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Überarbeitete und ergänzte Auszüge aus dem Buch:


Zum Geleite. 

Schon seit jungen Jahren war es mir eine Freude, von meinem seligen Vater etwas von den Vorfahren zu hören, von ihren Familienverhältnissen, von den Zeitumständen und von Allem, was ihr Dasein erfüllte.

Und man muß sagen, ziemlich viel hatten alte Leute im Kopfe von ihrer Sippe. Weitläufig kannten sie alle Verwandten und ihre Beziehungen bis zu Urgroßvätertagen. Fast ebenso gut wußten sie auch dieses von den Nachbarn und noch anderen bodenständigen Familien. Ihr Geist und ihr Tun war noch nicht belastet mit der Unrast unserer Zeit Ausgebreitet lagen vor ihren Augen die Schicksale vieler Menschen und Sippen, und getreulich berichteten sie ihren Nachkommen die Lehre von allem Tun und Geschehen.

In unserer Zeit jedoch ist das gesprochene Wort verdrängt durch das gedruckte oder geschriebene. Am dämmerigen Herdfeuer vergangener Zeiten konnte nur die Sprache der Unterhaltung und Belehrung dienen. Heute im elektrischen Bogenlicht hat jeder ein Buch oder Blatt, um daraus sein Wissen zu schöpfen.

Es ist deshalb an der Zeit, daß alte Geschichten und Überlieferungen in Buch und Schriftwerk flüchten, um der Nachwelt erhalten zu bleiben. Standen wir doch vor dem Umbruch von 1933 schon im Begriff, alle Beziehungen zu den Altvordern zu verlieren.

Da brachte diese geschichtliche Wende dem Volke wie dem einzelnen Menschen die Frage nach "Woher?" und "Wohin?" Die Erkenntnis brach sich durch, daß wir und unsere Zeit nur gewachsen sind aus den Werken und dem Erleben der Ahnen, deren Wirkung und Niederschlag wir still im Blute weiter tragen. Nun wurde auch jeder gehalten, den Nachweis der Vorfahren zu erbringen. Die Erforschung der Vererbung von geistigen und körperlichen Eigenschaften, gesunder oder krankhafter Veranlagungen gehen damit Hand in Hand.

All dieses war mir willkommene Veranlassung, dem immer im Herzen getragenen Wunsch nach Erforschung des Lebens der Vorfahren und der Geschichte des Hofes nachzugehen. Die Gelegenheiten sind allerdings für einen praktischen Bauern nicht gar zu günstig, doch haben jahrelange in Liebe und Geduld zwischendurch betriebene Arbeiten und Forschungen ein größeres Ergebnis gezeitigt, als ich vorher zu hoffen wagte. Das Wichtigste schien mir dabei nicht die Feststellung, ob ein Ahn vielleicht im Frühjahr oder Herbst geboren sei, sondern ihre Lebensverhältnisse, Schicksale und Zeitumstände festzulegen. Denn nur an diesen Merkmalen kann man den Wert ihrer Arbeit, ihres Lebenswirkens und Erfolges erkennen und würdigen.

So widme ich denn meinen Kindern und deren erhofften Nachkommen die vorliegende Arbeit und hoffe, daß sie die Bilder vergangener Tage mit der Liebe und in dem Geiste in sich aufnehmen mögen, womit sie zusammengestellt wurden.

Mögen sie lernen Treue und Pflichterfüllung von denen, die in schweren Zeiten und ungünstigen Umständen ihr Dasein verbrachten.

Mögen sie schöpfen den Willen zu verantwortungsvoller Arbeit in Beruf und Leben, für Familie und Volk, für Gott und die Welt.

So wollen wir uns versenken in ein halbes Jahrtausend Geschichte von Familie und Hof, uns neu beseelen mit altem Geist und altem Willen, die in die neue Zeit hineinzutragen, uns heiligstes Vermächtnis sei.

 

Neuenkirchen, den 29. Januar 1938,
am Tage der Vollendung des 50 Lebensjahres.

Karl Hovekamp


 

Q u e l l e n a n g a b e

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1 Überliefertes, Briefe, Erzähltes und Geschautes.

2 Städtisches Archiv in Rheine: Urkunden und Rechnungsbücher des alten Hospitals zum hl. Geist.

3 Archiv des Schlosses Bentlage: Rechnungsbücher.

4 Grund-Akten über Hovekamps Colonat (Amtsgericht Rheine.)

5 Kirchenbücher des Pfarramtes Rheine.

6 Heinrich Vollmer: Stadt und Amt Rheine.

7 Führer: Geschichte der Stadt Rheine.

8 Josef Röcken: Die Armenanstalten der Stadt Rheine bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts.

9 Grosfeld: Beiträge zur Geschichte der Pfarrei und Stadt Rheine.

10 Engelbert Frhr v.Kerkerinck zur Borg: Beiträge zur Geschichte des westfälischen Bauernstandes.

11 Röchel: Münstersche Chroniken.

 

 

Anmerkung

 

Es sei bemerkt, daß in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht alle Quellen ausgeschöpft, werden konnten. Insbesondere dürften die Protokolle und auch die einzelnen Rechnungsbücher des alten Hospitals zum hl. Geist noch manchen interessanten Aufschluß geben. So kann ich vielleicht selber oder ein Nachfolger die gewonnenen Einblicke noch erheblich verbessern. Das ist mein sehnlicher Wunsch.

Der Verfasser

Inhaltsverzeichnis

Namenkunde
Allgemeines
Der Name Hovekamp
Vornamen
Familienkundliches
Jahre
1526 1657 1693 1731 1755 1806 1840 1885 1922
Hauenhorst
Ludovici
Gerd Frohues
Franzosenzeit
Eisenbahn
Neuenkirchen
Spuk
Hilbers
Kauf
Brand
Krieg
Familie
Heuerhaus
Hörigkeit und Zehnten
Kirchlich -religiöse Entwicklung
Bodenverhältnisse und Ackerwirtschaft
Viehwirtschaft

Vergessene Abschnitte

Wohnung und Lebensverhältnisse
Feste
Ernährung
Getränke
Rauchgewohnheiten
Kleidung
Ungewöhnliche Witterungsverhältnisse

Amerikafahrer


Das älteste erhaltene bekannte schriftliche Dokument über die Familie Hovekamp ist eine Hofübertragungsurkunde aus dem Jahre 1526.
(Das Original befindet sich im Stadtarchiv Rheine, II 88)
Urkunde 1526

Wiedergabe des Wortlautes

Wörtliche Übersetzung. (soweit möglich.)

Zu wissen, daß auf Tag datum diese Note (Urkunde) ist gemacht und getätigt eine
Scheidung (Auseinandersetzung, Schichtung) vermittelst den Freunden hier nachbeschrieben, also daß Gert zum Havekampe, der alte,
hat übergelassen seinem Sohne Gerd sein Haus mit allem Zubehör als Pferde, Kühen
und andere Habe und auch mit aller Gerätschaft welche zu dieser Zeit darin war mit sonstigem
Unterschied und Vorbehalt, daß der Vater Have Gerdt soll behalten das halbe Haus
zu seinem Besten und Notbedarf, indem daß sie sich friedsam vertragen können in dem-
selben Haus. (In dem Falle,) daß sich das nicht so verläuft, so soll Gert der Sohn ausräumen dasselbe
Haus und mit aller Willen dem Vater wieder überlassen, und Gert der Sohn soll
ein Haus zimmern auf Friedrichs Grunde wie er dies jetzt in Gewinn und Be-
sitz hat von gemeldetem Herrn Friederich. Und bei dem Zimmern soll ihm helfen Herr Frierderich
und auch die Mutter ton Sturlo oder ihre Kinder und der Vater Have Gert, ein jeder
nach seiner Macht, und soll das Haus fertigstellen hier nächst in einem halben Jahr. Auch
ist getätigt (abgemacht) vermittelst diesen selben Freunden, daß Gert der Sohn oder
der junge Havekamp soll geben seiner Schwester Geysen aus dem Hause und Gut, (welches) ihm der
Vater (allsonst) übergelassen hat, zu 3 guten und sechs Goldgulden, wann den Freunden
dies dünket geraten. Und auch Gert der Vater soll behalten und Gebrauchen die drei
Kämpe zu seinem Besten sein Leben lang, als dieses Gerdes (des) Vaters versiegelt ist von den
Provisoren des Heiligen Geistes. Auf des jungen Kampes Seite und seiner Frauen Seite
Gert tor Lynden und Hermann Rolefes zu Stade. Auf des Vaters, des alten Kampes Seite
Johann von Schapen, ferner Johann Plucht, Hinrik Hase, ferner Albert Boker. Datum anno
1526.

Sinngemäße Übersetzung.

Man möge wissen, daß am Tage der Ausstellung dieser Urkunde eine Schichtung aufgerichtet worden ist unter Mitwirkung der untenbezeichneten Freunde, daß nämlich der alte Gert zum Havekamp seinem Sohne Gert sein Haus mit aller zubehörrung wie Pferden, Kühen und anderer Habe und aller Gerätschaft, die zu dieser Zeit darin sich findet, überlassen hat, jedoch mit dem Untetschied und Vorbehalt,' daß der Vater Havekamp zu seinem Besten und seiner' Notdurft das halbe Haus behalten soll; sie sollen sich in demselben Hause friedlich vertragen. Sollte das nicht eintreten, so soll der Sohn Gert das Haus räumen und dem Vater wieder überlassen. Dann soll Gert der Sohn ein Haus zimmern auf dem Grunde des Herrn Friedrich, den er zur Zeit von dem Herrn Friedrich unterhat. Bei dem Bau soll ihm helfen Herr Friedrich und die Mutter ton Sturlo oder deren Kinder und auch der Vater Have Gert, jeder nach seinen Kräften, und es soll das Haus innerhalb eines halben Jahres fertig sein. Es ist ferner ausgemacht, daß der Sohn Gert oder der junge Havekamp seiner Schwester Geyse aus dem Hause und Gute, das ihm der Vater überlassen hat, zu 3 guten (?) und 6 Gold-gulden geben soll, wann es den Freunden gut scheint. Auch soll Gert der Vater zu seinem Besten 3 Kämpe behalten auf Lebenszeit wie das Gerts Vater versiegelt ist von den Provisoren ( Vorstehern, Verwaltern) des Hospitals zum hl. Geiste. Zeugen auf seiten des jungen Kampes und seiner Frau waren Gert zur Linde und Hermann Roleves zu Stade (?); auf des Vaters Seite Johann von Schapen. ferner Johan Plucht, Heinrich Hase, ferner Albert Boker. Gegeben im Jahre 1526.




Namenkunde

1. Allgemeines

Ein nicht unwichtiges Merkmal des Menschen ist sein Name. Der Familienname ist ihm schon bei der Geburt erblich beigegeben, zu welchem er noch einen oder mehrere Vornamen erhält.

Nicht immer war es so.

In alter Zeit kannte man nur einen persönlichen Namen zur Kennzeichnung des Menschen, und bei den einfachen Verhältnissen kam man auch gut damit aus. Als jedoch späterhin, etwa um die Wende des 10. Jahrhunderts, durch zunehmenden wirtschaftlichen Verkehr eine genauere Unterscheidung nötig wurde, fügte man dem Personennamen weitere Namen bei und zwar nach Lage von Wohnung oder Gehöft, nach Herkunft, Beruf oder sonstigen besonderen Merkmalen.

Erst um die Wende des 15. Jahrhunderts begann man, dem Namen eine feststehende rechtliche Form zu geben. Alteingesessene Adelsgeschlechter fügten allerdings schon sehr früh ihrem Vornamen den Namen der Burg oder der Besitzung bei.

Um 1812 wurden auch die Juden gezwungen, Familiennamen anzunehmen. Sie taten dies meist in blumiger, orientalisch anklingender Weise, z.B. Lilienfeld, Liliental, Rosenberg, Goldstein usw. Auch Tiernamen wie Bär, Wolf, Hirsch, Strauß und andere fanden Verwendung.

Die alten Bauernnamen erscheinen dem gegenüber meist aus dem Boden gewachsen zu sein. Doch sind auch solche, welche durch eine Tätigkeit entstanden sind, nicht selten, wie z.B. Burrichter, Richter, Holtgräwe und andere. Auch finden wir Eigenschaftsnamen, wie Grautmann, Grotegerd, Lütkemeyer usw. Doch ist nicht gesagt, daß die Eigenschaften richtig bezeichnet wurden, denn der Volksmund liebte es häufig, die Bezeichnungen umgekehrt anzubringen.

2. Der Name Hovekamp

Der Name tritt uns zuerst als Havekamp entgegen und zwar in einer Markenrolle vom Jahre 1469 Dort heißt es:

In Hauenhorst Morian hues, nunc Havekamp

Die Liste der Markengenossen wurde von Heinrich Vollmer in seiner Schrift "Stadt und Amt Rheine" in Druck gegeben, während das Original verloren ist.

Die Bedeutung des Wortes Have (= Hove) ist nach Vergleichen (z.B. Dr. F. Philippi, Landrechte des Münsterlandes) wie hof, hoff, hove, auch wonstedde oder erve. Die Endung kamp bedeutet ein eingehegtes Stück Feld, worin der Hof lag und welcher Kamp das Typische des Erbes war.

Daß es zu dieser Zeit noch keine feststehenden Namen gab, ersehen wir aus der ältesten vorliegenden Urkunde aus dem Jahre 1526, wo der alte" Gert ton Have kampe" seinem Sohne Gerd durch eine "schedinge" (Scheidung, Übertrag) das Erbe überläßt. Wir finden in demselben Schriftstück weiter die Bezeichnungen: "vader Have Gert", "de olde Kampe", für den Sohn. "de junge Havekamp" und auch "de junge Kampe".

Zwei Jahre vorher finden wir den Vater eingetragen in der Hebeliste des "Alten Hospitals" als "Havegert", pflichtig mit 3 Maltern Korn.

Schon seit Jahrhunderter ist der Name jedoch unverändert Hovekamp. Es scheint, daß der Name in Deutschland einzig ist, da ich ihn ein zweites Mal noch nicht gefunden habe. Die früher abheiratenden Söhne nahmen ja den Hofesnamen an und sonstige Selbständigmachungen scheinen nicht erfolgt zu sein, mit Ausnahme von Auswanderungen nach Amerika, wo der Name größere Verbreitung gefunden hat.

3. Vornamen.

Um auch etwas von den Vornamen zu sagen, so waren in meiner Jugend noch vereinzelt Doppelnamen üblich während dies vorher fast die Regel war, z.B. Janbänd, Janhinnerk, Bändhärm, Jandirk (dirk = Theodor), Jangerd, Gerdhinnerk usw.

