatte ihn freigelassen. Die Freude in unserer Gemeinde war groß. Er kam sofort zu uns und sprach mit meinen Eltern und uns Jugendlichen über seine grauenvollen Erfahrungen im Lager Minden.
Am 22- ten April, ist mein Geburtstag, ich bin schon 22 Jahre alt. Der Krieg hat unsere Jugendjahre verschlungen, wir Jugendlichen haben die Zeit des Nazi Regimes , deren Folgen und das Elend der Kriegsjahre in voller Härte miterlebt. Die Nachkriegszeit brachte uns auch ungeahnte Probleme. Die Flüchtling Ströme aus den zerbombten Industrie Städten, aus den Polnisch besetzten Gebieten, aus Ostpreußen, aus Schlesien u. s. w. reißen nicht ab. Ausländische Kriegsgefangenen Lager kommen hier in den Ort. An der Gaststätte Kuhnt lst ein Franzosen Lager mit 60 Gefangenen eingerichtet. Im Lager der Firma Hecking sind 37 Russen einquartiert. Engländer und Belgier sind im Ort in mehreren Villen und Privat Häusern unter gebracht. Die Russen sind sehr brutal und machen auf vielen Bauernhöfen totale Raubüberfälle, was sie nicht mitnehmen können das zerstören oder versauen sie. Unser Felix Oleck hat sich von den Russen ein Fahrrad für Speck und Schinken erworben. Am 26- sten April werden die Russen mit 16 Militärfahrzeugen in ein großes Sammellager nach Bocholt abtransportiert. Einige Franzosen, vom Lager bei Kuhnt, kommen zu uns und wollen unseren Trecker beschlagnahmen, sie behaupten wir seien Kapitalisten. Unser Vater, der ja auch den ersten Weltkrieg schon mitgemacht hatte, und auch in Frankreich gewesen war, kommt dazu und klärt sie erst mal ein wenig auf und siehe da, sie werden einsichtig und verlassen unseren Hof. Bei uns sind sie nie mehr wieder gekommen. Doch in den Tagen danach haben sie in den späten Abendstunden sehr oft unerlaubte und brutale Raubüberfälle auf den Höfen gemacht, bei Busch -Hagemann im Feld, bei Laubuhr in Offlum, bei Kaldemeier und Schürmann in Haddorf, meistens ging es um Lebensmittel wie Speck, Schinken, Schmalz, Eier und Hühner. Das Franzosen Lager war noch bis einige Jahre nach Kriegsende als Besatzungsmacht bei der Gaststätte Kuhnt stationiert, sie haben von uns täglich 40 Liter Milch geholt, natürlich gegen Bezahlung. Hier im Ort mussten sehr viele Einwohner, besonders die Besitzer größerer Häuser oder Villen ihre Wohnungen ganz oder teilweise mehrere Monate räumen, für die Besatzungsmächte. Auch hier auf dem Hof Hovekamp war ein Englischer Stab für einige Wochen einquartiert. Die Familie und das Personal durften aber einige Räume und die Kammern an der Tenne behalten, schon wegen der Versorgung des Viehes und der Landwirtschaft. Natürlich haben sie auch gerne von den Lebensmitteln, Milch und Eier mit gelebt, dafür gab es dann schon mal ein wenig Schokolade oder ein paar Kaffee Bohnen.----Nun zurück zum Ende April 1945. Familie Ratering bleibt noch einige Wochen bei uns wohnen bis ihre durch Bomben geschädigte Wohnung wieder einigermaßen hergerichtet ist. Herr Ratering fährt fast jeden Tag nach Rheine zum Aufräumen und Renovieren. Auch seinen Bahndienst hatte er wieder aufgenommen. ---Am 1. Mai 1945 hat unser Felix Olek mit seiner Rosa die standesamtliche Trauung besiegelt. Wir haben aber, keine Feier gemacht, es war ja auch noch heftiger Krieg. Am 8. Mai haben die Beiden dann kirchlich geheiratet. Sie hatten einen kleinen Freundeskreis und die Famile vom Hotel Niehues -Hospes ,Hotel und Gaststätte, das alte Ehepaar, Tochter Elli und Sohn Willi eingeladen. Die Rosa war auch schon seit ihrer Vertreibung 1940 aus der Urkraine, dort rundum
beschäftigt gewesen im Haushalt und im Hotel. Sie war ein hübsches und sehr fleißiges Mädchen. Wir haben uns bemüht dem Paar den Tag recht festlich zu gestalten mit Essen und Trinken. Auf der Tenne hatten wir ordentlich gesäubert, frisch gekälkt und schön mit Maizweigen und Papierrosen geschmückt. Es war rundum ein gelungenes Fest. Wir hatten sogar ein wenig Musik mit einem Treckebühl von Willi Wehmschulte gespielt und wir haben auch etwas getanzt, trotz Verbot. A b 21,30 Uhr war dann absolute Ruhe und Ausgeh- Verbot. Eine Abordnung der englischen Besatzung patrollierte wohl auf unserm Hof auf und ab, sie haben uns aber in Ruhe feiern lassen. Felix und seine Rosa sind noch bis zum Kriegsschluss bei uns geblieben. Sie sind dann mit allen Polen in ein eigenes Polendorf in einen Grevener Ortsteil verlegt worden, sie haben dort eine lohnende Beschäftigung für einige Jahre erhalten. Nach und nach konnten sie dann in ihre polnische Heimat zurück reisen. Dort hatten sie zunächst auch einen sehr schweren Anfang, es war durch den Krieg und die Besatzung ja alles zerstört. Nach einigen Jahren sind sie in kurzem Abstand beide verstorben. Ein Sohn von Ihnen ist wohl in Greven geblieben er hat sich dort eine Existenz aufgebaut und geheiratet.
