Amerikafahrer (Karl Hovekamp(1888-1941) um 1938)
Amerika. - Erst im Jahre 1492 nach einer verzweiflungsvollen Fahrt durch Kolumbus entdeckt,
dann im Verlaufe weniger Jahrhunderte ein Anziehungspunkt für alle Welt,
riesenhaft wachsend in der kurzen Entwicklungszeit, reich werdend und reich machend
- daß war die 'Neue Welt', daß war das 'Land der unbeschränkten Möglichkeiten'.
Im 19. Jahrhundert insbesondere ein Zauberwort auch für Deutschland.
Dort war noch Raum zur Aufnahme überschüssiger Bevölkerung.
Auch in die Familie Hovekamp drang der lockende Ruf und
in dem Überlassungskontrakt vom 29. Oktober 1840, worin Joan Heinrich Hovekamp
seinem Sohne Bernard das Erbe überläßt, heißt es,
daß zwei Geschwister des Übernehmenden,
Adelheid und Josef vor mehreren Jahren nach Amerika ausgewandert seien.
Das genaue Jahr konnte ich nicht feststellen.
(Nach dem Buch: Auswanderungen aus dem Kreis Steinfurt stehen unter Rheine aufgeführt;
Hovekamp Aleid *1811 USA 1837; Hovekamp Joseph *1816 USA 1836)
Von diesen beiden war Adelheid, die älteste, am 16.9.1811, und Josef am 1.1.1816 geboren.
Sie waren längere Jahre in Cincinnati und wurden später in Covington endgültig seßhaft.
Adelheid war dort als Frau Naber
(Vielleicht aus Neuenkirchen; Nabers Gerh. Joh. Bernhard *1813 USA 1837)
verheiratet. Sie starb am 9. Februar 1870. Ihre drei Kinder,
2 Söhne und 1 Tochter waren verheiratet und dem ältesten Sohn
war auch am 2. Februar desselben Jahres ein Töchterchen abgestorben.
Josef Hovekamp betrieb in Covington ein gutes Geschäft
und hatte sich zum Unternehmer emporgearbeitet.
Im Jahre 1863 schrieb er nach Hause, daß schon fast drei Jahre Krieg im Lande sei
und auch er mit seinem Fuhrmann mit vier Pferden 2 1/2 Tag Kanonen gefahren habe.
Dann hätten sie mit ihren Pferden Reißaus genommen,
von der Regierung aber doch noch 24 Dollar bekommen.
Der Krieg handele um die Aufhebung der Sklaverei;
einige Frei=Staaten seien dafür, andere dagegen.
Die Soldaten wären fast alle Freiwillige,
viele Schlachten hätten schon stattgefunden und in einer Schlacht
wären bei 20 000 Menschen gefallen und viele Häuser und Dörfer zerstört worden.
Ein Ende könnne man noch nicht absehen.
Er habe sich entschlossen, sein Geschäft aufzugeben,
weil er 'Einkommen genug habe'.
Sie hätten 8 Kinder gehabte, wovon noch 6 lebten.
Die älteste Tochter sei verheiratet mit einem Apotheker namens Fabra.
Sein ältester Sohn sei auch Apotheker und der jüngste Sohn stehe im zehnten Lebensjahr.
Im Jahre 1870 waren zwei Töchter und ein Sohn verheiratet
und eine weitere Tochter stand dazu im Begriffe.
Er starb dann am 6. April 1876 im Alter von gut 60 Jahren.
Seine Ehefrau Maria Anna geb. Beneke, war in Holdorf,
Amt Damme, Großherzogtum Oldenburg am 12. Juli 1822 geboren
und starb in Covington am 10. Dezember 1902 im Alter von 80 Jahren und 5 Monaten.
Weiter ist von dieser Familie durch einen vorliegenden Totenzettel noch bekannt,
daß der Sohn Johann Josef, jedenfalls der älteste,
am 21. März 1905 im Alter von gut 60 Jahren starb.
Die Beschwerlichkeit der Überfahrt in früherer Zeit
erfahren wir noch aus einem Brief vom Jahre 1854,
den ein junger Auswanderer schrieb.
Sie waren 6 Wochen auf dem Wasser gefahren und die auf dem Schiffe
ausgebrochene Cholara hatte 53 Opfer gefordert.
Wahrlich, eine traurige Fahrt.
Im Jahre 1870 faßte der zweite Sohn des zeitigen Bauern Bernard Hovekamp,
Theodor, den Plan, ebenfalls nach Amerika auszuwandern.
Sein Onkel Josef schrieb aus Amerika, das die Zeiten schlecht seien,
Geld sehr rar, wenig Arbeit zubekommen und die Verführungen groß.
Wer aber arbeiten wolle könne sein Leben schon machen
und sich auch vor Verführungen hüten.