Weibliche Vornamen waren dann Miktrin (Maria Katharina), Antrin, Annemarie, jedoch auch Mike, Trine, Stine, Sette oder Settken (= Elisabeth), Siska, Sophie usw.

Die Rufnamen meiner Eltern waren stets "Riks" (= Heinrich) und "Lisa" (= Elisabeth).


Familienkundliches

 

Die ältesten Nachrichten vermitteln uns sehr wenig über die Familien selbst. Aus den Zehntregistern und ähnlichen Quellen erfahren wir wohl den Namen des zeitigen Besitzers, aber nichts über seinen Familienstand. Mehr Klarheit haben wir erst seit Einführung der Kirchenbücher welche im 17.jahrhundert, in Rheine 1613 angelegt wurden.

Über unsere Familie liegt nun noch die alte Übertragungsurgunde aus dem Jahre 1526 vor, aus welcher zu entnehmen ist, daß der Überlasser, der alte Gert ton Havekampe zwei Kinder hatte, den jungen Gerd und dessen Schwester Geyse. Weiter ersehen wir, daß eine junge Frau vorhanden war und können als sicher annehmen, daß sie eine Tochter der in der Urkunde erwähnten "moder ton Sturlo" war. Dieser Name betraf einen Hof in Brochtrup, dessen Name sich später in Störmann wandelte. Er ist im Besitze des Bauern Gerhard Schulze Werning in Dutum bei Rheine, dessen Mutter, eine Störmanns Tochter, den Hof mit in die Ehe brachte. Heute ist derselbe verpachtet.

Die nächsten Nachrichten über Familienvorgänge finden wir in den Kirchenbüchern vom Jahre 1627 ab. Von dem damaligen Bauern Hinrich Hovekamp, dessen Ehefrau nicht benannt ist, stellte ich folgende Kinder im Taufbuch fest:

1. Tochter Enneke 1627

2. " Judith 1630

3. Sohn Hermany 1632 (Hoferbe)

4. " Johannes 1633

5. " Lucas 1635

6. Tochter Gertrudis 1636

Von dem Nachfolger Hermann Hovekamp stellte ich in demselben Taufbuch folgende Kinder fest.

1. Tochter Anna 1660

2 " Gertrudis 1661

5 " Gertrudis 1666

4 " Katharina. 1667

Bei der ersten Tochter Anna ist als Vater Joan Hovekamp benannt, welcher aber zweifellos derselbe ist. Daß zwei Töchter denselben Vornamen erhieIten, läßt noch nicht darauf schließen, daß die eine inzwischen verstorben war. Wohl habe ich aber öfter festgestellt, daß der Rufname vom Taufname abweichend war. Trotz eifrigen Suchens ist es mir nicht gelungen, die Taufdaten der Söhne Hermann (1664?) und Bernt festzustellen, welch letzterer bei der folgenden Generation als Taufpate erscheint, während Hermann Hoferbe wurde.

Dieser nachfolgende Hermann Hovekamp vermählte sich am 26.11.1693 mit Anna Keus. An dieser Heirat fällt auf, daß als Trauzeugen der custode et subcustode (= Küster und Unterküster) verzeichnet sind. Vielleicht erfolgte die Heirat gegen den Willen der Angehörigen, da anscheinend viele Geschwister zu Hause waren, welche bei den späteren Kindstaufen als Paten in Erscheinung treten. Im Taufbuch wurden folgende Kinder von mir festgestellt:

1. Bernardus, getauft 14. Juni 1695

2. Katharina, " dom 17. trinit. 1696

3. Hermany, " 25. Novbr. 1697 (Hoferbe)

4. Anna, " 13. März 1701

5. Katharina, " 19. August 1702

Da verschiedene Taufpaten der Familie Keus aus "nienkirchen" benannt sind, ergibt sich, daß die Ehefrau von dem Hofe Keus in Neuenkirchen stammt, welcher Hof seit ungefähr 30 Jahren nach dem jetzigen Besitzer Drerup heißt. Bei der Taufe der beiden letzten Kinder ist auch die Mutter benannt und zwar als Jenne Keus. Die Taufpatin Anna Hovekamp ist dort ebenfalls als Jenne benannt, was uns die allgemeine Rufform dieses Namens bekundet.

Den ältesten Sohn Bernard finden wir später noch wieder in der Klageschrift Ludowici ./. Hovekamp unter Nr.5, wovon sich eine Abschrift im nächsten Kapitel befindet. Der Sohn Hermann erscheint jedoch als nachfolgender Bauer. Er wurde am 26.9.1731 mit Margaretha Niemeyer getraut, welche bei ihrem Tode im Dezember 1744 ebenfalls als Margaretha Niemeyer genanndt Hovekamp verzeichnet. Bei der Geburt der einzigen Tochter Maria am 4.5.1734 steht sie als Mary Hümmeldorf benannt. Entweder waren für ihr Elternhaus 2 Namen in Gebrauch oder der Pastor machte aus dem Gedächtnis später eine falsche Eintragung. Hermann Hovekamp starb am 15.4.1762. Das vorbenannte Kind Maria Hovekamp war nun Hoferbin oder "Piggenbrut". Sie heiratete schon mit 21 Jahren den Gerard Frohues vom gleichnamigen Hof in Hauenhorst, welcher knapp 25 Jahre alt war. Bei der Geburt des ersten Kindes heißt er noch Frohues gnt. Hovekamp, später nur noch Hovekamp. (Das Erbe Frohues hieß in alter Zeit Frouwen hues, 1561 Frohues, neuerdings Deupmann)

An Kindern stellte ich folgende fest.

1. Gerhard Hermann) geb. 16.4.1761,gest.3l.7.1844 (Öhm)

2. Adelheid, " (1762?) " 8.11.1837 (unverehelicht)

3. Henrich Joan, " 24.3.1764, " 24.1.1848 (= Joan Hinrich, Hoferbe)

4. Joan Gerhard, " 6.11.1767

5. Gerhard Everhard, " 10.3.1771, " 29.7.1773

6. Joan Hermann, " 16.?.1774

7. Johann Bernard, " 6.9.1779 " 24.10.1821 (bei Vennemann)

8. Gertrud, " ? " ? .11.1831 (= Frau Forstmann, Bentlage)

Bei dem 3. Kind haben wir wieder den Fall, daß es später anders benannt wurde, als bei der Taufe; mochte man nun die Taufnamen vergessen haben, oder aus einem anderen Grunde. Übrigens sind die Fälle auch heute gar nicht so selten, daß jemand anders gerufen wird, als in seinen Papieren steht.

Der Verbleib der Kinder ist bei den älteren Generationen natürlich schwer festzustellen. Ausser einigen Frühverstorbenen und wenigen Abgeheirateten blieben sie vielfach als Öhm oder Tante zu Hause.

Von den rückwärtigen Generationen stellte ich aus den Kirchenbüchern fest, daß Jenne Hovekamp am 16.5.17o6 einen Segger heiratete. Dieses muß die 1660 geborene Anna sein, war also bei der Heirat 46 Jahre alt und wurde wahrscheinlich zweite Frau.

Im Jahre 1768 starb in Hauenhorst Elisabeth Hovekamp genannt Lüken, also Frau Lüken. Dieses war eine Tochter des Hermann Hovekamp mit Anna Keus und zwar jedenfalls die älteste von den beiden Katharinas. Auch hier liegt eine Namenänderung vor und man hat sie jedenfalls von vornherein Elisabeth genannt. In meiner Jugend wurde auch noch stets erzählt, daß früher eine Hovekamps Tochter nach Lüken gekommen sei. (Der Hof heißt heute Merker und in alter Zeit: Schwartenhues)

Bei den Kindern von Gerhard Frohues (= Hovekamp) und Maria Hovekamp habe ich deren späteren Verbleib schon in etwa angedeutet. Man ersieht daraus, daß der älteste Sohn Gerhard das Erbe nicht angetreten hat, sondern im Alter von 84 Jahren als "Öhm" starb. Die Tochter Adelheid blieb ebenfalls unverehelicht. Beim Tode wurde ihr Alter mit 75 Jahren angegeben, wonach sie 1762 geboren wäre, während ich sie im Taufbuch nicht feststellte.

Das dritte Kind, Joan Gerhard, den man Johann Hinrich nannte, wurde Hoferbe. Vom 4. und 6. Kind habe ich den Verbleib nicht festgestellt, während das 5. Kind im Alter von 2 Jahren und 4 1/2 Monaten starb. Das 7. Kind, Johann Bernard, heiratete sich am 9.11.1806 auf ein kleines Erbe ein, nämlich Vennemann (Vinnemann) in Hauenhorst. Er starb schon am 24.10.1821 im Alter von 42 Jahren und hinterließ die Frau und 2 minor. Kinder. Sein Nachfolger wurde ein Lütkemeyer, dessen Namen heute der Hof führt. Das 8. Kind, Gertrud, dessen Geburtsdatum ich nicht feststellte, starb im November 1831 als Frau des Zellers Bernd Hendrich Forstmann in Bentlage bei Rheine. Die Tatsache dieser Abheirat wurde ebenfalls in der Familie öfter erwähnt.

Der Hoferbe Joan Heinrich Hovekamp heiratete am 9.2.1806 die Tochter Adelheid des Bauern Georg Borchert in Rodde und hatte mit ihr folgende Kinder:

1. Gerard Henerich, geb. 23.3.1807,gest.26.11.1807

(Nachtrag) Joan Gerhard, geb. 3.9.1808

2. Adelheid, " 16.9.1811, " 9. 2.1870 (= Frau Naber, Amerika )
Anmerkung: Zu den Auswanderern nach Amerika gibt es den Bericht "Amerikafahrer"

3. Bernhard, " 13.7.1813, " 24. 9.1902 ( Hoferbe)

4. Josef, " 1.1.1816, " 6. 4.1876 ( Amerika)

5. Gertrud, " 21.6.1818, " 12. 5.1904 (= Frau Kleinhölter, Salzbergen)

6. Theodor, " 5.1.1823, " 4.1.1884 ( Öhm)

(Nachtrag) Bernhard Johann, geb. 11.7.1836

 

Das das erste Kind nur 3 Monate alt wurde, hängt vielleicht mit den Kriegsnöten dieser Unglücksjahre zusammen, wo der Hunger stark regierte. Die Kinder Adelheid und Josef wanderten später nach Amerika aus. Die Tochter Gertrud heiratete den Bauer Kleinhölter in Salzbergen, Bauerschaft Bexten. Sie starb erst 1904 im Alter von 86 Jahren. Es wird überliefert, daß die Erbfamilie Hovekamp in einer weit zurückliegenden Zeit keine Verwandten mehr gehabt hätte. Ich nehme an, daß dies in oder nach dem 30jährigen Kriege gewesen ist, weil später durch Patenschaften und dergl. genügend Verwandte in Erscheinung treten. In dieser Zeit hätten sie nur mit der Familie Kleinhölter in Salzbergen Freundschaft gehalten, welche Beziehungen dann später durch diese Heirat eine familiäre Besiegelung fanden. Der letzte Sohn Theodor blieb als "Öhm" auf dem Hofe und es sei seiner in besonderen Ehren gedacht, weil er selbstlos nur dem Wohle des Erbes lebte und diente.


Bernard Hovekamp im Alter von 85 Jahren.

 

Der Hoferbe Bernard Hovekamp führte dann im Jahre 1840 die Tochter Anna Katharina des Bauern Heinrich Möllers in Riesenbeck zum Altare und gründete damit eine neue Generation. Folgende Kinder entsprossen der Ehe:

1. Heinrich, geb.26.4.1843, gest 29.11.1913 (Hoferbe)

2. Theodor, " 1.2.1845, " ca. 1927 (in Amerika)

3. Katharina, " 23.12.1846, " 17. 7.1914 (Frau Hermann Backmann, Wadelheim)

4. Anna, " 9.10.1848, " 26. 3.1882 (1. Frau Covermann Brochterbeck)

5. Gertrud, " 17.11.1850, " 27.11.1888 (Frau Kappenberg, Rheine)

6. Bernard, " 2. 7.1852, " 1922 (in Amerika)

7. Klara, " 7. 4.1854, " 11. 1.1927 (2. Frau Covermann Brochterbeck)

8. Gerhard, " 13.11.1857, " 14. 1.1929 (Öhm im Hause)

9. Jos. Andreas " 2. 5.1860, " 22. 2.1861 (Masern)

10. Bern. August " 9. 8.1863 nach 1882 (ertrunken in der Ems)


Von den Söhnen blieb Heinrich als Anerbe auf dem Hofe, Theodor und Bernard wanderten aus nach Amerika, Gerhard blieb als "Öhm" zu Hause, während Jos. Andreas als Kind an den Masern starb. Das Todesdatum von Bern. August konnte ich nicht ermitteln. Bei seiner Mutter Tod am 2.12.1882 lebte er noch. Soviel mir bekannt ist, ertrank er in der Ems.

Von den 4 Töchtern heiratete Katharina, die äIteste, den Bauer Hermann Backmann in Wadelheim, zu dessen Erbe auch ein Kalkofen gehörte. Ihre 3 Söhne wurden nicht alt, obschon sie kerngesund waren. Der bei den Kalkbrennern beliebte Schnaps forderte, wie auch schon an anderer Stelle erwähnt, in jener Zeit manches Opfer. Durch Versterben und Wiederheirat der Frau gelangte der Hof in fremde Hände und wurde schließlich an eine Familie Pohlmann verkauft. Von den beiden Töchtern wurde Mina Frau Schulze Lohoff in Metelen und Johanna Frau Anton Deitmar in Neuenkirchen.

Die 2. Tochter aus dem Hause Hovekamp, Anna, heiratete im Jahre 1877 den Bauer Karl Covermann in Brochterbeck, starb aber nach wenigen Jahren (1882) an den Folgen einer geringen Kopfverletzung im Krankenhaus zu Rheine. Klara, ihre jüngste Schwester, wurde im Jahre 1885 Nachfolgerin auf Covermanns Hof. Die erste Ehe war mit einer Tochter, die zweite mit einem Sohn und einer Tochter gesegnet.

Inzwischen hatte die 3. Tochter Gertrud, den Lehrer Kappenberg in Rheine geheiratet, einen geachteten Mann der alten Schule von echtem Schrot und Korn. Drei Töchter schenkte sie ihm, worauf sie bald von seiner Seite mußte. Er heiratete wieder und bald darauf segnete er selbst das Zeitliche. Die Witwe schlug sich aber mit ihren 3 Stiefkindern brav durchs Leben. Anne wurde die Frau des Lehrers Dorgeist, Amalie Frau Studienrat Mertens und Gertrud wirkt als Lehrerin.


Auf den Erbhof zog am 16. Mai 1885 Elisabeth, die Tochter des Bauern Bögel in Laggenbeck als junge Bäuerin.