Nun zurück zum 1.Mai 1945. An diesem Tag kam auch der Kreisbeauftragte des Milchkontrollverbandes Steinfurt mit dem Fahrrad zu uns. Herr Dr. Budde hatte ihn beauftragt unserm Vater
die Nachricht zu bringen, er möge unverzüglich nach Burgsteinfurt zur englischen Standort Verwaltung kommen wegen dringender Angelegenheit. Vater ist dann mit einem mulmigem Gefühl mit dem Rad losgefahren,wir hatten auch ein wenig Sorge um ihn. Nach einigen Stunden kam er aber wohlbehalten und erleichtert zurück.
Der englische General und sein Stab hatten ihn sehr liebevoll und herzlich empfangen und ihm gratuliert, da er der einzige Ortsbauernführer im ganzen Kreisgebiet war der nicht der NSDAP angehört habe. Sie hatten in der Kreisverwaltung alle Unterlagen des Kreises Steinfurt eingesehen und auf Partei Tätigkeiten untersucht. Dort lag dann auch eine wiederholte Eingabe von einem Bauern aus Landersum vor, der auch Parteigenosse war und unserm Vater das Amt als Ortsbauernführer neidete. Er war immer überaus freundlich und Kollegial zu unserem Vater und unserer Familie gegenüber, aber hinten herum total falsch. Ich habe ihn sehr gut gekannt, aber ich traute ihm nicht, er war so Katz buckelig,so nennt man diese Art von Leuten im Volksmund, ( Ich möchte aber den Namen nicht nennen. Seine Familie hat auch unter ihm zu leiden gehabt.) Das Antwortschreiben war als Duplikat bei der Akte von unserem Vater abgeheftet. Dort stand zu lesen, der Schreiber möge sich doch beruhigen, sie wären genau informiert über die Tätigkeiten unseres Vaters. Doch sie könnten zur Zeit noch nichts unternehmen und nicht auf seine Hilfe verzichten. Horstmann habe einen sehr positiven Einfluss auf die Bauern im Ort und auch im Kreis. Unter seiner Führung würden alle Abgaben und sonstigen notwendigen Leistungen prompt erfüllt,wie bei keinem anderen Ortsbauernführer. Er möge sich noch einige Zeit gedulden, der Krieg würde in Kürze Siegreich beendet sein. Danach werde man die notwendigen Schritte unternehmen und Horstmann inhaftieren und einer verdienten Strafe zuführen. Über diese Information war unser Vater total geschockt, dass ein Berufskollege so falsch und hinterhältig sein kann. Der Mann hat nicht mehr sehr lange gelebt, er hatte auch keine Freunde mehr. Unser Vater ist ihm weiterhin Kollegial begegnet.---- Ja, jetzt war unser Vater für alle Bauern im Kreis Steinfurt zuständig. Er selber meinte, das würde nur für kurze Zeit sein, er könne das ja gar nicht leisten, er sei ja nur ein kleiner Bauer. Aber, da hatte er sich geirrt, man hat ihn in den folgenden Jahren von einem Amt in das Nächste gewählt, doch darüber werde ich später noch berichten. Ja,nun musste unser Vater mindesten 2 bis 3 mal in der Woche nach Burgsteinfurt kommen und das mit dem Fahrrad. Die englische Verwaltung und auch Dr. Budde meinten, er müsse sich schnell ein Auto besorgen, er bekäme eine Fahrerlaubnis. Ansonsten herrschte ja im ganzen Land ein Fahrverbot bis auf ganz wenige Ausnahmen. Ja, so war es. Unser Vater hatte noch nicht einmal einen Führerschein, außer für den Traktor. Den Führerschein hat er nach einer Fahrstunde bekommen. Der Fahrlehrer und der Prüfer haben bei uns in der Diele bei einem Kaffee und einem Butterbrot die Prüfung abgenommen und er bekam die Fahrerlaubnis und einen Fahrschein. Nun musste ein Auto beschafft werden, aber woher? Vater wusste, das Frau Gertrud Hinterding ihr Auto 1940 vor der allgemeinen Abgabe und Verschrottung in Sicherheit gebracht hatte. Gertrud Hinterding war eine geborene Laubuhr und hatte 1937 den Bauernsohn Antonius Hinterding geheiratet. Der junge Bauer ist im Sommer 1940 an einem bösartigem Hirntumor gestorben. Er war noch in Berlin und ist noch von einem berühmten Professor (ich meine es wäre der Prof. Sauerbruch gewesen) in der Charritee operiert worden, aber ohne Erfolg, er hatte einen bösartigen Hirntumor und ist nach einigen Monaten gestorben. Er hatte zwei Söhne und eine kleine Tochter, die 1940 geboren wurde, sie heißt heute Frau Brigitte Kiewe und lebt mit ihrer Familie auf einem Hof in Offlum. Einem Nachbarhof ihres Elternhauses. Der Hof Hinterding ist aber leider später durch tragische Umstände veräußert worden. Der älteste Sohn als Nachfolger hat sich mit seiner jungen Familie im Emsland einen Hof wieder gekauft. Meine Eltern waren schon immer sehr befreundet mit Hinterding,wir haben viele Ernte und Pflegearbeiten in Gemeinschaft verrichtet und das war gut so, da außer Kriegsgefangener kaum Hilfen im Kriege zur Verfügung standen. ---- Nun war es Gertrud Hinterding, die unserm Vater ihr Auto anbot, falls es nicht zu sehr im Versteck gelitten hätte.