Wenn Theodor es sich fest in den Sinn gesetzt hätte, nach Amerika zu kommen,
so wolle er ihn nicht abhalten. Wenn er nicht Geld genug habe für die Reise
wolle er ihm wohl Geld schicken. Aber anraten wolle er ihm nicht, zu kommen;
er müsse es selber wissen.
Da kam plötzlich der Krieg mit Frankreich und auch Theodor mußte noch erst den Feldzug mitmachen.
Nach seiner Rückkehr machte er sich aber bald reisefertig
und fuhr am 16. August 1871 von Bremen ab,
kam am Sonntag, den 3. September morgens um 8 Uhr in Baltimore an,
bestieg am Abend den Zug nach Covington, wo er Dienstagabend eintraf.
Hier ging er zunächst zu seinem Onkel Josef.
Nach Hause schrieb er, daß dieser ein sehr reicher Mann wäre und wie ein Graf lebe.
Auch seine Vettern und Kusine Nabers habe er getroffen, welche alle verheiratet wären,
viel Geld verdienten und recht vergnügt lebten.
Bemerkenswert ist noch, daß er auf seiner ganzen Reise nirgends Papiere vorzuzeigen brauchte.
Zunächst arbeitete er dann kurze Zeit in Covington am Straßenbau für 1 1/2 Dollar täglich.
(=damals 6,30 Mark Deutsches Geld.) Bald fuhr er jedoch nach Louisville,
war mehrere Jahre bei einer Brauerei beschäftigt, wo er sich Geld ersparte,
um aufs Land gehen zu können. Er verdiente im Monat 45 Dollar und zahlte 16 Dollar Kostgeld.
Bald konnte er auch nach Hause schreiben, daß er sich einige 1O0 Dollar gespart habe.
Dagegen wären andere schon jahrelang in Amerika und hatten doch mehr Schulden als Geld.
In dieser Zeit berichtete er auch nach Hause, daß in Loulsvllle die Pocken herrschten,
woran über 4 000 Menschen gestorben seien.
In dieser Stadt von 180 000 Einwohnern könne man das aber nicht merken.
Im Frühjahr 1873 pachtete er mit August Elferting vom Teekotten bei Emsdetten
zusammen eine Farm mit 108 Ackar Land. (1 USA-Ackar = 40,47 Ar.)
Sie hielten darauf 4 Pferde, Kühe, Schweine und allerlei Federvieh.
Elferting zog nach einem Jahr wieder ab und fuhr im Herbst nach Deutschland zurück.
Doch Theodor Hovekamp war mit seiner Pachtung noch nicht zufrieden,
weil er nach Eigentum strebte und nach seiner Ansicht nicht genügend weiter kommen konnte.
Er war inzwischen auch geheiratet und hatte mehrere Kinder.
Da vernahm er eine Werbung aus dem Süden des Landes, wo 'Brüder vom hl. Geist'
Siedler suchten unter verlockenden Angeboten.
Ein Wandertrieb erfaßte ihn, er überließ das Anwesen seinem jüngeren Bruder Bernard,
welcher vor mehreren Jahren nach Amerika gefolgt war
und machte sich mit seiner Familie auf die Reise.
Ein Wohnwagen mit dem notwendigsten Hausrat brachte sie über Land.
Doch es war keine gute Fahrt. Unterwegs auf einer Rast kam ihnen ein Kind,
daß einzige Töchterchen, abhanden.
Alles Suchen und Rufen war vergeblich. Ob es verirrte,
oder Menschen oder wilden Tieren zum Opfer fiel, haben die verzweifelten Eltern nie erfahren.
So kamen sie traurig bei ihrem Ziele an, wo sie jedoch auch nichts Gutes erwartete.
Sie mußten sehen, daß sie einem großen Schwindel erlegen waren.
Eine gute Summe Geldes hatten sie für fast wertlosen Boden bezahlt.
Sofort wollte er umkehren. Doch von einer Rückgabe des Kaufgeldes
wollten die "heiligen Brüder" nichts wissen.
Als aber dieser kernige Westfalensohn versprach, ihnen sämtliche Knochen im Leib zu zerschlagen,
bekam er sein Geld wieder.
Wie der Betrogene später erzählte,
wären viele andere Siedler vor Hunger wieder laufen gegangen,
ohne eine Entschädigung zu erhalten, worauf der Boden von neuem verkauft werden konnte.
Welchem Glauben oder welcher Sekte diese Gesellschaft angehörte,
ist mir nicht bekannt geworden.
Nach dem Bericht des Onkels Theodor wimmelte Amerika von Sekten,
von denen er jedoch nicht viel hielt. So sei hier bemerkt,
das er später z.B. den Pastor einer Abstinenz=Sekte als Nachbar hatte,
dessen Knecht aber merkwürdig oft besoffen war.