Bauer Heinrich Hovekamp

 

Bauer Heinrich Hovekamp, mein Vater, hatte mit ihr folgende Kinder:

1. Bernard, geb. 11.7.1886, gest. 10.2.1909 (stud. phil.)

2. Karl, " 29.1.1888,(jetziger Bauer und hier Berichtender), gest. 22.9.1941

3. Anna, " 31.1.1891, " 27.1.1922

4. Heinrich, " 9.8.1893, (jetzt Bauer in Riesenbeck), gest. 5.1.1970

Kurz war das Glück der Eltern. Mit 22 Jahren war die Mutter dem um 20 Jahre älteren Vater als Gattin gefolgt. Nach achtjähriger Ehe mußte sie bei der Geburt des 4, Kindes ihr Leben lassen. Ich war damals 5 Jahre alt und kann mir die Vielvermißte nur schwach vorstellen. Das Bild des Totenlagers jedoch, zu dem man uns Kinder führte, weicht nicht aus meiner Erinnerung. Der kleine Bruder kam zur "Tante Klara" nach Brochterbeck, wo er die ersten Lebensjahre verbrachte.

Da unser Vater ohne Hausfrau schlecht durchzukommen wußte, fand er in der 40 Jahre alten Maria Bertling aus Salzbergen am 10.2.1895 eine neue Ehegenossin. Sie wurde ein Kreuz für ihn und die Familie. Hauswirtschaftliche Kenntnisse hatte sie keine. Zu Hause hatte ihre Schwester stets gekocht, wo sie sich im Garten und auf dem Felde beschäftigt hatte. Sie wollte es zunächst auch nicht, lernte es dann aber notdürftig von den Mägden. Unbeugsam war ihr Eigensinn und stets war sie zu Zank und Streit aufgelegt. Ein ganzes Buch ließe sich darüber schreiben, doch ihre Ausdrucksweise ist gar nicht wiederzugeben. Man kann nicht anders sagen, als daß sie eine schwere Prüfung war. Keinem Menschen tat sie irgend etwas zuliebe. Keinem gönnte sie etwas Gutes und sich selbst auch nicht. Nun ruht sie längst im Grabe und dieser Bericht soll selbstverständlich keine Herabsetzung sein. Denn wenn sich auch Auseinandersetzungen mit ihr nicht vermeiden ließen, so habe ich sie doch im Grunde nur bedauert, daß der Schöpfer ihr eine solche Natur gab, sich und anderen Menschen zum Ärger. Auch habe ich im späteren Leben wohl erfahren, daß glatte und schmeichelnde Menschen auch noch um kein Haar besser waren.

Der ältere Bruder Bernard wurde später zum Studium ausersehen. Das Lernen wurde ihm leicht, fast zu leicht. Er lernte fast nie und seine Kameraden sagten, er könne es immer. Nach meiner Erfahrung macht das Ringen um eine Sache den Menschen bei genügender Strebsamkeit pflichtbewußter und gefestigter in seiner Haltung und Lebensauffassung. So mußte denn folgerichtig hier das Gegenteil der Fall sein.


Bernard Hovekamp als Abiturient

 

Trotz seiner Begabung brachte der Studiosus unserer Familie wenig Freude. Im 6. Semester seines Hochschulstudiums, 22 Jahre alt, raffte ihn die Schwindsucht dahin.

Familie Heinrich Hovekamp im Jahre 1910

mit der 2. Frau Maria geb. Bertling und den 3 Kindern

aus erster Ehe: Karl, Anna und Heinrich.


Doch noch ein weiteres Opfer forderte später der Tod aus unserer Geschwisterreihe. Während mein Bruder Heinrich und ich in Feindesland den Unbilden und Gefahren der Front ausgesetzt waren und doch gesund nach Hause kamen, zeichnete der Tod auch in der Heimat seine Opfer. Und die Schwester Anna war eine von diesen.

Anna Hovekamp.

 

Ihr war es beschieden, nur des Lebens Schwere kennen zu lernen. Ernste Arbeit war von Jugend auf ihr Los, welches ihr von der Stiefmutter noch gern verbittert wurde. Übermenschlich war die Last, welche der Krieg 1914 - 18 auf ihre Schultern legte. Wo sonst 4 Männer arbeiteten, stand jetzt nur der alte Onkel Gerhard. Als der Krieg beendet war, war auch ihre Kraft dahin. Im Jahre 1922 deckte sie, knapp 30 Jahre alt, der kühle Rasen.


Der jüngste Bruder Heinrich heiratete sich im Jahre 1927 in Riesenbeck ein. Es war der Hof Mutert, vormals Budde. Die dort wohnende Witwe Maria Mutert geborene Wieker, hatte ein Töchterchen. Nachdem in der neuen Ehe zwei Geburten nicht zu einem glücklichen Ende gelangten, kam dann der kleine Karl, die Hoffnung der Eltern. Doch schon nach ein paar Jährchen setzte eine Gehirnhautentzündung auch diesem Leben ein vorzeitiges Ende.

Als Ergänzung und Abschluß marschiert dann noch die heutige Generation an. Am 26. September 1922 gründete ich mit Elisabeth, der ältesten Tochter des Gast- und Landwirtes Johannes Teupe in Langenhorst, den heutigen Hausstand.

Karl Hovekamp und Frau nach l5 jähriger Ehegemeinschaft

 

Folgende Kinder stellten sich ein:

1. Alfred. geb. 1. 2.1924, gest. 7.9.1943

2. Maria. " 16. 4.1925, gest. 1.1.2023

3. Karlheinz " 15. 8.1926, gest. 18.6.1969

4. Erika. " 16. 1.1929, gest. 19.8.1981

5. Egon. " 1. 1.1931, gest. 13.6.1974

6. Konrad. " 26.11.1934, gest. 4.6.1990



Das Erbe Hovekamp in Hauenhorst und dessen Verlegung nach Neuenkirchen.

a ) Hauenhorst.

Gelegen war Hovekamps Erbe zwischen Waldhügel und Ems, etwa 4 klm südlich von Rheine in der Bauerschaft Hauenhorst. Mit dieser Stadt waren die dazu gehörigen Bauerschaften mit ihren Erben und Familien schicksalmässig eng verbunden, weil ihre ganze kirchliche, politische und wirtschaftliche Orientierung dahinging. In der Vorzeit gehörte dieses Gebiet zur Heimat der Brukterer. Diese kannten noch keine Städte, die einzeln liegenden Höfe wurden als Wehren bezeichnet, während der Besitzer " Wehrfester" hieß. In unserer Ahnenreihe finden wir diese Bezeichnung letztmalig bei Hermann Hovekamp, welcher in der Erbfolge um 1734 mit seiner Frau Marg. Hümmeldorf benannt ist. Mehrere Wehren bildeten eine Bauerschaft.

Manch fremder Kriegsmann hat diese Vätererde schon bedroht. Nach der Überlieferung des Vaters hatten sich zur Zeit der Kämpfe mit den Römern schon die Führer des Bruktererheeres auf diesem Hofe versammelt, um dann das auf dem Waldhügel lagernde Heer abzuholen und zur Ems zu führen. Bis dort waren die Römer mit ihren Schiffen gekommen und wurden von den Brukterern und einigen andern vernichtend geschlagen und fast alle Schiffe versenkt. Weiter kämpften hier im Laufe der Zeiten Spanier, Schweden und Hessen um die nahe Stadt Rheine, plünderten die Bauern und zwangen sie zu Abgaben und Tributen.

Das älteste nachweisbare Auftreten der Familie Hovekamp finden wir in einer Markenrolle von 1469, welche von Heinrich Vollmer bei seinen geschichtlichen Beiträgen in Druck gegeben wurde. Da, wie an anderer Stelle schon erwähnt, die Original-Markenliste verloren ist, andererseits aber auch die Vollmer'sche Schrift "Stadt und Amt Rheine" vergriffen ist, lasse ich in der vorliegenden Sammlung eine Abschrift der Markengenossen unter "Holzgerichte" folgen. Ich möchte nämlich dieses wichtige Zeitdokument, welches uns so wertvolle Einblicke in die zurückliegenden Gemeinheitsverhältnisse gestattet, nicht entbehren.

Die ebenfalls in der Namenkunde schon erwähnte nächste wichtige Urkunde ist der in Fotokopie beigebundene Übertragsvorgang von 1526. Der Überlasser muß wohl ein Sohn des in der Markenrolle genannten Havekamp gewesen sein, da er selbst im Jahre 1469 noch nicht als Besitzer fungieren konnte. Sein Alter bei der Übertragung kann man erfahrungsgemäß wohl mit 60 - 70 Jahren ansetzen. Ob nun das vorgesehene Haus auf "Fredericks Grunde" gebaut ist, oder man sich "vredesam verdregen" hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben.

Die in dem Schriftsatz genannte "moder ton Sturboe" war jedenfalls die Mutter der jungen Frau. Der Name Sturloe änderte sich später in Störmann und betraf einen Hof in Brochtrup.

Wenn es im Schlusse der Urkunde heißt, daß Gerdes Vader sollte behalten und gebrauchen drei Kämpe, wie sie ihm versiegelt waren von den "provisoren des Hilgen Geistes", so müssen wir wissen, daß das Erbe zu dieser Zeit schon eigenbehörig war dem "Alten Hospital zum hl. Geist" in Rheine. Aus diesem Grunde befindet sich auch die erwähnte Original-Urkunde bei den Akten desselben Hospitals in dem Stadtarchiv zu Rheine.

Nachrichten aus den folgenden Jahrhunderten geben uns nur die verschiedenen Rechnungsbücher der Zehntberechtigten und die seit 1613 auf dem Pfarramt geführten Kirchenbücher. Wir ersehen daraus zwar wohl die Weiterführung von Blut und Erbe, doch die Nöte und Schicksale der Zeit müssen wir aus anderen Quellen erfahren.

Im spanisch-holländischen Krieg (1581 - 1608) wurde das damalige Stift Münster oftmals stark in Mitleidenschaft gezogen, Bürger und Bauern ausgeraubt und geplündert. Die Stadt Rheine wurde 1598/99 von den Spaniern besetzt. Ein paar kurze Auszüge aus den "Münsterschen Chroniken" von Röchel mögen ein Licht auf die damaligen Verhältnisse werfen.

In densolbigen martio foll ein hispanischer captein, Emanuel de Vega genandt, midt zwelf fenlin knechten wedder in das stifft Munster und lach darinne drei woche zu Rede in den Emslande, und ist wedder von daer gezogen den lesten marty na Nienkirchen und Wetteringen, und haben umbsicher tzwe mile weges gestroefet und gerovet. Den 8. aprilis ist ehr fur Riene ubergezogen na Eipe und Ochtruppe und also verdan bis das ehr wedder in de twenthe quam. Den 27. aprilis fallen sie wedder in das stifft zu Nienkirchen und Wetteringen und zoegen von daer den ersten may na Wessem und Wullen, und von daer den 4. na Oisterwick; van Oisterwick uf Holdthusen und Laer; darna den 6. na Oldenberge und Greven und quamen folgens alhir faste voer Munster und beroveden die burger sowol als die buren, follen uf den Evinchof und spolierden densolbigen auch, wie gelichfals das leprosenhaus zur Kinderhaus, ja sie namen auch ein gantzs span perde hen fur den bone fur der joddevelder pforten, und dorsten verwegentlich sagen, man solte ihnen einen schincken hangen fur die pforthe und zusehen ob sie den nicht dorsten darlin halen. Den 10. sindt sie midt den rove von Greven wedder affgezogen nach Meitelen und Nienkirchen, von da uf Bueren und haben dassolbige in brandt gestochen und gans ausgebrandt.

Dar mosten auch ihnen die burger, darbei sie lagen in den stedden, alle taghe ein genantes geldt geben, und ihnen solchs alle middage under das zeller, darvon sie essen wolten, leggen, damit sie es dachlix gewis waren. Wan sie solchs darunder nicht funden, droefften sie ihnen in ihren egen hauseren nicht wachten, sunst worden sie gaar ubel von sie getractert, gestodt und geslagen, also das etzliche ihrer groissen tyrannie halben verlieffen, und liessen haus und hof stehen. Derer hauser, so also verlieffen, macheden sie preis, riessen sie nedder, und verbranden das holtzs uf der wacht. Etzlichen armen leuthen, so nicht wol holdt hetten, verbranden sie die bredder von den balken; sie namen auch den hausleuthen allenthalben die besten und fettesten biester af und slachteden die, und was sie darvon nicht friessen konthen, dassolbige saltzeden sie in faesser, und slogen diesolbige zu, und namen es medde do sie uffzoegen.

Unvorstellbar sind uns die Leiden des 3ojährigen Krieges, in welchem die Bevölkerung Deutschlands auf ein Drittel des vorherigen Bestandes zusammenschmolz. Während unsere nähere Heimat in den ersten Jahren verschont blieb, kam der General Tilly nach der Schlacht bei Stadtlohn mit seinem ganzen Heere in die Rheiner Gegend und rastete dort vom 13. bis 19. August 1623. Nach seinem Abzuge war das ganze Land verwüstet und ausgesogen, das Getreide verbraucht oder verdorben, alles Vieh abgeschlachtet und um Rheine "nicht ein Zaunstaken" mehr heil. Von da ab wich die Not nicht mehr aus der Gegend. Hunger und Kummer liessen die Menschen mehr tot als lebend erscheinen, die Pest und andere Krankheiten forderten so grosse Opfer, daß in Rheine ein neuer Friedhof angelegt werden musste. Noch des öfteren wurde um Rheine gekämpft und die Gegend ausgeraubt und geplündert. Während der letzten grossen Schlacht bei Rheine im Jahre 1647 beschossen Schweden und Hessen vom Waldhügel aus die Stadt mit glühenden Kugeln, wodurch fast die ganze Stadt zerstört wurde. 365 Häuser und die Nikolaikirche wurden ein Raub der Flammen. Wenige und arme Menschen ließ der Krieg zurück. Viele Familien starben aus und auch der Nachbarhof Weßling in Hauenhorst soll nach überlieferten Berichten lange Jahre leer gestanden haben bis ein Fremder aufzog. Die Spuren und Erinnerungen dieser grausigen Zeit aber blieben lange im Volke wach.