---- Siehe da, außer staubiger Verschmutzung war alles noch heil geblieben. Sie hatten es mit dunklem Stoff und einem starkem Holzverdeck unter hohem Strohhaufen in einer sehr alten Fachwerkscheune versteckt, es hatte alle Kontrollen und Kriegswirren heil überstanden. Gertrud war froh, dass sie es unserem Vater geben konnte, natürlich gegen Bezahlung, es war ein DKW, er bekam die Zulassung auf die Nummer VW 21, und so war er schnell im Ort und Kreisgebiet bekannt, Da ja noch generelles Fahrverbot herrschte, durfte nur unser Vater alleine im Auto fahren und sitzen. Erst einige Jahre später, als die Wirtschaft wieder Aufschwung bekam, konnte er es auch für Familienfahrten benutzen.----- Nun zurück zur Nachkriegszeit ab1945,--------
Der Krieg war furchtbar und sehr beängstigend, aber die Nachkriegsjahre waren auch sehr schwer. Die vielen Flüchtlinge aus den zerbombten Industrie- und Großstädten, dann die nach und nach heimkehrenden Soldaten und Gefangenen aus den verschiedenen Lagern. Die Heimatlosen aus den von Russen und von Polen besetzten Gebieten, vor allem aus Ostpreußen und Schlesien. Diese Vertriebenen mussten unter schweren Bedingungen ihre Heimat, Haus, Hof und Eigentum verlassen. Familien wurden oft brutal getrennt und in verschiedene Übergangslager deportiert. --- Hier kann ich die erlebten Erfahrungen von Walburga Bömer geb.Grieger geb. am 15. März 1942 in Schreibendorf an der Schnee -Kuppe in Schlesien geboren. Walburga kennt ihr alle sehr gut, sie gehört ja, wie immer schon, zu unserer Großfamilie. Am 24. September 1946 musste ihre Mutter, Frau Herta Grieger mit ihren 2 kleinen Töchtern, Walburga 4 Jahre und Regina gerade 3 Jahre alt, die Heimat verlassen. Frau Grieger hat mir sehr oft unter Tränen aus dieser schweren Zeit erzählt. Um sich vor den brutalen Vergewaltigungen der Russen und Polen zu schützen hat sie ihr Gesicht und ihren Körper mit Russ und Dreck verschmiert,die Haare ins Gesicht gezogen, ein Kopftuch umgebunden und ihre Kinder auf dem Arm getragen und an ihren Körper festgebunden. Am 24. September, war dann der Tag des Aufbruchs der Schreibendorfer gekommen. Mit ganz wenig Gepäck, etwas an warmer und notwendiger Wäsche und Kleidung, ihre Wanduhr, ihr gutes Kaffee- Service, ein Hochzeitsgeschenk ebenso einige Verpflegung und Nahrungsmittel, obendrauf ein Oberbett, darin eingehüllt die kleine dreijährige Regina, alles in einem alten Kinder- Wagen verstaut, wurde mitgenommen. So war der Flüchtlingstreck eine Woche lang unterwegs bis hier nach Warendorf. In Warendorf war dann die Aufteilung in die einzelnen Bezirke und Orte. Ein Teil kam nach Herzfeld und zwei Vieh -wagen landeten hier im Bahnhof Neuenkirchen. In jedem Wagon waren 25 Personen transportiert worden. Es war Abend, und wohin mit den vielen Leuten zu später Stunde? Unser Bürgermeister, war der Bauer Bernhard Lorenbeck , er wusste eine Lösung für den Abend und die erste Nacht. Sein Bruder Alfons Lorenbeck hatte die Gastwirtschaft und einen großen Saal, dort wurden alle untergebracht und auch gut verpflegt. Bernhard Lorenbeck hat einige Kannen mit Milch und Roggenschrot besorgt. Hier vom Hof Hovekamp kam eine Fuhre Roggenstroh für die Schlaflager ebenso auch einiges an Lebensmittel. Am nächsten Morgen,nach einigermaßen ruhiger Nachtruhe und guter Versorgung mit Brot, Marmelade und Rübenkraut, dazu Muckefuck (Roggen Kaffee) und etwas Kakao für die Kinder, kam die Verteilung der Vertriebenen in die verschiedenen Unterkünfte bei Familien und auf die Bauernhöfe, sofern noch Möglichkeit vorhanden war. Frau Grieger bekam mit ihren zwei Töchtern eine kleine Upkammer oder Abstellraum beim alten Ehepaar Wessendorf an der Emsdettenerstr., viel zu klein und eng für drei Personen.