Schließlich habe dieser sein Geheimnis doch mal ausgeplappert.
Aus dem Schnapsfaß seines Meisters sog er mittels eines Strohhalms die begehrten Tropfen.
Nach dem mißlungenen Unternehmen ging die Fahrt wieder nordwärts,
doch nicht nach Louisville, sondern in die Nähe der Stadt Paduca im selben Staat Kentycki.
Hier erwarb er Land, meist Urwald, zimmerte ein Blockhaus und fing von neuem an.
Jahrelang hörte man dann in Paduca seine Sprengungen, welche er mit Dynamit ausführte.
Der Erfolg blieb aber nicht aus.
Eine reiche Farm erwuchs hier und jeder seiner 4 Söhne bekam später eine Farm in der Nähe.
Einmal in seinem Leben erfaßte ihn die Sehnsucht nach der Heimat.
Im Sommer 1905 setzte er sich ohne große Vorbereitung und Anmeldung
mit seinen 60 Jahren auf Bahn und Schiff und fuhr zur alten Heimat.
Vierunddreißig Jahre war er weggewesen.
Niemanden kannte er mehr und keiner kannte ihn.
Ich stand als Siebzehnjährlger dabei, wie er auf dem Felde unsern Vater,
seinen Bruder begrüßte. Die Männer sahen einander feuchten Auges ins Gesicht,
doch die Bilder der Erinnerung paßten nicht mehr zu den veränderten Erscheinungen.
Der Vater trug einen Vollbart und Schiksal und Leben hatten bei beiden das Ihrige getan.
Doch die Muttersprache, das alte Platt, konnte der Onkel besser sprechen,
als heutzutage mancher, der nur 2 Jährchen beim Militär war.
Und vieles gab es zu erzählen von allen Seiten.
Festtage waren die paar Wochen für die Famille,
an denen mancher Freund und Nachbar gerne teil hatte.
Dann kam bald der schwere Abschied, diesmal bestimmt fürs Leben.
Aber doch blieb Freude in allen Herzen zurück.
Im Jahre 1913 schrieb er nach Hause,
daß auch der jüngste Sohn sich im Jahre vorher selbständig gemacht habe,
verheiratet sei und den Eltern ein kleiner Bube beschert wurde.
Allen Kinder ginge es gut mit ihren Familien.
Im Jahre 1922 teilte er mit, daß er die Farm auf 5 Jahre 'ausgerentet' (verpachtet)
habe für 700 Dollar pro Jahr.
Näher zur Stadt habe er ein Backsteinhaus gebaut mit 3 Zimmern,
um mit seiner Frau in Ruhe die alten Tage zu verleben.
Sie halten noch eine Kuh, Hühner, Katzen und Hund,
um dadurch noch eine kleine Verbindung mit der Lebensarbeit zu behalten.
Den letzten Brief nach Deutschland schrieb er am 1. Februar 1926,
an seinem 81. Geburtstage.
Er mußte jedoch vom Nachlassen seiner Kräfte melden
und könne kaum noch 100 Schritte mit dem Stock gehen.
Alle späteren Briefe von hier blieben unbeantwortet
und er wird wohl bald seine letzte große Reise angetreten haben.
Der vierte Amerikafahrer war Bernard Hovekamp,
der Bruder des Vorherigen.
Er war geboren am 2. Juli 1852,
wurde Im Frühjahr 1872 bei der Musterung militärtauglich befunden
und sollte im Herbst in das Heer eintreten.
Sein Bruder Theodor riet ihm aus Amerika, nicht diese Zeit zu versäumen,
sondern sofort herüber zu kommen.
Er solle auch von Bremen aus fahren und frei durchgehen,
dann würde ihn schon keiner anhalten.
Er nahm aber den Weg über Holland, ging zu Fuß nach Oldenzaal,
wo eine Bahn war, welche ihn bis Rotterdam brachte.
Von da aus kostete die Überfahrt bis Newjork,
einschlieblich Bahnfahrt durch England, 47 Thaler. (= 141 Mark.)
Am 4. Juni fuhr ihn ein kleines Schiff bis England,
welches in sechsstündiger Bahnfahrt durchquert wurde,
um in Liverpool ein 'großes Schiff' zu besteigen.
Dieses fuhr am nächsten Tage noch Irland an und dann begann die große Fahrt.
Das Schiff war 300 Fuß lang, 40 Fuß breit, 3 Stock hoch und rundherum von Eisen.
Es hatte 70 Mann Bedienung und fuhr 600 Passagiere.
Unterwegs erlebten sie auch noch einen kleinen Sturm und der junge Auswanderer
erhielt auf Deck einen Wasserguß um die Ohren,
daß er schnell nach unten lief und sich den ganzen Abend nicht mehr nach oben getraute.