Ein besonderes Dokoment finden wir dann in einer auch hier beigefügten Abschrift von der im Jahre 1796 aufgestellten Klageschrift in dem Prozeß Gerhard Henrich Ludowici wider den Zellern Gerd Hovekamp, welches folgenden Wortlaut hatte:

Copia
Wolgeborener Hochgelerter

Hochgebietender Herr Richter

Anwald des hiesigen Bürgern Gerhard Henrich Ludowici der sich für seine Person durch die hierbey präsentirte Vollmacht Legitimirt, sieht sich genötigt wider den Zellern Gerhard Hovekamp Kirspels Rheine bauerschafts Hauenhorst eigenhorig ans alte Hospital zu Rheine zur Klage zu schreiten, und stellet zu dem Ende folgende Geschichte als wahr auf,

1. Vermöge des hierbey präsentirten Notarial Documents sub A, hat unterm 25ten July 1729 der Wehrfester Herman Hovekamp zu Hauenhorst Kirspels Rheine vom Notarius Christian Bernard Ludovici (Anwalds Ppalens Großvater) die Summe von 30 rt in gutem silbernen Markgelde leihentlich aufgenommen.
2. Derselbe hat dieses Kapital jährlichs mit 1 1/2 rt zu verzinsen, und

3. dieses Kapital in Vorgang eines Vierteljahrs Loskündigung bey Verband seiner Haab und Güter wieder abzubezalen versprochen.

4. Die Zinsen von diesem Kapital betragen vom 25 July 1729 bis 25 July 1796 S.E.C. 100 rt 14 ßli.

5. Vermöge des hierbei prosentirten Notarial Documents sub B, ist Bernard Hovekamp ältester Sohn auf Hovekamps Stätte zu Hauenhorst unterm l9ten September 1726 dem Notarius Christian Bernard Ludovici ex Mutuo und sonsten Liquido schuldig geworden die Summe von 20 rt.

6. Der Bernard Hovekamp hat dieses Kapital gebührend zu verzinsen, und

7. daßelbe in Vorgang eines Viertel Jahrs loskündigung bey Verpfändung seiner gegenwärtigen und künftigen Güter wieder zu bezahlen versprochen,
8. die gebürlichen Zinsen von diesem Kapital zu 5 procente betragen vom l9ten Sept 1726 bis den l9ten Sept 1796 S.E.C. 70 rt.

9. Beklagter Zeller Gerd Hovekamp kann aber nicht leugnen, daß er

a) sowol Erbe des Bernhard Hovekamp als auch

b) Succeshor in Peculio et pradio auf Hovekamps Stätte

geworden,

10. beklagter ist deshalb schuldig, diese beyden Kapitalien nebst Zinsen zu bezahlen.
11. Anwalds Principalens Vater und Anwalds Ppal, haben dem beklagten nun die Bezahlung des Kapitals und Zinsen mehrmalen angemahnt, allein

12. vom beklagten in der Güte keine Zahlung ermächtigen können, weshalb

13. Anwalds Ppal wegen des Zinsen Rückstandes sub art.4 zu 100 rt 14 ßl und sub art.8 zu 10 rt zusammen zu 170 rt 14 ßl (jedoch mit der ausdrücklichen Erklärung, daß wenn beklagter Quitungen über bezahlte Zinsen producieren kann, Principal sich dieselben abziehen laßen will und muß) wider Beklagten gerichtlich zu verfahren sich genötiget siehet.

Anwald bittet Euer wolgeboren gehorsamst:

wider beklagten Zellern Gerd Hovekamp b. Hauenhorst

K. Rheine cum Demenciatione des bürgermeistern Franz Wellingmeyer Epia Provisoren des alten Hospitals zu Rheine woran beklagter eigen ist ladung respondendi respective mandatum Solvendi der rückständigen Zinsen zu 170 rt 14 ßl una cum Mandato ad agnoscendum ant jurato diffitendum originalia adjuncta sub A. et B. zu erkennen und nach Verlauf der in den adjuncti vorbehaltenen Vierteljährigen loskündigung den beklagten zur Bezahlung der Kapitalien anzuhalten und denselben in alle Kosten zu verurtheilen, hierüber

F.W. Crone

Detum Dhend

Ist wider beklagten Ladung Comparendi et respondendi una cum mandato ad agnoscendum ant jurato ad agnoscendum adjuncta bey Strafe der Bekannthaltung erkannt, und ordnungsmäßig zu extrahiren anbefolen - d. l4ten (unleserl.) 1796

H. J. Rothman


Euer wolgeboren gehorsamer Dr. Meyer Pro

Copia Supplice

In Sachen des Bürgern Gerhard Henrich Ludowici Kläger

wider
den Zellern Gerd Hovekamp bauerschafts Hauenhorst K. Rheine beklagten Meyer Evert

Gerd Hovekamp, ursprünglich Gerd Frohues vom gleichnamigen Erbe in Hauenhorst, hatte sich am 15.8.1755 eingeheiratet und war bei Anhängigmachung des Prozesses 66 Jahre alt und 41 Jahre mit der Maria Hovekamp verheiratet. Wenn er bis dahin von den aufgestellten Forderungen nichts wußte, kann man verstehen, daß er die Zahlung ablehnte. Es folgte dann ein langwieriger Prozeß und dicke, handgeschriebene Aktenbände füllten sich. Sie erregten in meiner Jugend meine Bewunderung wegen der meistenteils wunderbaren Schrift und schön gezeichneten Initalien der regelmässigen Einleitung: "In Gottes Namen". Leider sind diese Akten später durch Brand vernichtet. Ich erinnere mich aber noch, daß der Prozeß etwa 25 Jahre gedauert hatte und, nachdem Gerd Hovekamp 18o6 darüber wegstarb, von Joan Henrich weitergeführt und nachher größtenteils verloren wurde.

Mag nun eine solche Klage auch heute unser Interesse erregen, so dürfen wir doch nicht vergessen, wieviel Not und Sorge der Vorgang über unsere Vorfahren brachte und insbesondere den Lebensabend des Gerd Hovekamp umdüsterte, der übrigens ein ausnehmend frommer Mann gewesen sein soll.

Familiengeschichtlich möchte ich aus der Klageschrift noch entnehmen, daß der unter 5 aufgeführte älteste Sohn Bernard Hovekamp gestorben ist und der in der Erbfolge als Vorgänger des Gerd Hovekamp aufgeführte Hermann Hovekamp ein jüngerer Bruder desselben war.

Inzwischen kam mit dem Kriege von 18o6-o7 auch über unsere Heimat wieder einmal bittere Not und dann die sogenannte Franzosenzeit. Auch der damalige Bauer Joan Henrich Hovekamp, der vor einem guten Jahr seine Ehefrau Adelheid, eine Tochter des Bauern Joan Georg Borchert aus Rodde zum Altare geführt hatte, litt mit ihr Kummer und Not.

Eines Tages kam er nach Hause und sprach zu seiner Frau: "Hier habe ich ein Haferbrot mitgebracht. Ich will es gut verstecken, damit die Franzosen es nicht finden. Denn man ist ja keinen Augenblick sicher vor ihnen." "Und ich habe ein Becken (= Satte) Milch im Keller stehen" sagte seine Ehefrau. "Da werden wir doch mal wieder einmal satt essen können." Er ging mit seinem Haferbrot zur Tenne und schob es durch das Hühnerloch der grossen Einfahrtstüre in das von draussen vorgepackte Buchweizenstroh.

Doch ihre Freude sollte nicht lange währen. Gar bald ging die Türe auf und zwei französische Soldaten traten ein und verlangten zu essen. Man hätte ja selber nichts wurde ihnen zur Antwort. Da ging der eine zur Tenne und zog das Haferbrot aus dem Versteck hervor, während sich der andere in den Keller begab und die Milch holte. Dann setzten sie das Gefäß vor den Mund, tranken einer nach dem andern, um dann den Rest mit lautem Knall auf den Fußboden zu werfen und zerplatzen zu lassen. Das Haferbrot aber nahmen sie mit.

Kriegszeit - Notzeit!

Solche und andere Geschichten von Requirierungen und Aushebungen zu dem nachfolgenden Feldzug nach Rußland gingen noch lange im Volke umher bis neuere Ereignisse alter Bilder verdrängten.

Bei den Bauern unserer Heimat kam dann jedoch die Napoleonische Zeit zu hohen Ehren, weil Leibeigenschaft und Hörigkeit aufgehoben wurden. Es kam aber noch nicht zur Ablösung der Schulden und Lasten, da die französische Herrschaft schon 1814 aufhörte und Westfalen an Preußen fiel. Durch das Reallastenablösungsgesetz vom 2. März 185o erst fand das begonnene Reformwerk Napoleons seinen endgültigen Abschluß.

Erinnerlich ist mir noch aus meiner Jugend der bezeichnende Ausspruch eines ergrauten Bauern, welcher sagte: "Die Bauern sind dreimal erlöst worden, das erstemal durch Jesus Christus, zum zweiten durch Napoleon und dann noch durch den - Kunstdünger".

Einen interessanten Einblick in die Behördenarbeit der Franzosenzeit mag uns noch die Geburtsanzeige meines Urgroßvaters Joan Henrich Hovekamp geben, der die Geburt eines Sohnes meines Großvaters pflichtgemäß dem Maire (= Bürgermeister) meldete und welcher Vorfall folgendermassen aufgenommen wurde:

Geburt von

Gerard Henrich Hovekamp. Nummer sieben und zwanzig

Im Jahr ein Tausendachthundertdreizehn am fünfzehnten July Morgens um eilf Uhr erschien vor mir Anton Beckering Maire der Munizipalität Mesum, der Ackersmann Joan Henrich Hovekamp, wohnhaft in der Bauerschaft Hauenhorst Kirchspiels Rheine mit der Anzeige daß vorgestern als den dreyzehnten July nachmittags drey Uhr ihm von seiner Ehegattin Adelheid Borchert ein Kind mannlichen Geschlechts gebohren sey welchem er die Vornamen Gerard Henrich beigelegt habe.

Comparent zeigte das neugebohrene Kind vor deßen Geschlecht mit der Angabe Übereinstimmte.

Zeugen bei dieser Handlung waren der Zimmermann Herman Sand neunundvierzig Jahr alt und der Ackersmann Knecht Gerard Diekhoff vierunddreißig Jahr alt beide in der Bauerschaft Hauenhorst Kirchspiel Rheine wohnhaft. Nach geschehener Verlesung erklärten alle drey Comparenten des Schreibens unerfahren zu seyn.

Anton Beckering Maire der Municipalität Mesum

Dieser Sohn war am Tage vorher in Rheine auf den Namen Johann Bernard getauft worden, was unerklärlich erscheint. Vielleicht sollte bei einer befürchteten späteren militärischen Aushebung ein Gerard Henrich Hovekamp nicht vorhanden sein.

Insbesondere durch die Verbesserung des Verkehrswesens brachte das 19. Jahrhundert eine neue Entwicklung auf allen Gebieten. Im Jahre 1835 wurde die erste Eisenbahnlinie Nürnberg - Fürth eröffnet. Im Jahre 185o begann der Bahnbau Münster - Rheine, durch welchen auch das Hovekamp' sche Erbe durchschnitten wurde und zwar etwa 3oo m östlich der Wohnstätte. Die Linie wurde 1856 in Betrieb genommen. War dies noch ohne Besonderheiten abgegangen, so war die Wirkung des zweiten Bahnbaues Oberhausen - Rheine - Quakenbrück einschneidender. Westlich vom Hofe war die Durchschneidung geplant und zwar in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses.

Skizze der Hoflage bis 1883

 

Der Besitzer Bernard Hovekamp verlangte eine solche Entschädigung, daß das Wohnhaus an entfernterer Stelle wieder aufgebaut werden konnte. Die Eisenbahngesellschaft wollte aber nur die Kosten einer feuersicheren Eindeckung statt des Strohdaches übernehmen. Es kamen lange Verhandlungen, die hauptsächlich von dem ältesten Sohne Heinrich geführt wurden, der auch noch den Freiherrn von Schorlemer auf Haus Alst aufsuchte, um dessen Unterstützung und Hilfe gegen den mächtigeren Gegner zu erlangen. Der Baron, auch wohl "Westfälischer Bauernkönig" genannt, besaß im Volke große Verehrung und großes Ansehen, allsonsten aber Achtung und Respekt. Er war auch hier zur Mitwirkung sofort freundlichst bereit und mein sel. Vater war mit dem Erfolge zufrieden. So entstand 1884 eine neue Hofanlage, wie sie aus den bei gefügten Bildern zu ersehen ist, während die Bahn schon seit dem 1.7 1879 in Betrieb war

Hofansicht in Hauenhorst nach dem Bahnbau bis 1911.

 

Gut dreissig Jahre lag dann der Hof dort eingekeilt zwischen den beiden Bahnlinien, bis sich der Eisenbahnfiskus im Jahre 191o anschickte, die ganze Hofstätte zu verschlingen, um dort den Rangierbahnhof Rheine - Süd auszubauen. Der Verkauf erfolgte freiwillig und es wurden für die Gebäude mit 7 Morgen Land etwa 55.000.- Mark erzielt. Die Räumung hatte bis zum 1. Okt. 1911 zu geschehen. Die Größe des Erbes betrug zu dieser Zeit etwa 170 Morgen, wovon noch rund 70 Morgen unkultivierte Heideflächen waren. Die Kulturböden jedoch, welche sowieso eine Splitterlage hatten, wurden nunmehr durch den in Aussicht stehenden Bahnhofsbau vollständig getrennt.

Deshalb schien es am besten, auch diese Grundstücke zu veräußern und dafür ein geschlossenes Erbe wieder zu kaufen. Nach verschiedenen Umblicken im Münsterlande, denn weiter stand der Sinn nicht, schien das Hilbersche Erbe in Neuenkirchen die beste Gelegenheit zum Ankauf zu bieten.

 

b) In Neuenkirchen

Der jetzige Erbhof Hovekamp in Neuenkirchen stammt auch aus alter Zeit und war früher als "Hilbers Hoff" weit und breit bekannt. Vor reichlich 100 Jahren gingen die tollsten Spukgeschichten über ihn im Volke um. Wollten die Knechte an einem Morgen die Pferde anschirren, war alles Lederzeug zerschnitten. War das Essen für die Arbeiter auf dem Felde in einem Korb verpackt, so konnte es vorkommen daß die Butterbrote verschwunden waren und nur ein Haufen Kot darin war. An einem Morgen jedoch fand man sogar den Ackerwagen oben auf dem Dachfirst und die Pferde davor. So sah man fast an jedem Morgen Unheil. Da begann man, mit Flinten und dergl. bewaffnete Männer als Nachtwachen aufzustellen. Daß sie einen Erfolg gehabt hätten, wird nicht berichtet. Eines Abends sollen sie auf der Wagendeichsel gesessen haben, als plötzlich unsichtbar der Stock herausgezogen wurde und alle mit Schrecken auf die Erde fielen. Ein Mann aus der Gegend, der abends am Hofe vorbei mußte und von der Wache gehört hatte, rief schon von weitem: "Scheit't nich, ick sin Sunndags-Gert de guedde Mann!" Daß viele Schäden vorgekommen sind und auch Wachen gestellt wurden, bleibt als Tatsache bestehen. Der vor etlichen Jahren in hohem Alter verstorbene Wirt August Diercksen wußte, daß sein Vater in jungen Jahren mit Posten gestanden hätte. Nach der Überlieferung verursachte ein auf Abwege geratener Geistlicher des nahen Dorfes die Schäden und Unglücksfälle. Er soll dann nach Amerika ausgewandert sein, sich dort bekehrt und den Schaden erstattet haben. Die jetzt über 8O Jahre alte Ww. August Diercksen glaubte, mir den wahren Grund der Verhexung mitteilen zu können. Eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter habe zu der Zeit auf dem Hofe gewohnt und folgendes mitgeteilt. Der damalige alte Bauer Hilbers habe dem Geistlichen 200 Thaler (= 600.- Mark) geboten, wenn er seinen Sohn vom Militärdienst frei schaffe. Das sei diesem gelungen, aber der Bauer habe ihm den versprochenen Lohn nicht gegeben und sei daraufhin dessen Rache verfallen.