---- In unserer Gemeinde waren alle Wohnungen und Häuser nach Größe und Wohnraum registriet. Wenn eine Person starb, oder Bomben -Vertriebene wieder in ihre Heimatstädte zurückgingen dann wurde Wohnraum frei. Diese freien Plätze wurden ganz schnell mit anderen Wohnraum-suchenden neu belegt. So war es auch hier bei Hovekamp. Der zweite Mann von meiner Schwiegermutter Elisabeht Hovekamp Heinrich Rexing war noch keine vier Jahre hier auf dem Hof, als er innerhalb einer Woche an einer Lungen- und Rippenfellentzündung im Februar 1947 starb. Einige Wochen später ging auch ein Kinderloses Ehepaar aus dem Ruhrgebiet wieder in ihre Heimatstadt zurück. Nun waren drei Plätze hier im Haus frei, die möglichst schnell neu belegt wurden. Frau Grieger bekam vom Amt aus Nachricht diese Wohnung zu beziehen. Sie hat sich dann auf den Weg gemacht mit ihren Kindern um sich hier bei der Familie vorzustellen. Unterwegs hat sie eine Frau gefragt,wo der Bauer Hovekamp denn wohnt. Diese Frau ( Lühn) hat dann ganz entrüstet gesagt: Wie, da wollen sie hin ?--- tun sie das nicht, da haben sie die Hölle auf Erden. Frau Grieger war ganz fertig und dachte bei sich, was soll ich denn noch alles durchmachen? Die Tränen kamen ihr und sie ist mit ihren Kindern zuerst zur Kirche gegangen und hat innigst zur Mutter Gottes gebetet, um Ruhe und Geduld zu bewahren. Danach ist sie dann hier zu Hovekamp gegangen um sich vorzustellen. Frau Hovekamp hat sie sehr liebevoll begrüßt und aufgenommen. Sie hat mit ihr einen Kaffee getrunken und ihr und den Kindern etwas zu essen serviert. Frau Hovekamp hat sich dann alles erzählen lassen von der Vertreibung und der Drangsalierung durch die Russen und die Polen. Frau Grieger war ganz überrascht von dieser Freundlichkeit und dem Entgegenkommen dieser Aufnahme.---- Da kann man mal wieder erleben wie gehässig manche Leute sein können. Man kann dazu nur sagen: „Gott vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!.“ Frau Grieger hat mit Walburga und Regina 16 Jahre hier im Haus gewohnt und zwar vorne in dem damaligen Eltern Schlafzimmer, unserem heutigen Wohnzimmer. Zu der Zeit lebten hier im Haus auch noch Familie Oley mit fünf Personen oben Im Zwischenbau und in zwei angrenzenden Kornkammern mit einem Treppen Aufgang nach draußen und zur Tenne mit einem eigenen Toiletten Raum an der Tenne. Sie waren im Osten auf einem großem Gut als Verwalter Familie tätig gewesen und glaubten, auch noch hier einen besonderen Anspruch zu haben. Sie waren so falsch und hinterlistig, sie gingen morgens vor dem Arbeitsbeginn hier auf dem Hofe schon in den Kuhstall und melkten schon schnell einige Liter Milch für sich, sie bekamen hier vom Hof außerdem noch ihre 2 Liter Milch täglich, genau so, wie alle anderen Mitbewohner auch. Während des Mittagessen hier auf dem Hof, nutzten sie die Zeit um sich schnell einige Eier aus dem Hühnerstall und andere Raritäten zu besorgen.1952/53 hat die Familie dann im Zuge des Lastenausgleichs ein Eigenheim in der Siedlung in St Arnold erworben. Familie Lachmann lebte auch mit vier Personen hier auf dem Hof und wohnten in der Milchkammer und im alten Kinderschlafzimmer, später unser Näh- und Bügelzimmer. Außerdem wohnte noch Frau Brauer hier, sie hatte einen Arm verloren infolge von Kriegseinwirkung, im Osten auf ihrem Gut. Sie hatte auf ihrer Flucht vor den Russen die Arbeiterin Guste Wollny vom Elternhof mitgenommen. Sie wohnten hier an der alten Futterküche, wo auch der große Holzbackofen stand, auf einem kleinen Mehl-Bürn. Frau Brauer ist dann, wegen ihrer starken Behinderung, recht bald in das Antonius- Stift aufgenommen worden. Guste Wollny hat noch bis 1956 hier auf dem Hof mitgeholfen. Von 1952 an hatte sie aber, hier im Wohnhaus oben ihr Schlafzimmer, wo jetzt unsere Veronika schläft. Guste wollte nie mit in die Küche kommen zu den gemeinsamen Mahlzeiten. Wir haben ihr dann das Essen an einem kleinem Tisch im Zwischenbau serviert, sie war zufrieden und dankbar. An Weihnachten ist es den Männern dann einmal gelungen sie in den Arm zu nehmen und mit ins Wohnzimmer zur Bescherung und zum Frühstück zu zerren. Nach kurzer Überwindung ihrer Scheu freute sie sich dann kindlich über die Krippe, den Weihnachtsbaum und die Geschenke. Die Wunderkerzen waren für sie etwas ganz besonderes, aber auch nicht ungefährlich, beinahe hätte sie sich daran verbrannt.