Am 24. Juni war das Schiff in Newjork,
wo er am folgenden Tage die Bahn bestieg und nach 2 Tagen und 3 Nächten Fahrt
am 28. morgens in Cincinnati ankam.
Auch er besuchte zuerst 'Onkel Josep', von dem er nach Hause berichtete,
daß dieser gesund sei und ein gemütliches Leben führe.
Papiere waren ihm auf der ganzen Reise nicht abgefragt worden,
so daß damit die erste Etappe glücklich überwunden war.
Nun suchte er seinen Bruder Theodor auf,
der sich inzwischen von der Brauerei in Louisville aufs Land begeben hatte
und bei einem Jann Hüber aus Emsbüren arbeitete,
wo man zu der Zeit Hafer mähte.
Er schrieb nach Hause, daß hier in Amerika alles mit Maschinen ginge.
Man brauche bloß zu fahren, die Maschine lege selbst ab
und schwarze Nigger müßten binden.
Die Hitze sei sehr groß.
Dann bemerkte er noch, daß man sich um ihn keine Sorgen machen brauche;
er würde schon fertig werden.
Mehrere Jahre arbeitete er dann in einer Fabrik in Cincinnati,
wo Herde und Öfen hergestellt wurden.
Die Firma beschäftigte 200 Arbeiter. Er war dort gut zufrieden
und verdiente in der Woche neun Dollar.
Sein Sinn stand aber immer aufs Land, obschon er schrieb,
daß man in Deutschland die Bauern wohl Esel schimpfe,
aber in Amerika wären es Maulesel.
Im Herbst 1874 war er dann schon bei einem englischen Farmer 20 Meilen (=ca. 32 klm)
von Cincinnati in Arbeit.
Im Frühjahr 1875 ging er zu seinem Bruder Theodor nach Louisville,
da er auf eine selbständige Landwirtschaft betreiben wollte.
Es war aber keine gute Gelegenheit,
doch für das nächste Jahr stand ihm ein schöner Platz in dessen Nähe in Aussicht.
Es kam aber nicht dazu, da ihn erst kleine Krankheiten und dann das "kalte Fieber" packte.
Kein Arzt konnte ihn kurieren. Man schob es auf das Klima,
weshalb er wieder nach Cincinnati fuhr und dort eine Zeitlang krank feierte.
Es besserte langsam, bis schließlich die Anfälle ausblieben
und er wieder Arbeit in einer Eisenfabrik aufnehmen konnte.
Er sparte von neuem und konnte sich schließlich doch bei Louisville niederlassen,
wo er auch verblieb.
Im Jahre 1911 schrieb er nach der Heimat,
daß sie 5 gesunde Kinder hätten,
3 Buben und 2 Mädchen.
Die älteste Tochter sei verheiratet und habe auch schon einen wackern Buben.
Somit sei er Großvater.
Er wohne 8 Meilen (=ca. 13 klm) von Louisville und die Elektrische fahre nahe zum Haus.
Er betreibe noch immer Landwirtschaft und ernte hauptsächlich Weizen,
Roggen, Heu und Kartoffeln. Zur Arbeitsleistung habe er 6 Maulesel und 2 Pferde.
Schon früher schrieb er, daß er auch etwas Weinbau betreibe,
jedes Jahr seine 4-7 Fässer Wein mache und nach belieben ein Gläschen trinken könne.
So hatten Fleiß, Sparsamkeit und Unverzagtheit
auch diesen Amerikafahrer zu dem verdienten Erfolge geführt.
Am 1. März 1922 schrieb sein Bruder Theodor nach der Heimat,
daß er vor 4 Wochen gestorben sei.
Somit war er faßt 70 Jahre alt geworden, hatte an 50 Jahre in der gewählten,
zweiten Heimat gewirkt, um dann in der letzten,
großen Heimat die vollkommene Wohnstätte zu finden und dort,
gleich den andern, auszuruhen von Mühe und Not.
Diesen Lebensbildern treuer, unternehmender Menschen ist eigentlich nichts hinzuzufügen,
da sie für sich selbst sprechen. Nur der Freude kann man noch Ausdruck geben,
daß gesundes deutsches Bauernblut sich auch im Lebenskampf auf fremder Scholle bewährt hat.
Möglich war dieses insbesondere durch die gute Grundlage des Elternhauses.
Deswegen sollen wir auch hierin eine Mahnung sehen,
der schlichten Ahnentugenden gerne zu gedenken und als Vorbild zum Erfolge zu benutzen.
Druck nach in altdeutscher Schrift vorliegendem handschriftlichem Original
Januar 1986 Karl (Klemens) Hovekamp
Zweite Auflage: 29.01.2001