Der letzt Bauer aus dem Geschlechte der Hilbers hieß Georg und seine Frau war eine geborene Determeyer aus Ibbenbüren. Sie hatten 4 Töchter, von denen Maria, die älteste und nachmalige Besitzerin, am 18. Juni 1870 geboren wurde. Am 20. November 1877 errichteten die Eltern ein Testament, welches schon am 31, Januar 1878 publiziert wurde, nachdem sie also in der Zeit schon beide verstorben waren. Die Hofeserbin kam zu ihrem Onkel und Vormund, dem Colon Bernard Schulte Wissink nach Ohne. Der Hof wurde verpachtet und zwar meist in Parzellen, während in den Gebäuden etwa 4 - 5 Familien hausten. Im Hauptgebäude betrieben die jeweiligen Pächter langjährig eine Gastwirtschaft, dann auch Brennerei und noch Fabrikation von Zementrohren. Nach den Überlieferungen stand über allen Unternehmungen kein guter Stern. Von 1900 bis 1905 hatte Hubert Holtgräwe die Hauptwohnung mit etwa 30 Morgen Land gepachtet. Von 1905 ab bis zum Verkauf des Hofes 1911 war Theodor Temming Pächter des ganzen Hofes, der inzwischen auf 196 Morgen verkleinert war. Durch die im Jahre 19o5 eröffnete Eisenbahnlinie Rheine - Ochtrup war ein ziemlicher Streifen in Anspruch genommen worden. Die durch die Bahn abgeschnittenen Flächen mit 3 Heuerhäusern wurden ebenfalls verkauft. Das Bahnhofshotel Diercksen wurde darauf errichtet, während das übrige heute zum Industriegelände der Firma Hecking gehört.

Von den verbliebenen 196 Morgen waren 40 Morgen noch unkultivierter Boden und 11 Morgen Wald. Temming zahlte dafür 2000.- Mark Pacht. Zirka 15 Morgen hatte er in kleineren Parzellen wieder unterverpachtet und erhielt pro Morgen etwa 30.- bis 40.- Mark.

Der Hofeserbin ging es inzwischen in Ohne auch nicht sehr gut. Es wird erzählt, daß sie von den Verwandten stark ausgenutzt wurde, welche ihr auch die Heiratsabsichten ausgeredet haben sollen. So kam sie durch Geldhergaben und faule Bürgschaften immer mehr in Schulden, welche durch die getätigten Landverkäufe nicht bemerkenswert aufgehalten werden konnten. Die letzte Sprossin von Hilbers Erbe war nach allen Mitteilungen ein ausgesprochenes Opfer ihrer Ausbeuter.

Da kam ein junger gelehrter Geistlicher, Rozynski mit Namen, zur Erholung zum Pastor von dem nahe gelegenen Schüttorf, dem sie sich wohl anvertraut haben muß und der darauf ihre Befreiung in die Hand nahm. Die am 10. Mai 1889 erteilte Generalvollmacht für Bernard Schulte Wissink widerrief sie am 27. Oktober 19o3 und von da ab erscheint der Name des genannten Kaplans in den Grundbuchakten. Alle ihre Geschäfte wurden nunmehr von diesem Herrn geregelt. Er wurde dann später nach Twistringen versetzt und auch Frl. Hilbers zog dahin und lebte in einer kleinen Mietwohnung ihre kärgliche Rente.
Dort traf Sie auch der hier Berichtende und jetzige Besitzer des Hofes im Jahre 1910 und nahm die Kaufverhandlungen mit ihr auf. Sie machte alles nur durch ihren geistlichen Berater, welcher inzwischen Professor in Pelplin in Westpreussen geworden war, was die Verhandlungen natürlich sehr erschwerte. Zum Verkauf war sie an sich sehr geneigt, da sie erstens durch die Schuldenlast stark bedrückt war und dann mit dem damaligen Pächter Temming auch wenig Freude hatte. Er klagte immer über Viehverluste oder sonstiges Unglück, was er ihr gegenüber auf die alte Verhexung des Hofes zurückführte, um dann Nachlaß zu erhalten. Der Pächter war überhaupt ein ziemlich rabiater Mann, ein Junggeselle von damals etwa 55 Jahren, mit mächtigen O = Beinen und einer Stimme, welche alle Winkel des Hofes durchdrang.

Der laufende Pachtvertrag galt von 19o8 bis 1923 mit einjähriger Kündigung. Was sollte das heißen? Konnte die einjährige Kündigung sofort einsetzen oder nicht vor 1923. Und dieser Widerspruchsvolle Vertrag war der Entwurf eines Prof. Dr. Rozynski. Über die Auslegung dieses Punktes nahmen denn auch beide Parteien einen entgegengesetzten Standpunkt ein.

Um der Besitzerin die Auseinandersetzung mit dem Pächter zu ersparen und überhaupt weiter zu kommen, war der Kaufvertrag so vorgesehen, daß der Käufer in die Rechte der Verkäuferin eintrat. Es kann nun nicht alles beschrieben werden, was sich sonst an Schwierigkeiten ergeben hat, die Wut des Pächters, als der Verkauf perfekt werden sollte, ohne daß ein großer "Reibach" für ihn in Aussicht stand, das Auftreten von noch einem Käufer, die Wankelmütigkeit des Fräulein Hilbers gegenüber allen Beeinflussungen, die weite Entfernung des Beraters, die Briefstöße des schreiblustigen Professors, der unsere Familie und sicher auch die anderen Beteiligten mit Telegrammen und Eilbriefen bombardierte, so daß der Postbote zu einem dauernden Schreckgespenst wurde.

Der Schluß war jedenfalls, daß der Kauf doch zustande kam für die Summe von 105.000.- Mark und daß der Pächter für Aufgabe der Pachtung vom Käufer 10.000.- Mark erhielt, nachdem er zuerst 4O.000.- Mark gefordert hatte.
Da, wie vorher schon berichtet, der Eisenbahnfiskus

55.000.- Mark gezahlt hatte und sonstige Grundstücksverkäufe noch etwa 65.000.- Mark brachten, war der Kaufpreis gesichert. Das neue Erbe war aber auch besser wie das alte. Es war erstens größer, hatte zweitens bessere Bodenqualität und günstigere Lage der Grundstücke, da einige Jahre vorher eine Zusammenlegung stattgefunden hatte.

Von dem alten Erbe aber wurden etwa 22 Morgen Waldgrundstücke nicht veräußert, weil erstens die Finanzierung ohnedem gesichert war und zweitens ein Heimatrecht und die Verbindung mit dem Vätererbe erhalten werden sollte.

Am 1. Oktober 1911 zogen wir dann mit unserer Familie auf die erworbene Besitzung womit für Hof und Familie eine neue Geschichte begann.

An diesem Tage zog eine lange Karawane von Kasten- und Leiterwagen, unter Mitwirkung von Freunden und Nachbarn, nebst der Viehherde über Rheine und den Thieberg nach Neuenkirchen. Ein Zug des Schicksals war es! Und nicht leichten Herzens geschah die Trennung vom Heimatboden. Väter und Urväter hatten hier den Lebenskampf bestanden. Ein Menschenleben lang hatte der Vater dieser Scholle gedient, festverwurzelt mit ihr durch Freude und Leid. Uns Kindern aber war es ein Abschied von dem Orte der seligsten Zeit des Lebens. Ein Trost war die Anteilnahme aller Nachbarn und Bekannten, welche sich aus der Hilfeleistung eine Ehre machten.

Ein neues Leben begann nun in Neuenkirchen. Die Gebäude waren verbaut und herruntergewirtschaftet, der Hof ein jauchiger Wassertümpel. Da mußten zunächst der Architekt und der Baumeister kommen. So wurden im Frühjahr 1912 alle Ställe umgebaut und verlegt, Licht und Luft geschaffen, eine ordnungsmäßige Dungstätte und Jauchegrube angelegt, das Hof und Dachwasser abgeleitet und manches mehr.

So konnte man nach den unruhereichen Jahren auch hier von einer friedvollen Niederlassung noch nicht sprechen. Zwischen Schutt und Trümmern, Kalkbottichen und Mauersteinen kann die Gemütlichkeit nicht gut gedeihen. Besonders der Vater mochte es nicht mehr sehen "Kinder, gebt es doch jetzt dran!" meint er. "Nächstes Jahr wird es besser und ruhiger werden", ward ihm zur Antwort.

Doch was geschah?

Der regenreiche Sommer des Jahres 1913 brachte erst viel Arbeit und eine späte Ernte. Am verhängnisvollen 17.August war der Roggen oben eingefahren, während fast alles andere Getreide noch auf dem Halm stand. Als sich die Familie an diesem Sonntage allmählich zum Mittagstisch begeben wollte, machte sich draußen Rauch bemerkbar, der aus dem eigenen Dache kam. Das ganze Anwesen, ein großes Bauernhaus mit Flügelbau wurde ein Raub der Flammen. Das Vieh war gerettet, die schwereren Möbel verbrannt und die Hausgenossen mußten bei den Nachbarn eine verteilte Unterkunft suchen, da auf dem Hofe keine sonstigen Gebäude waren.

Der Vater fand mit uns zwei Söhnen ein Ruhelager beim Nachbar Holtgräwe, Doch der Schlaf mied die Augen. Wir grübelten über das Schicksal. Was war es mit dem Spukhof? - Brachte er jedwedem Unglück? - Zweimal schon war er vorher abgebrannt, 1859 und 1885. - Sollte man ihn wieder verkaufen? -

Joch die Erkenntnis und der Wille brachen sich durch. Was ein Glück oder ein Unglück ist, kann man vorher nicht erkennen. Denn eines ist oft die Quelle des andern. Deshalb den Kampf mit dem Schicksal mutig wieder aufgenommen!

Eine Bretterbude wurde gebaut mit Küche und 2 Schlafräumen, "Kantine" genannt. Von hier aus wurde der Wiederaufbau in Angriff genommen. Der Vater mochte nicht bei fremden Leuten sein und teilte lieber die kärglichen Wohnverhältnisse mit den Seinen. Eine Bretterwohnung im Herbst und auch die spätere Notwohnung im Flügelbau waren nicht gut für einen 70 jährigen Mann, dem die Ereignisse schon arg zugesetzt hatten.

Da kam am 29. November der schwerste Schlag - das Oberhaupt, der beste Vater, starb. Der alt verpflanzte Baum hatte in dem widerlichen Boden keine Wurzeln mehr schlagen können. Das größte Vertrauen und die ganze Liebe der Kinder hatten ihm gegolten. Und doch! - War er wirklich tot? - Nein. Nie und nimmer! Sein Geist und seine Art verließen die Kinder nicht. Und - das war der Kinder stiller Schwur - wird auch von diesen nicht verlassen werden!

Das Leben und die Arbeit aber gingen weiter. Der Bruder Heinrich war inzwischen Soldat geworden. So trug ich denn bald allein, damals 25 jährig, schon früh die Last der Betriebsführung und des Wiederaufbaues. Zur Seite standen mir von der Familie ein alter Onkel, eine ganz eigene Stiefmutter und die treue Schwester Anna.

Mein Ziel war nun, in Jahresfrist das Wohnhaus wieder zu beziehen. Und das gelang. Allerdings waren nur die Küche und einige Schlafräume fertig - aber der Einzug wurde am 17. August 1914 gehalten.

Hofansicht in Neuenkirchen nach den Wiederaufbau

Inzwischen war am 1. August der Krieg ausgebrochen. Viele Handwerker waren weg und auch der Bruder Heinrich längst in Frankreich. Eine neue Leidenszeit begann; und dieses mal für jedermann.

Am 11. Februar 1915 folgte auch ich dem Ruf der Fahnen, wurde in Höxter ausgebildet und fand mich im Oktober in Rußlands Schützengräben wieder. Den Winter verbrachte ich dort in der Front hinter Wilna bis vor Dünaburg ohne Ablösung im Graben. Kälte und Hunger waren unsere schlimmsten Feinde und verschuldeten die meisten Verluste. Keiner war wohl mehr ganz gesund und auch ich mußte alle paar Tage verbunden werden wegen Frostlöcher in den Beinen, welche erst spät im folgenden Sommer wieder ausheilten. Im Frühjahr zog man uns aus der Front und brachte uns in einen Transportzug der uns von Jelowka aus in ein Ruhelager bei Wilna bringen sollte. Doch unterwegs kam ein anderer Befehl und wir nahmen die Richtung zur österreichischen Front, wo die Russen bei Luck durchgebrochen waren. Wir wurden eingesetzt und nach den Kämpfen am Styr und Stochod und der Schlacht von Kowel kam die Front zum Stehen. In der Nähe von Gorochow verbrachten wir den schlimmen Winter 1916/17. Es waren bis zu 40° Kälte, doch wir hatten im Gegensatz zum vorherigen Winter gute Unterstände und auch die Verpflegung war besser, sodaß wir verhältnismäßig gut durchkamen. Auf Grund der telegrafischen Verfügung des Stellv. Generalkommandos VII wurde ich dann am 20. Mai 1917 zur Arbeitsaufnahme im eigenen Betrieb entlassen. Über die Leiden der Front und die Not der Heimat soll hier nicht weiter berichtet werden. Nur soviel sei gesagt, daß alle früheren Erlebnisse dagegen verblaßten.

Die Schwester Anna stand inzwischen dem Hause und Betriebe vor, tat Männerarbeit, sandte noch Briefe und Pakete ins Feld zu den Brüdern, aber ihre Gesundheit war diesen Anstrengungen nicht gewachsen und im Januar 1922 wölbte sich ein Grabhügel über ihrem im Dienste für Scholle und Heimat verbrauchten Leib. Kein Heldenlied vermeldet uns die Taten dieser Heimatkämpfer, doch wer sie kennt und weiß, der darf sie nicht vergessen.