---Soweit mach diese Erinnerung genügen.----Frau Grieger mit Walburga und Regina haben sich hier in der Familie, in Haus und Hof sehr wohl gefühlt. Frau Grieger war zu jeder Zeit bereit für uns eine Arbeit zu erledigen, z. B. Wäsche draußen aufhängen, einkaufen, bügeln, flicken, stopfen, Socken stricken, Schürzen und Kittel ebenso später für unsere kleinen Jungen, Spielhosen, Blusen und Jacken nähen. Ich habe heute noch Socken, die sie für mich gestrickt hat. Sie ist am 29. Novemberb19 87, (es war der erste Advent- Samstagabend), ganz ruhig und friedlich über Nacht eingeschlafen, sie hat abends noch Socken strickend ( für unsern Karl) mit Walburga, Josef und Bekannten bis 22,30 Uhr zusammen gesessen. Sie ist so zufrieden und friedlich gestorben, wie sie auch gelebt hat. Gott möge ihr alle Mühen und ihr Gutsein mit himmlischem Frieden lohnen! Regina hat drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter, sie war geschieden von ihrem Mann und ist nach längerer Krebserkrankung vor zwei Jahren gestorben.--- Walburga ist mit Josef Bömer glücklich verheiratet, sie wohnen in ihrem schönen großem Haus an der Lindenstraße. Wir sind mit ihnen sehr eng und freundschaftlich verbunden, sie gehören zur Großfamilie dazu. Josef hat uns immer sehr viel geholfen, Maurer Arbeit, Fliesen legen und draußen pflastern u.s.w., leider ist er gesundheitlich nicht mehr so stabil, er hat ja auch die 70 Jahre überschritten.---Walburga kommt noch jede Woche für einige Stunden zu uns, sie hilft im Haus bei anfallenden Putz- und Aufräumarbeiten. Bei einer Tasse Kaffee werden dann auch kurz Neuigkeiten und Begebenheiten ausgetauscht. Besonders lobend und anerkennend muss ich hier erwähnen, das Walburga unsere Gräber treu und brav versorgt. Sie hat ja auch noch eine Beziehung zu den dort Ruhenden. Gott möge ihr auch,diese Fürsorge mit seiner Güte lohnen, von mir auch ein herzlicher Dank! Übrigens ist Frau Grieger auch jedes Jahr für etliche Tage nach Maria Remmersmann in Riesenbeck - Birgte gefahren und hat dort geflickt und genäht. Frau Grieger war sehr selbstlos und allzeit hilfsbereit, auch hierfür nochmals ein Dank! ---- Doch nun zurück zur eigenen Biografie nach Kriegsende. Wie schon berichtet, hatte ich ja meine Ausbildung 1944 in Much bei Siegburg wegen der Kriegsfolgen nicht beenden können. Frau Diez bot mir in unserem Briefwechsel an, mich um eine andere Lehrstelle zu bemühen,da auf dem Hof noch alles im Umbruch sei, und sie vorläufig nicht mehr ausbilden könne. Es tat ihr sehr leid und wir blieben bis zu ihrem Tod, in ständigem Briefwechsel und gelegentlichen Besuchen. Übrigens, meine jüngste Schwester Hedwig hat später, um 1950, bei Frau Diez ihre Lehrzeit mit Erfolg abgeleistet. In den Nachkriegsjahren war es sehr schwer einen anerkannten Lehrbetrieb zu finden. Die Höfe waren alle belagert mit Vertriebenen, Bombengeschädigten und Flüchtlingen. Herr Dr. Meckmann war Geschäftsführer am Landwirtschaftsverband in Burgsteinfurt, daher war er sehr gut bekannt mit meinem Vater und unserer Familie. Bei einem Gespräch in unserer Familie, bot er mir an,doch einmal bei seiner Schwester Johanna Gröblinghof anzufragen, ob sie nicht bereit sei, mich zur Fortführung meines abgebrochenen Lehrjahres aufzunehmen.Siehe da, es hat geklappt. Frau Gröblinghof bestand aber darauf, dass ich schon zum ersten August beginnen müßte, da das ein Arbeitsreicher Monat sei, für den Winter hätten sie genügend Hilfen zur Verfügung. Somit begann meine Lehrzeit am ersten August 1946 und dauerte bis zum ersten April1947. Nach einigen Tagen der
Einführung, hatte sie meine Fähigkeiten erkannt und überließ mir die gesamte Haushaltsführung, sie zog sich mit ihrem Mann ganz zurück bis auf übliche Besprechungen und Planungen.Herr Fritz Gröblinghof, ein schon etwas älterer kränklicher Mann, war der Besitzer des Hofes, dem Wulfshof oben auf dem Haarstrang gelegen, mit eigener Jagd und großer Schafhaltung mit einem fest angestellten Schäfer. Der Besitz war über 100 Hektar groß, in arrondierter Höhenlage oberhalb von Körbecke ( Möhne - See) gelegen. Kirchlich gehörte der Wulfshof zum kleineren Ort Hennef an der Haarhöhe, etwa 4 Km. vom Hof entfernt. Ansonsten gehörte der Hof zum Kreis Soest, in der Nähe liegt auch die Stadt Werl mit der Ursulinenkirche und dem Ursulinenkloster mit einem Lyzeum und Internat. In diesem Internat waren auch die Töchter Veronika und Ursula als Schülerinnen, während der Woche, stationiert. Die älteste Tochter Annemarie bekam zu Hause von einem jungen Studenten Privatunterricht, in Vorbereitung auf ihr geplantes Abitur. In Folge des Krieges und der starken Bomben-Schäden waren viele Universitäten und Schulen noch nicht wieder in Betrieb, der Wiederaufbau in den großen Städten ging nur langsam voran, wie überall im Lande, Die jüngste Tochter Hiltrud besuchte noch die Grundschule in Hennef. In der Familie waren auch zwei Töchter aus einer ausgebombten Arztfamilie aus Soest mit einer kranken Erzieherin einquartiert. Die Ärztin, deren Mann noch in russischer Kriegsgefangenschaft war, versuchte Haus und Praxis wieder aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. An den Wochenenden kam sie ab und an für zwei Tage um ihre Töchter und das Ehepaar Gröblinghoff zu besuchen und so weit wie möglich, medizinisch zu versorgen. Die Erkrankung von Herrn Gröblinghoff waren wohl Folgen der Kriegs- und Nachkriegszeit. Während des Krieges waren um den Hof und auf dem Haarstrang Schützengräben und Erdbunker errichtet. Der Wulfshof ständig mit Soldaten und Gefangenenlager besiedelt, hinzu kamen Flüchtlinge und Vertriebene. Der Höhepunkt war Kriegsende, als eine große Kolonne ,etwa sechzig ehemalige russische Kriegs -gefangene mit Frauen und Kindern, Haus und Hof belagerten. Die Familie Gröblinghof, Haus- und Hofangestellte mussten verschwinden, sie fanden in den Erd -Bunkern oder Ställen der Heuerleute eine notdürftige Unterkunft. Das Ehepaar und zwei Töchter fanden bei einer Heuer-Familie ein Quartier, den eigenen Hof konnten sie nur noch aus der Entfernung sehen. Dieser Zustand dauerte einige Wochen, dann wurden die ganzen Familien der Russen von der englischen Kriegsbesatzung in den Osten zurück transportiert. Die Bewohner des Wulfs- Hofes durften die Stallungen und den Hof wieder betreten.ebenso die Familie konnte zurück auf den Hof und ins Wohnhaus. Aber oh`Schreck, jetzt kam die böse Überraschung und Ernüchterung für die ganze Familie, wie sah das Haus aus? Alle Räume waren durchwühlt, Betten und Wäsche, alles war versaut und zerrissen, überall lagen zerschlagene Möbel, Fensterrahmen,Haus- und Wohnraumtüren, Sämtliche Lebensmittelvorräte waren verbraucht, Einmachgläser und Töpfe bis an den Rand gefüllt mit Kot und Urin, im Badezimmer war die Badewanne als Latrine benutzt worden und gefüllt mit Jauche und Erbrochenem. Diese Zustände haben alle total schokiert, vor allem das Ehepaar und die Kinder. Herr Gröblinghoff erlitt bei diesem verheerenden Anblick einen starken Schwächeanfall, der einen leichten Schlaganfall zur Folge hatte, von dem er sich nicht wieder richtig erholt hat. Er ist dann einige Jahre später auch gestorben. Als ich dann im Sommer 1956 meine Lehrzeit dort antrat, waren die grössten Schäden bereits behoben. Es gab aber im ganzen Haus nicht ein einziges Möbelstück an dem nicht noch Spuren sichtbar waren, es fehlten entweder eine Tür, Lade, Scheibe oder Schlösser. Trotz dieser Mängel verlief der Tagesablauf wieder ziemlich geregelt. Wir waren zirka 30 Personen im Haus und Hof, die beköstigt werden mußten. Wir aßen in drei Räumen. Herr und Frau Gröblinghof in ihrem Wohnzimmer, der Verwalter, der Eleve, die Familie und wir Hausangestellten im Esszimmer, der Melker und sein Gehilfe, Heuerleute, der Schäfer und andere Aushilfen in der Melkerstube. Das Essen war für alle gleich, nur teilweise anders serviert und auch portioniert, aber diese Zuteilung war auch schon wichtig in dieser schwierigen Nachkriegszeit, wo die Lebensmittelknappheit auch auf dem Lande herrschte, damit keiner zu kurz kam. Ja, so verlief meine Lehrzeit auf dem Wulfshof sehr schnell, und sie endete mit der Hauswirtschaftprüfung am 27. 