Für mich heimgekehrten Krieger aber gab es viel zu tun auf Hof und Feld. Und bis zum jetzt eben begonnenen Jahre 1938 wurde noch in jedem Jahre eine besondere Neuanlage geschaffen, sei es ein Wegebau, Neubau, Umbau, eine innere Anlage, eine Drainage oder die Anschaffung größerer Maschinen, wie Dreschsatz, Saatgutreinigungsanlage usw. Im letzten Jahr war es die durch An- und Umbau geschaffene Heuerlingswohnung.

Bemerkt sei hier noch, daß die Kultivierung der 40 Morgen großen Feld- und Heidefläche während des Krieges durch Gefangene erfolgte. Der 26. September 1922 brachte ein festliches Ereignis für den Hof. Die jetzige Frau und Mutter zog als junge Bäuerin ein, eine für Hof und Geschlecht gleich wichtige Begebenheit. Sechs gesunde Kinder - 2 Mädel und 4 Buben - scharten sich inzwischen um ihre Eltern. Sie sind die Hoffnung für ein Weiterblühen von Familie und Erbe.


Auf dem Bild von links nach rechts:
Egon, Elisabeth, Konrad, Alfred, Maria, Karl, Erika, Karl-Heinz

Und wenn auch diesen trübe Tage kommen werden, so sollen sie sich erinnern der Arbeiten und Leiden ihrer Vorfahren, sollen pflichtgemäß ihren Mann stehen auf jedem Posten und merken das Wort unseres Goethe:

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend saß

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!





Um der Landflucht und dem Landarbeitenmangel zu begegnen, wurden im Jahre 1937 Beihilfen aus Reichsmitteln zur Einrichtung von Landarbeiterwohnungen durch Neu- oder Umbau zur Verfüngung gestellt. Durch Um- und Anbau wurde die obige vorhandene Mietwohnung entsprechend dem Bilde mit einem Kostenpunkt von 5.129.- RM umgestaltet Die Beihilfe beträgt 1.8oo.-RM und wird in 6 jährigen Raten a 3oo.- RM gezahlt. Der vorherige Mieter Heinrich Kuhl wurde als Heuerling eingestellt.


                Hörigkeit und Zehnten. 
 
    Der Grund und Boden befand sich in unserer Gegend und
 wohl in ganz Niedersachsen und Westfalen gegen Ende des 10.
 Jahrhunderts fast allgemein in den Händen der Großgrund-
 herrschaften. Dem Grundherrn lag die Vertretung seiner Höri-
 gen und zu gegebener Zeit auch deren Verteidigung ob. Dafür
 hatten diese eine jährliche Abgabe, den Zehnten, zu entrich-
 ten. Der Hofhörige hatte ein erbliches Recht auf den Besitz
 seines Gutes und hieß Wehrfester. Vor willkürlichen Bedrückun-
 gen seitens des Grundherrn schützte ihn das Hofrecht. Nach
 diesem mußte er allerdings die festgesetzten Abgaben ordnungs-
 mäßig entrichten.
    Man kann aber feststellen, daß die Grundherren allgemein
 in den Hörigen nicht ein reines Ausbeutungsobjekt sahen, son-
 dern daß sie deren Lebensrecht achteten und nach Kriegszeiten,
 Mißernten und sonstigen Schicksalsschlägen diesen nach Mög-
 lichkeit wieder zu normalem Wirtschaften verhalfen.
    Die Art der Abgaben richtete sich nach den Erträgnissen
 von Boden und Wirtschaft, deren Schwerpunkt in hiesiger Ge-
 gend im Körnerbau lag, weshalb sich die Zehnten fast nur in
 dieser Fruchtart bewegten und zwar hauptsächlich in Roggen
 (oftmals Korn genannt), während man Gerste weniger und Weizen
 fast garnicht findet.
    Zum blutigen Zehnten gehörten hauptsächlich Schafe (Lobben)
 und Hühner.
    Die älteste Grundherrschaft von Hovekamps Erbe konnte
 ich noch nicht feststellen. Alle vorliegenden Urkunden weisen
 nur auf das "Alte Hospital zum hl. Geist" in Rheine als Guts-
 herrschaft hin. Dieses alte Hospital war eine Stiftung zu-
 gunsten alter armer Leute in Rheine mit weltlicher Verwal-
 tung. Es kam aber auch vor, daß sich vermögende ältere Per-
 sonen einkauften, um dort den Lebensabend zu verbringen und
 dadurch das Vermögen der Stiftung vergrößerten. Die Stiftungs-
 urkunde der Anstalt lautet vom 8.7.1448. Doch schon Jahre
 vorher waren von verschiedenen Personen Geschenke, Vermächt-
 nisse und Stiftungen erfolgt. Durch Ankauf und Schenkungen
 wurde der Besitz dann ständig vermehrt. Diese bestanden in
 
 
  
 Erben, Gütern, Ländereien, Zehnten und Renten. In der Stif-
 tungsurkunde von 1448, worin die damaligen zubehörigen Erben
 und Grundstücke benannt sind, ist das Erbe Hovekamp noch nicht
 aufgeführt. In der ältesten vorliegenden Jahresrechnung von
 1524 steht aber bereits "Havegert" mit 3 Molt Korn, Der Name
 ist dann in allen Jahresrechnungen vertreten, gewöhnlich ohne
 Vornamen.
    Wenn der Zeitpunkt des Anfalles an das benannte Stift
 auch nicht feststeht, so erscheint doch sicher, daß der Über-
 gang durch Verkauf oder Schenkung seitens des früheren Grund-
 herrn erfolgte. Mit dem Urzweck der Zehntabgabe von Leistung
 und Gegenleistung hatten diese Übereignungen allerdings nichts
 mehr zu tun. Es war daraus mit der Zeit eine reine Renten-
 einnahme geworden.
    An dieses "Alte Hospital" war nun das Erbe und die Fa-
 milie Hovekamp etwa 3 1/2 Jahrhunderte als ihrer letzten Guts-
 herrschaft gebunden, bis am 15. November 1853 in Verfolg des
 Reallasten-Ablösungsgesetzes vom 2. März 185o die General-
 ablösung erfolgte.
    Neben dieser beschriebenen Eigenbehörigkeit bestand
 auch noch eine Zehntpflicht zum Kloster in Bentlage. Dieses
 Kloster vom Orden der Kreuzherren wurde im Jahre 1437 gegrün-
 det. Nach einigen Jahrzehnten der Not wuchsen die Besitzungen
 in erheblicher Weise. Teils durch Schenkung, teils durch
 Ankauf gelangten viele Bauernhöfe in ihre Hand, außerdem
 Markenberechtigungen und Zehnten aus zahlreichen Erben.
    Im Jahre 148o verkauften Everd van Backlo nebst Frau
 und seiner Mutter dem Kloster zu Bentlage urkundlich vor
 dem geschworenen Richter Johannes van Buren in Rheine ihr
 Zehntrecht aus 11 Erben in Hauenhorst. Wenn Hovekamps Erbe
 auch nicht dabei war, so führe ich es doch an, weil es ein
 Licht wirft auf die damaligen Verhältnisse. Im Schlußsatz
 der Urkunde heißt es nämlich, daß die Erben geben sollen
 den "smalen tenden, als sych dat nach lantrechte und guder
 olde gewohnte gebort." Dadurch wird bestätigt, daß die Zehn-
 ten schon damals eine altüberlieferte Gewohnheit und ein
 Recht darstellten.
    Viele Erwerbungen des Klosters fielen in den Anfang des
 
 
  
 16. Jahrhunderts. Die Übereignung der Zehntpflicht vom Erbe
 Hovekamp konnte ich auch hier nicht feststellen, vermute sie
 aber in dieser Zeit.
    Im Kornregister des Klosters Bentlage 1731 - 1795 (Schloß-
 Archiv) letzter Teil Seite 70 findet man folgende Eintragung:
    7) Hovekamp hat den Zehnten in seinen Ländereyen wofür
 er sonst 2 Malt 3 Scheffel Roggen gegeben, offentlich ange-
 pachtet für 13 rx (= Reichstaler) 14 ß (= Silbergroschen) hat
 bezahlt Dx und 19. Novx 86 26 rtx 13 rx 14 ß.
    Außerdem war als "Bluth zehnten" 1 Lamm, zu geben, der
 auch um diese Zeit verwandelt war in jahrliks 1 rx.
    Im Jahre 18o3 wurde das Kloster säkulavisiert und sein
 ganzer reicher Besitz dem Herzog von Looz überwiesen.
    Beweise eines religiösen Segens. sollen nach "Führer,
 Geschichte der Stadt Rheine" in der fast 400jährigen Geschich-
 te des Klosters nicht zu finden sein; umso eifriger wären
 die Mönche in der Mehrung des Besitzes gewesen.
    Eine Aufstellung der bestehenden Reallasten ergab sich
 im Jahre 1816 bei Einrichtung der Grundbuchämter. Sämtliche
 Forderungsberechtigten hatten diese zur Eintragung anzumel-
 den. Um ein genaues Bild dieser Vorgänge bis zur späteren
 Ablösung zu erhalten, habe ich vom Grundbuchamt eine Abschrift
 bis zum Jahre 1853 anfertigen lassen, welche in einem beson-
 deren Band vorliegt und auch sonstige interessante Einblicke
 in die Eigentums- und Allgemeinverhältnisse der damaligen
 Zeit bietet.
    Eine kurze Zusammenstellung der angemeldeten Forderungen
 lasse ich jetzt folgen.
    Nr.1. Armen des "Neuen Hospitals" 25 Rthlr. zu 4 % Zinsen
    "  2.   "    "  "Alten Hospitals" jährl. Canon 1 Rx 9 Gr.
                                                     8 Pfg
    "  3. Pastor v. Rheine 1 Scheffel Gerste 60 Pfg Meßgeld
    "  4. Küster v. Rheine 10 Roggengarben
    "  5. Armen des Alten Hospitals 1. Roggen Malt 2 Schfl. 6
          und für das aufgehobene Leibeigentum --      " 3 1/3
                                      2. Gerste "  1   "   -
          und für das aufgehobene Leibeigentum  "  -   " 1 1/3
 
 
 
 Nr. 6. Herzogl. Durchl. von Looz (herrührend v. ehemaligen
                                      Kloster Bentlage)
       a) an Blutzehnten                               1 Rthlr.
       b) an Kornzehnten                       2 Malter Roggen
                      und                      2 Scheffel item
       c) ein Scheffel ges. Hafer
 
 berechnet sind:
 Ein Zehnt Roggen 2 Malt 2 Scheffel 20 Rthlr. 12 ßl   6 dt.
     Statt Blutzehnten               1   "     --      --
                                    ----------------------- 
                     Insgesamt      21   "    12 "    6 "        
 
     und in Franks ........... 86         3 Ct.
     macht zu 4 % nach Art.II
     desselbigen K.K.Decrets
     einen Kapitalwert von   2075        46 "
 
     Zufolge der Renthey Heberegister von 1802
     und Reichsdezent Schluß
     Hauptschuld             2075        46
     Einjähr. Rückstand        83         3
                             ----------------
                   Summa     2158        49
 
 Nr. 7  Stadt Rheine jährl. Abg.     1 Thaler
 
                Das Eintragungsgesuch
 Nr. 8  erschien erst 1834
 
             Für den Armenfonds zu Rheine
 
      Jährlich zwey Spanndienste, einen um Maria Lichtmes,
      den andern um Martini, um den Sackzehnten von Holsten
      und Bexten zu holen beide mit Zeller Lücke zusammen
      gespannt, jeder mit zwey Pferden und der eine um den
      andern muß den Wagen stellen.
 
     Der volle Zehnten (= blutig und unblutig) an die Herzogl.
 Durchlaucht von Looz und Corswaren wurde im Jahr 1824 in bar
 mit 300 Thalern abgelöst, welche Summe Joan Henrich Hovekamp
 vom "alten Hospital" gegen Hypothekeneintragung leihentlich      
 erhielt.
      Die Zehntpflicht zum "alten Hospital" wurde durch Ver-
 
 
 
 mittlung der für diesen Zweck berufenen General-
 Commission in Münster und der Rentenbank im Jahre 1853 abge-
 löst. Die jährliche Leistung wurde auf 25 rd. 29 sgr. und
 54 dt festgesetzt und das Ablösungskapital (= 18 fache) auf
 467 rd 19 sgr u. 6 dt, Nach dem aufgestellten Rezeß hatte
 Colon Bernard Hovekamp diese Summe bis zum 1. April 1854 an
 die Königl.Regierungs-Hauptkase in Münster zu zahlen. Die
 Berechtigte konnte den 20 fachen Betrag der jährlichen Lei-
 stung in Rentenbriefen verlangen, von welchem Rechte sie
 Gebrauch machte und erhielt in Rentenbriefen 550 rd., wie
 noch in bar einen Restbetrag von 4 rd. 4 sgr. 6 dt.
    So wurde allmählich eine viele Jahrhunderte, wenn nicht
 über ein Jahrtausend alte Last vom Erbe genommen. Die Nach-
 fahren aber sollen auch bei diesem Kapitel der Mühe und Not
 der Väter ehrend gedenken. 
 