3. 1947 die ich vor dem Prüfungsausschuß der Landwirtschaftskammer ablegen musste und mit dem Prädikat " Gut" bestand. Mit diesem Abschluss war ich später berechtigt in der ländlichen Hauswirtschaft Lehrlinge auszubilden. Das Ehepaar und die Familie Gröblinghoff hätten mich noch gerne weiterhin behalten, aber man brauchte mich auch zu Hause. In Neuenkirchen freute man sich mich wieder in ihrer Mitte zu haben. Karola, Hedwig und Hugo sollten ja auch die Landwirtschaftsschule besuchen und anschlie8end ein Lehrjahr absolvieren, Karola hat gleich das Sommer- Semester in Burgsteinfurt gemacht und war anschließend ein Jahr auf dem Lehrbetrieb der Familie Esswig in Billerbeck. Hugo war zwei Winterhalbjahre -47 und -48 in Burgsteinfurt zur Landw. Schule und anschließend in Emsdetten im Lehrbetrieb bei Autmaring. Hedwig besuchte 1949/50 die Landw. Schule und hat anschließend ein Jahr Praktikum bei meiner ehemaligen Lehrfrau Käthe Diez in Much auf dem Hof Gippenstein gemacht. Inzwischen hatte das Leben in Deutschland wieder einigermaßen Normalität angenommen. Die Währung war1948, die D-Mark wurde eingeführt, jeder Bürger bekam zunächst 40 D-Mark und 4 Wochen später nochmal 20 D- Mark dazu. Die Lebensmittel - und Kleider- karten wurden verteilt, es gab alles nur auf Zuteilung, man wollte damit den Schwarzhandel unterbinden. Es war schon bitter, das mühsam angelegte Sparguthaben war futsch. Wir waren außerdem auch in keiner Versicherung. Zu der Zeit gab es auch noch nicht die Möglichkeit für Familienangehörige in der Landwirtschaft. Renten- und Kranken- versichert zu sein. Angestellte und Hilfskräfte mussten natürlich versichert werden, Heute sind diese Versicherungen ganz selbstverständlich und auch Pflicht, dazu in meinen hoffentlich noch folgenden Berichten mehr. Ansonsten begann nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren wieder munteres Leben auf allen Gebieten. Die Vereine erblühten neu. die Kriegsheimkehrer kamen nach und nach in ihre Orte und Familien zurück und mussten sich langsam wieder einleben und auf passende Arbeit oder Beschäftigung warten. Auch die Jugend aus der Landwirtschaft suchte Orienttierung. Die jungen Männer waren zum großen Teil schon nach der Schulentlassung zur Wehrertüchtigung, dem Arbeitsdienst oder zum Kriegseinsatz einberufen worden, ihnen fehlte es an der Allgemeinbildung, an Benehnen und vor allem auch an religiöser Orientierung, auch bedingt durch Nazizeit, Wir hatten von der weiblichen Landjugend schon erste Schritte unternommen und uns an unseren Jugendseelsorger gewandt und ihn 1957 gebeten zu unserer Gründungsversammlung, zu der wir auch die männliche Jugend eingeladen hatten, zu kommen um einen kurzen Vortrag über die Landbevölkerung und ihre Nähe zum Glauben zu halten, Der Kaplan von Hülst, der auch schon Präses des Kolpings und der K.A.B: war, glaubte im Vorgespräch mit mir, da kommt doch keiner, um so erstaunter war er als er zu uns kam, in den vollbesetzten Saal bei Rohling- Steingröver. Es waren gut 80 interessierte Teilnehmer, männl. und weibl. im Alter von 16 bis etwa 30 Jahre alt. Der Kaplan war ganz hingerissen von der Diziplin und Aufmerksamkeit der Zuhörer. Er hatte zuvor zu mir gesagt, er hätte höchstens 30 bis 40 Miinuten Zeit, aber er fragte mich dann, ob er noch teilnehmen dürfe an der folgenden Wahl des Vorstandes, ich bejahte. Bernhard Krimpmann wurde männl. Vorsitzender und Maria Hovekamp( meine spätere Schwägerin) übernahm für die weibl. Jugend den Vorsitz, ich wurde ihre Stellvertreterin. Für die Bauernschaften wurden auch Verantwortliche gewählt. Am Tage danach kam von Hülst zu unserem Elternhaus gefahren und entschuldigte sich bei mir, wegen seines Irrtums. Er hat dann auch mit meinem Vater noch ein längeres Gespräch geführt und seine Meinung über die Landbevölkerung völlig geändert. Er bot mir an, ab da, einmal im Monat zu einem religiösen Gespräch in die Gaststätte Rohling zu kommen. Das Interesse und der Andrang nahm so rasant zu, daß der Saal zu klein wurde. Kaplan von Hülst fragte mich dann, ob es nicht möglich sei,in einer Bauerndiele oder einem Wohnzimmer in den einzelnen Bauernschaften einmal monatlich ein Treffen zu machen, dann würde er mit dem Fahrrad herauskommen und es koste den Jugendlichen auch kein Geld für Getränke in der Wirtschaft und sie könnten in ihrer normalen Feierabend Kleidung kommen und zu Fuß. Wir waren über dieses Angebot sehr glücklich und fanden auch sehr schnell Familien die bereit waren ihre Räume zur Verfügung zu stellen. Es wurden, nachhaltig sehr wertvolle Gesprächsabende für uns vom Lande. Der Kaplan hat mit uns dann die Zehn Gebote, die Gebote der Kirche, die Gaben des Hl. Geistes. intensiv besprochen. Vor allem hat er uns auch das persönliche Beichtgespräch erklärt und als praktikabel empfohlen. Recht bald war er bereit, jede Woche einen Abend herauszukommen. Als dann ein zweiter Kaplan, (Bröß) in unsere Gemeinde kam und er damit beauftragt wurde die Bauernschaft Landersum seelsorglich zu Betreuen mit Gottesdiensten in der nach dem Kriege eingerichteten Notkirche in der alten Schule, bald wurde er "Pastor" von Landersum genannt und bekam auch die Aufgabe die Landjugend zu übernehnen. Somit wurden die Heimabende in Sutrum-Harum und Offlum noch häufiger gehalten und das war sehr gut. Viele weibliche Jugendliche haben daher auch ihren Weg in das Ordensleben gefunden. Wir konnten auch schon an Seminaren auf der Jugendburg in Gemen und später auch an der Landvolkschule in Freckenhorst teilnehmen, ebenso vor der Vermählung an den sogenannten 1 wöchigen Ehe- Seminaren für Jungen und Mädchen getrennt im Kloster Bentlage zuerst für die Männer und dann für die Frauen unter der Leitung von einem Kriegsverwundeten Pater Distelkamp aus dem Schönstätter Orden, ein sehr aufgeschlossener fortschrittlicher Priester. Diese Vorbereitung war sehr wertvoll für unseren späteren Alltag im Ehe- und Familienleben so wie in der Öffentlichkeitsarbeit. Stand ein Verlobungs oder Hochzeitstermin fest, dann boten von Hülst und Bröß an, am Tage der Verlobung die Ringe und das Verlobungspaar zu segnen, ebenso am Abend vor der Trauung, im Hause der Braut, den Schleier, das Brautkleid und die Traukerze zu segnen, unter Teilnahme der Landjugend, So war es auch bei unserer Verlobung, am 19 ten Juni 1952 wurden beim feierlichem Mittagsmahl die Ringe gesegnet und am 11ten Mai 1953 am Abend vor unserer Hochzeit, wie schon üblich, Brautkleid, Schleier und Kerze. Herr Kaplan von Hülst hat uns auch getraut. Er war zu der Zeit auch der Pfarr- verwalter, weil der Pastor schwer erkrankt war. In der Landjugend blühte das rege Leben weiter mit vielen Angeboten wie Kochkurse, Garten- und Feldberatung unter Leitung landw. Fachkräfte. Auch das gesellige Leben kam nicht zu kurz. Volkstanzkurse, Mai- und Erntedankfeste, Reit- und Fahr-tuniere, sowie verschiedene Treffen der Ehem. Landwirtschafts-Schüler und Schülerinnen. In der Landjugend war somit immer reges Leben, sie exestiert auch heute noch, natürlich der heutigen Zeit angepasst. Erwähnen möchte ich noch, das meine Schwester Carola Horstmann ( heute Frau Dinkhoff) auch lange Jahre den Vorsitz inne hatte, ebenso war Josef Bertels Landersum 30, auch (Kadus) genannt, sehr lange Vorsitzender der männl. Jugend. Hiermit möchte ich meine Erlebnisse aus meiner Kinder- und Jugendzeit beenden. So,der gnädige Gott mir noch Zeit läßt, habe ich noch die Aufgabe, dem Wunsch meines Schwiegervaters Karl Hovekamp zu folgen, der leider im Alter von 53 Jahren im Oktober 1941 sehr unerwartet verstorben ist, die schon von ihm verfasste Hofgeschichte weiter zu führen. In diesem Sinne, erhoffe ich mir noch eine gute Zeit!
Eure Maria Hovekamp geb. Horstmann
Neuenkirchen, den 6ten Oktober 2011