               Kirchlich - religiöse Entwicklung 
    Über die Religion unserer germanischen Vorfahren ist
 wenig bekannt, Sie dienten den Göttern in heiligen Hainen
 mit Gebet, opferten Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und
 vor allem das dem Wodan geheiligte Pferd. Den Göttern zu
 Ehren feierten sie im Frühjahr, Sommer und Winter große
 Feste, an deren Stelle später Ostern, Pfingsten und Weih-
 nachten getreten sind.
    Der Hauptkünder der christlichen Lehre war in unserer
 Gegend der Friese Ludgerus, welcher im Jahr 802 Bischof von
 Münster wurde. Er richtete die Seelsorge ein und legte zahl-
 reiche Kirchen an. Kaiser Karl der Große stattete diese mit
 reichen Gütern aus, deren Einkünfte für den Unterhalt der
 Priester und sonstige kirchliche Bedürfnisse bestimmt wa-
 ren. So gründete er auch in Reni (Rheine) eine dem hl. Diony-
 sius geweihte Kirche. Zu diesem Kirchspiel gehörten damals
 ausser Rheine auch Neuenkirchen, Mesum und Elte.
    Am 7. Juni 838 verschenkte Karl des Großen Nachfolger
 Ludwig der Fromme die auf dem Hofgute Reni im Gau Bursibant
 erbaute Kirche samt den dazugehörigen Zehnten, Gütern und
 Eigenbehörigen dem Benediktinerinnenstift Herford. Eine ruhi-
 ge Entwicklungszeit folgte, in welcher es auch im 13. Jahr-
 hundert zum Bau einer Filialkirche in der Bauerschaft Snedwin-
 kila kam, welche nunmehr den Namen Nova ecclesia (Neuenkirchen)
 erhielt.
    Im 15. Jahrhundert wurde dann die neue Pfarrkirche zum
 hl. Dionysius in Rheine erbaut, welche inzwischen schon eine
 alte geworden ist, aber doch ein sehr schönes Baudenkmal dar-
 stellt.
    Im 16. Jahrhundert begannen alsdann die religiösen Wir-
 ren dieser und der nachfolgenden Zeit. Am 31. Oktober 1517
 schlug Luther seine 95 Thesen an die Tore der Schloßkirche
 von Wittenberg. Es war die Einleitung einer schicksalschweren
 Zeit für ganz Deutschland und weit darüber hinaus. Im Münster-
 land machte sich dies vorläufig nicht so sehr bemerkbar.
 Hier bewegte das Wiedertäufertum alle Gemüter. Auch nach
 der Hinrichtung der Hauptanführer in Münster im Juni 1535
 war die Bewegung noch nicht erloschen. Noch 1537 wird, wie
 
 
 
  
 auch anderwärts, ebenfalls in Neuenkirchen von einer voll-
 ständig eingerichteten Wiedertäufergemeinde berichtet, deren
 endgültige Ausrottung dem Bischof jedoch gelang.
    Darauf nahm der Geist der religiösen Bewegung mehr die
 Form des Luthertums an. Im Bistum Münster aber war dem Volke
 die Reformation durch das Unwesen der Wiedertäufer verleidet
 worden und so blieb es im grossen und ganzen, was es war,
 katholisch.
    Alte Leute wußten noch in meiner Jugend von Begebenhei-
 ten der Reformation und des 30jährigen Krieges zu berichten.
 So erzählten sie von Ohne, daß der dortige Pastor noch an
 einem Sonntag die Gläubigen zur Treue gegenüber der katholi-
 schen Kirche aufgefordert hätte, am nächsten Sonntag jedoch
 seinen Ubertritt zum Luthertum mitgeteilt und gleichzeitig
 sein eigenes Eheaufgebot publiziert hätte. Dem geraden Sinn
 der Bauern war dies an sich zuwider, doch die Frage des Über-
 tritts war schließlich keine persönliche Frage, sondern eine
 Verfügung der Fürsten und Landesherren. Verschiedene Pfarrer
 und Priester verließen allerdings Land und Stellung, weil
 sie die neue Lehre nicht annehmen wollten.
    Das Religionsbekenntnis derer vom Erbe Hovekamp blieb
 aber bis heute das vom hl. Ludgerus überbrachte.
 
 
  
                 Bodenverhältnisse und Ackerwirtschaft. 
    Wie aus der vorher beschriebenen Zehntabgabe schön her-
 vorgeht, war die Bodenart hauptsächlich roggentragender Sand-
 boden. Diese Ackerböden waren schon in uralter Zeit auf den
 höher gelegenen Grundflächen angelegt, welche wir als "Esch"
 kennen. Der Name "Esch" wie auch das Wort "essen" werden ab-
 geleitet von dem althochdeutschen "atisc" = Speise. Die "Esche"
 waren also Kornböden oder Speiseflächen für die Gesamtheit
 der dort Berechtigten. Während ab und zu ein grösseres Erbe
 für sich allein einen Esch besaß, waren diese doch oft von
 solchem Umfang, daß eine ganze Bauerschaft dort die Acker-
 stücke hatte. Das Erbe Hovekamp hatte seine Stücke im soge-
 nannten "Hauenhorster Esch". Dort waren etwa 10 Bauern be-
 rechtigt, welche ihren Acker in größeren und kleineren Par-
 zellen durcheinander liegen hatten. Daneben besaß wohl jedes
 Erbe einen oder mehrere Kämpe, d.h. mit einem Wall umgebenes
 Land in etwas besserer Lage, weil es ja holzwüchsig war. Das
 Erbe Hovekamp war noch in der guten Lage, in der Emsniederung
 einige Wiesengrundstücke zu besitzen, welche zu damaliger
 Zeit in unserer Gegend sehr knapp waren.
    Die großen Gemeinschaftsgrundstücke, (siehe Holzgerichte)
 gewöhnlich große Heide und Holzflächen, dienten hauptsächlich
 als Schafweide und lieferten die Heideplaggen, sowie das nö-
 tige Nutz- und Bauholz. Zum Verbrennen diente das "Dustholt",
 aber hauptsächlich gebrauchte man Torf vom "Weißen Venn" bei
 Emsdetten, welches etwa 2 Wegstunden von Hovekamps Erbe lag.
    Die genannten Gemeinschaftsgrundstücke wurden hauptsäch-
 lich in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgeteilt. Jedes Erbe
 empfing nach seiner Größe auch die Zuteilung. In neuerer Zeit
 konnte man unter marxistisch Einflüssen vielfach Kritik
 hören an diesem Verfahren, daß den großen Erben noch so vie-
 les zugeschlagen wurde und den kleinen entsprechend weniger;
 aber doch war es richtig. Zum Verständnis muß man sich eben
 in die damalige Zeit zurück versetzen. Die größeren Besitzer
 benutzten ja auch vorher größere Flächen für ihre Schafweiden,
 zum Plaggenhieb und ihren sonstigen Bedarf. Ein anderes Wert-
 maß lag ja noch garnicht vor.
 
 
  
    Die vorerwähnten sandigen Ackeresche waren meist aus
 Heideboden gewonnen. Noch heute erkennen wir bei diesen Böden
 in der Tiefe von 1/2 bis oft über 1 m Tiefe die alte rohhumose
 Heideschicht als grauen bis dunkel glänzenden Streifen. Alles
 Übrige ist in den vielen Jahrhunderten mit dem Dünger aufge-
 fahren. Zur Einstreu wurden ja hauptsächlich Heidekrautplaggen
 benutzt, welche mit einer dünnen Erdschicht abgestochen wur-
 den. In den Pferde- und Schafställen wurde auch wohl reine
 Erde gestreut. Der Kuhmist wurde dann in der Düngerkuhle noch
 mit Erdplaggen durchsetzt, welche von Anwenden und sonstigen
 geeigneten Grundstücken abgestochen wurden. So wurden im Lau-
 fe der Zeit riesige Erdmengen verarbeitet und die heutige
 Bodengüte dieser Esche liegt nicht daran, wie der Urboden
 war, sondern welcher Art von Plaggengrund und sonstiger Erde
 aufgefahren wurde. In einigen Gegenden hat man auch wohl den
 Boden durch die Plaggenwirtschaft verdorben, dort nämlich,
 wo der Ursprungshoden gut war und dann dauernd mit minder-
 wertigem Boden überfahren wurde.
    Nun zu den Bodenerzeugnissen.
    Dieser eben beschriebene Sandboden war fast nur geeig-
 net für Roggen und Buchweizen, welch letzterer heute in un-
 serer Gegend fast ausgestorben ist. In meiner Jugend, um 1900,
 war ein Unkraut im Roggen stark vertreten, die Trespe. Sie
 war früher mal als Hauptfrucht angebaut und wucherte nun als
 Unkraut weiter. Die büschelförmig wachsenden Körner waren
 wie feiner Roggen, während die Pflanze sonst zu den Gräsern
 zählt und heute hier nicht mehr bekannt ist.
    Auf den etwas besseren Böden wuchsen dann neben Roggen
 auch noch Gerste, Hafer, Klee und Hülsenfrüchte. Eine wich-
 tige Rolle spielten daneben die Fasergewächse Flachs und Hanf,
 sowie die Ölfrüchte, wovon hauptsächlich Raps und Leindotter
 in Frage kamen. An Hackfrüchten waren nur Möhren und Kohlrü-
 ben bekannt, welch letztere man Steckrübe nannte. Erst gegen
 Ende des 18. Jahrhunderts tauchten Kartoffel und Runkelrübe
 auf, weiche seitdem eine ganze Umwälzung in der Landwirtschaft
 herbeiführten.
 
 
 
                     Viehwirtschaft. 
    Eine innige Hausgemeinschaft verband unsere Vorfahren
 mit den Haustieren. Sie wohnten sozusagen mit ihnen in einem
 Raum. Die Wohnküche, der Hauptaufenthaltsraum war von der
 Tenne und den Ställen in alter Zeit nämlich noch nicht durch
 eine Wand getrennt. Ihre große Liebe zu den vierbeinigen Haus-
 genossen erkennen wir aus den stehenden Ausdrücken "Dat leiwe
 Veh" und "De armen Diers". Der letztere Ausdruck kommt wohl
 hauptsächlich daher, daß man sah, daß die Tiere ihren oftmali-
 gen Leiden und Wünschen nicht durch die Sprache Ausdruck ge-
 ben konnten. Insbesondere im Winter verfolgten die Kühe jede
 Tätigkeit der Menschen mit den Augen und brachten durch ver-
 langendes Gebrumm ein Begehren zum Ausdruck, welches zu er-
 füllen man nicht in der Lage war.
    An Haustieren hielt man durch die Jahrhunderte in erster
 Linie Pferde, Kühe und Schafe. Die Pferde waren von altersher
 die bestgepflegtesten Tiere. Sie erhielten Heu und gehäcksel-
 te Hafer- und Roggengarben. In alter Zeit wird man diese mit
 einem Beil gehackt haben, daher der Name Häcksel. Vor hundert
 Jahren schnitt man es mit einem langen Messer in der sogenann-
 ten Schneidelade, welche später durch die Häckselmaschine
 abgelöst wurde. Mein Großvater, Colon Bernard Hovekamp, war
 als Pferdeliebhaber bekannt und hielt auch stets Deckhengste.
 Alles beste Futter war für die Pferde, während sie in der
 Arbeit geschont werden mußten. Mit einem Nachbar zusammen
 hatte er eine Göpeldreschmaschine, welche auf Wagen verladen
 wurde, um damit weit im Kreise gegen Lohn zu dreschen. Seine
 Pferdeliebe ging aber soweit, daß diese auf dem eigenen Hofe
 nicht gebraucht wurde, sondern daß die starken Söhne eine
 Handdreschmaschine drehen mußten, bis diese das im reiferen
 Alter abgelehnt hätten. Im Jahre 1900 hielt die erste Mäh-
 maschine ihren Einzug, welche dem Großvater ein Gegenstand
 des Hasses war. Er hörte nicht auf zu nörgeln, daß die Men-
 schen nicht mehr arbeiten mochten und den armen Pferden alles
 zur Last fiele. Nicht jeder handelte allerdings so und man-
 cher alte Gaul wurde auch wohl zu Tode geschunden. Ein alt-
 überbrachtes Sprichwort über ältere Pferde hieß: "Slao drup, 
 
 
 
 et is man Rawnflesk!". Zu meiner Zeit und schon etwas früher
 wurden den Raben allerdings keine Tiere mehr überlassen, denn
 der Mensch lernte sie selber verzehren; ein Glück für die Tie-
 re. 
    Wenig günstig waren in früheren Zeiten die Kühe dran
 besonders im Winter, wo sie hauptsächlich mit Stroh durchge-
 füttert wurden. Daneben erhielten sie ein "Saufen" aus dem
 Kuhkessel, der an dem "Haolbaum" über dem Herdfeuer hing.
 Stoppelrüben, eine alte Kohlart und dergl. wurde darin ge-
 kocht. Dann wurde der kupferne Kessel vom Feuer abgeschwenkt,
 kam auf den niedrigen Kesselwagen und bollert zur Tenne.
 Mit kaltem Wasser wurde der Trank verdünnt und abgekühlt.
 Jede Kuh erhielt 1 - 2 Eimer voll und wenn es gut ging, kam
 auch noch etwas Mehl darin. So standen die Tiere den Winter
 über in den tiefen, kurzen und düsteren Ställen, bis eine
 große Anzahl den "Wulf im Stiärt" (= Wolf im Schwanz) hatten.
 Dann konnten sie nicht mehr aufstehen und mußten durch mehre-
 re starke Männer aufgehoben werden. Da heutzutage keiner so
 leicht Gelegenheit haben wird, diese Krankheit oder besser
 Körperschwäche kennen zu lernen, will ich sie kurz beschrei-
 ben. Einmal nur in meinem Leben habe ich dies früher so be-
 kannte Übel mitgemacht. Es war in der mageren Nachkriegszeit.
 Mit mehreren Mannen wurden wir zu einem Nachbar gerufen, weil
 bei seiner Kuh eine schwere Geburt vorlag. Ein Heilpraktiker
 war auch gerufen worden. Die Geburt ging dann leidlich gut
 vonstatten, aber die Kuh konnte nicht wieder aufstehen. Mit
 Säcken wurde sie darauf hochgehoben, aber sie setzte kein
 Bein zur Erde. Dann wurden die Säcke mit Stricken an den
 Hillenbalken befestigt und die Kuh ließ sich matt darin hän-
 gen. Darauf prüfte der Heilkundige das Schwanzende und rief:
 "Aha! Da haben wir's. Die Kuh hat den Wolf im Schwanz". Und
 siehe, das Schwanzende fühlte sich ganz weich an. Er nahm
 ein scharfes Messer, schnitt das Ende der Länge nach auf und
 rieb grobes Salz hinein. Das brachte aber Leben in die schlaf-
 fen Glieder. Die Kuh stampfte zum Erstaunen Aller mit den
 Beinen und stand dann stramm wie ein preußischer Soldat. Mit
 einem Strohseil wurde der Schnitt umwunden und bei guter
 Pflege hatte das Tier den Wolf bald überstanden. Die Ursache
 
 
 
 lag natürlich darin, daß die Schwanzspitze bei der weiten
 Entfernung vom Herzen und Hauptblutstrom bei mangelhaftem
 Futter nicht genügend Nährstoffe bekam, besonders wo noch
 ein Junges mitlebte. Der Name "Wulf" stammt jedenfalls da-
 her, daß diese Körperschwäche zu der Zeit auftrat, wenn auch
 der Wolf hungrig um die Ställe strich.
    Der heute übliche Weidegang war in diesem Umfange frü-
 her unbekannt. Des Nachts blieb kein Tier draußen. Auch brach-
 ten die Weiden keine volle Sättigung, sondern es wurden Klee,
 Wicken, Ackerspörgel und sonstiges zugefüttert. So war es
 in unserer Gegend noch bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts.
 Da ermöglichte der Kunstdünger die große Weidegewinnung aus
 den Ödländereien. Auch machte man sonstige Grasflächen mehr
 zu Weideland, da man Heu gewinnen lernte von den Ackerflächen
 in Form von Klee, Esparsette und der aufkommenden Luzerne.
 In dieser Zeit kamen auch die Molkereien auf, während man
 vorher nur Eigenverbutterung kannte. Bis dahin hatte man
 auch noch recht keine Zentrifugen und es wurde nur der so-
 genannte Sauerrahm gewonnen. Die Milch wurde etwa 2 Tage in
 Becken oder Satten im Keller auf Bänke gestellt, in welcher
 Zeit sich der Rahm absetzte. Der abgeschöpfte Rahm wurde in
 Stoßkernen verbuttert. In geringem Umfange bereitete man
 auch noch Käse.
    Da kam gegen Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahr-
 hunderts di mehrfach angedeutete große Wende in der gesamten
 landwirtschaftlichen Betriebsführung. In 50 Jahren gab es
 eine größere Umwälzung als vorher in 500. Was die Bauern zu-
 nächst noch etwas zurückhielt, die vermehrten und verbesser-
 ten. Grünflächen zur Tagundnachtweide zu benutzen, war die
 Notwendigkeit der Beschaffung von Stallmistdünger. Doch bald
 wurde der Viehbestand so vermehrt, daß das anfallende Stroh
 auch im Winterhalbjahr verbraucht und verarbeitet wurde. In
 unserm Betrieb wurde die Nachtweide für Kühe zuerst durch-
 geführt im Jahre 1913 und zwar zwangsläufig. Wie schon an
 anderer Stelle erwähnt, brannte das Gehöft mit den Stallun-
 gen am 17. August desselben Jahres vollständig niedere. Da
 mußten die Kühe von selber draußen bleiben und wir staunten,
 daß die Tiere jetzt mehr Milch gaben als vorher, trotzdem
 
 
 
 die Beifütterung von Klee aufhörte. Sinnfälliger konnte der
 Beweis der Nützlichkeit nicht erbracht werden.
    Ein vermehrter Hackfruchtbau für die Winterfütterung
 ging mit dieser Umstellung Hand in Hand. Auch Kraftfutter be-
 kamen die Tiere zu schmecken, so daß sie gegen früher ein
 Schlemmerleben führten. Daß selbst die Masttiere in alter
 Zeit wenig Gutes erhielten, vernehmen wir aus folgendem Be-
 richt:
    In meiner Jugend sprach ein alter Schlächter von frühe-
 ren Zeiten und wie er zuerst mit zum Schlachten gegangen wäre.
 Bei einem großen Bauern hätten sie einen Bullen schlachten
 wollen und zwischen zweien die Wahl gehabt. "Ich glaube, die-
 ser ist nicht schlecht", hätte der Bauer auf den einen ge-
 zeigt, "der hat immer gut Buchweizenstroh gefressen."
    Durch dauernd verbesserte Zuchttiere ist denn auch heute
 ein ganz anderer Viehschlag geschaffen worden. Breit und
 tief gestellt, mit großen Eutern, erinnern sie kaum noch
 an die spitzknochigen, leichten Tiere der Vergangenheit,
 deren Milchleistung im Verhältnis der beste Vorzug war.
    Ebenso veränderten sich auch die Stallungen. Aus tiefen,
 düsteren Löchern wurden helle, saubere und trockene Stände
 verschiedener Systeme, in unserem Betriebe der Wolf-Schweins-
 burger Art.
    Und nun zum Schweinevieh. Auch hier eine nicht minder
 große Veränderung. Das frühere Schwein hatte einen langen
 Kopf mit kleinen Ohren, schmalen Rücken mit Borstenkamm und
 war seiner Natur nach viel bösartiger, wie das heutige, was
 sich besonders beim Ferkeln der Sauen äußerte. Kam ein Frem-
 der dazu, gerieten die Tiere in größte Wut, doch auch die
 Hausbewohner hielten oft den Maulkorb bereit, da die Sauen
 öfter nach Menschen und Ferkeln schnappten.
    Der vermehrte Kartoffel- und Hackfruchtbau, sowie ver-
 besserter Weidegang gestatteten eine Vermehrung der Bestän-
 de, welche gleichzeitig mit der Zuführung besseren Blutes
 verbunden war. Der scharfe Rücken und der lange Kopf vor-
 schwanden allmählich, so daß wir heute ein gutartiges und
 viel mastfähigeres Tier besitzen.
    In früherer Zeit erwiesen sich viele Schweine beim
 
 
 
 Schlachten als finnig und auch wohl mal als trichinös. Beim
 Rohgenuß des finnigen Fleisches entwickelte sich aus den Fin-
 nen beim Menschen der Bandwurm. Da man aber noch keine Ab-
 orte hatte, so nahmen die Schweine beim Durchwühlen der auf
 Hof und Düngerstätten liegenden Abgänge die Eier wieder auf
 und der Kreislauf ging weiter. Heute haben wir eine strenge
 Fleischbeschau, aber es wird kaum einen Beschauer geben, der
 schon eine lebende Finne gesehen hat und eine Trichine erst
 recht nicht.
    Die Wartung und Pflege der Nutztiere lag in den bäuer-
 lichen Betrieben ganz in den Händen der Frauen und Mädchen.
 Von einem gern gehegten Zweig, dem Hühnervolk, will ich noch
 als bemerkenswert mitteilen, daß auch hier die alte Landsorte
 verschwunden ist. Das frühere Landhuhn fraß kein Gras, während
 die seit meiner Jugend aufkommenden neuen Arten ganze Mengen
 davon vertilgen.
    Auf jedem Hofe wurden auch eine entsprechende Menge Scha-
 fe gehalten, was wohl um die Jahrhundertmitte mit den Marken-
 teilungen mehr und mehr aufhörte. Auf Hovekamps Hof wurde der
 alte Schafstall gegen 1900 abgebrochen, welcher für den Zweck
 auch schon lange nicht mehr benutzt war. Alte Leute erzählten,
 daß die Heidemarkengründe früher vollständig kahl gewesen
 seien. Nach Abschaffung der Schafe wären diese sofort mit
 Kiefern, Birken und an den niedrigen Stellen mit Erlen zuge-
 wachsen. Die Schafe hätten durch Verbiß und ihre ätzende
 Scheuerwolle jeden Aufschlag zu Boden gehalten.
    Der Vollständigkeit halber wollen wir auch noch an Hund
 und Katze denken, welch ersterer den Hof zu bewachen hatte
 und die Schafherde betreuen half. Die Arbeit der Mäusebekämp-
 fung teilte sich die Katze mit den Eulen, denen die Böden
 durch die sogenannte "Ulenflucht" zugänglich war.
    Vergessen wollen wir zum Schlusse auch nicht ein kleines,
 fleißiges Arbeitsvolk, daß auch wohl auf keinem Bauernhofe
 fehlte, und gewöhnlich von einem Öhm betreut wurde. Es waren
 die Bienen oder "Immen", wie man sie nannte. Die Haltung war
 früher lohnender als heute und das Gewicht der Körbe soll
 gewöhnlich 100 Pfd betragen haben, während heute wohl kaum
 die Hälfte üblich ist. Ein gesunder Bienenstock mußte anfangs
 
 
 
 des 15. Jahrhunderts täglich 4 Pfd schwerer werden. Den
 Honig gebrauchte man gern zum Süßen des sauren Bieres. Auch
 wurde bis weit ins Mittelalter hinein durch Gärung und Wasser-
 zusatz Met daraus bereitet, ein beliebtes Getränk. Die Ver-
 wertung des Wachses spielte daneben eine nicht unbedeutende
 Rolle. 
 
 
 
Der folgende Text ist in dem Buch nicht abgedruckt und liegt nur handschriftlich vor.



Das Bild zeigt den Anfang der ersten Seite des Originals.

Es ist als wahrscheinlich anzunehmen, dass der Abdruck dieser Abschnitte ausversehen unterblieben ist.

1.)

Wohnung und Lebensverhältnisse

Wer heutzutage in einem neuzeitlichen Bauern-
hause mit hellen freundlichen Zimmern, trockenen
Wänden und sauberen Fußböden, seien es Platten,
Hobeldielen oder gar Parkett, geboren ist, der kann
sich schwer in frühere Verhältnisse hineindenken.
Wintzige Fachwerkhäuser mit Strohdächern, ohne
Schornstein, die Räume klein und dumpfig, Fuß-
böden aus gestampftem Lehm oder Kalkasche, das
war die Behausung der Vorväter. Am Herd schwel-
te das Torffeuer, einen scharfen Rauch verbreitend,
der nur durch Fenster und Türen abziehen konnte.
Auch in meiner Jugend wurde am Herdfeuer neben
Holz noch viel Torf verbrannt. Tisch und Stühle wa-
ren niedrig und zwar aus praktischen Gründen,
weil näher am Boden weniger Rauch war. An
der Decke hing eine Ölfunzel; welche ein trübes
Dämmerlicht verbreitete und noch zu meiner Zeit
leuchtete. Wie froh war man da, als der Schein der
Petroleumlampe eine weit hellere Beleuchtung
brachte welche dann in unserem Hause im Jahre 1921
durch das elektrische Licht abgelöst wurde.

     Im Jahre 1806 hatte das Hovekampsche Haus
noch keinen Schornstein. Als Joan Henrich Hovekamp
die Tochter des Bauern Borchert als Hausfrau be-


2.)

gehrte, wurde dieser mit dem Hinweis abgeraten,
daß der Freier ja noch nicht mal einen Schornstein in
seinem Hause habe. Sie nahm ihn aber doch und
dann wurde der Schornstein im folgenden Jahre 1807 gebaut. Daraus
ergibt sich jedenfalls, daß die Häuser der angesehe-
neren Bauern zu der Zeit schon einen Schornstein
hatten. Gegenüber anderen Gegenden war das
schon sehr früh. Wir lesen z. B. in den "Beiträgen
zur Geschichte des Westf. Bauernstandes" in einem
Bericht des Landesökonomierates Wilh. v. Laer,
daß er im Jahre 1860 in ein wohlhabendes Dorf
im Kreise Herford gekommen sei. Auf seine
Frage nach der Wohnung des Vorstehers habe man
ihm gesagt: "Reiten Sie nur zu, das Haus mit
dem Schornstein ist es." Und noch nach dem Welt-
kriege führte mich der Weg durch einen Teil
von Oldenburg, wo noch viele Häuser ohne Schorn-
stein waren. Im Jahre 1927 sah ich an der Bahn-
strecke zwischen Bremen und Hamburg ebenfalls
noch solche Häuser. In den letzten 10 Jahren soll sich
das aber auch in diesen Gegenden geändert haben.
     Wenn wir uns nun die Schlafstätten
besehen, so hatten unsere Vorfahren natürlich noch
keine Sprungfedermatrazen. Die Bettstellen
waren mit losem Stroh gefüllt, worauf schwere
Betten lagen. In meiner Jugend begannen wir,
Strohsäcke anzulegen, damit die Kammern sauberer
blieben. Der frühere "Durk", den man auch wohl


3.)

als Schlafschrank bezeichnen könnte, wird wohl
in den meisten Schilderungen des Bauernstandes
beschrieben. Er war in der Küchenwand eingebaut
und bei Öffnung der Türen fiel der Blick gleich
über die ganze Tenne.
     Ein wichtiger Raum des Hauses war noch
die "Spinnstube", wo sich besonders im Winter ein gut
Teil bäuerlichen Lebens abspielte. Gar oft habe ich
als kleiner Junge dem Spinnen und Haspeln der
fleißigen Mädchen zugeschaut. Wenn sie das vor-
geschriebene Gebinde fertig hatten, konnten sie für
sich weiter arbeiten. Während man sonst wohl
einspulige Spinnräder sieht, waren unsere alle
mit 2 Spulen und es wurde also gleichzeitig
mit jeder Hand ein Faden gesponnen.
     Das Leben unserer Vorfahren war für
gewöhnlich einfach und ruhig. Die Bebauung des
Landes und die Verantwortung der Ernte in der Wirt-
schaft regelte sich in althergebrachter Weise. Alles
war so berechnet, daß fast der ganze Lebensnot-
wendige Bedarf gedeckt wurde. Essen und Trinken,
Brot, Fleisch und Gewürz, Milch, Bier und Aufguß
war eigene Erzeugung. Wolle und Leinengarn
hatte man zur Herstellung der äußeren Bekleidung.
Auch das Leder ließ man gerben von selbstgewon-
nenen Fellen. So brauchte man wenig Verkehr
mit der Außenwelt und man kann das Leben
unserer aufregenden Zeit gegenüber fast als


4.)

langweilig bezeichnen. Zeitungen gab es nicht
und noch Joan Henrich Hovekamp (1764-1848)
war des Lesens und Schreibens unkundig. Die
Arbeit war nicht zu schwer, wie wir an den über-
lieferten Tagewerken, Buschenzahlen u. dergl. feststellen
können. Wo es angängig war, hatte man nämlich
feststehende Sätze für die zu leistende Arbeit, sei es
die Anzahl der Saatfurchen auf einem bestimmten
Acker oder die abzumähende Fläche bei Getreide oder
Gras. Die Pferde waren auch nicht so leistungsfähig
wie heute, die Furchen nicht so tief und infolgedessen
ging alles gemütlicher.
     Das Dreschen besorgte man mit Dreschpflegeln,
welche im Takt geschlagen wurden. Bis zu sieben
Personen konnten sich daran beteiligen. Nachdem die
"Lage" einmal gewendet und dann wieder durchge-
droschen war, wurde das Stroh mittels "Gaffeln"
abgeschüttet und das Korn durch "Schwingen" mit
der "Wanne" von der Spreu getrennt. Später gab
es dazu eine Maschine mit Gebläse, welche man
in Bezug auf die frühere Arbeitsweise Schwing= oder
Wannemühle nannte. Auch sie sind heute nur noch
wenig in Gebrauch, da die Reinigung in den meisten
Dreschmaschinen sofort eingebaut ist.
     Im Winter wurde über Tag hauptsächlich beim
Holz gearbeitet, Buschen gebunden, Rodungen ausgeführt
und, solange die Heide oder das Laub noch trocken
war, Streumaterial beschafft. Doch bei eintretender


5.)

Dunkelheit mußte man sehen,
daß die Ställe gut verrammelt waren, damit
nicht der Wolf Schafe oder Jungtiere zerriß.

Um diese
Zeit ertönte auch
gewöhnlich irgend-
wo in der Ferne
sein warnendes
Geheul.

Heute
erinnern wir uns kaum noch an diesen früheren
Räuber. Im Jahre 1750 fand ein Einwohner der
Stadt Rheine auf dem Waldhügel noch ein Nest
mit jungen Wölfen und wurde seitdem "Wülf=
kesbernd" genannt. Das in Rheine auf dem Rat-
haus lagernde, früher bei den Wolfsjagden gebrauch-
te Wolfsnetz wurde im 19. Jahrhundert versteigert.
     Nachdem man sich also gegen diesen Unhold
gesichert hatte, wurde das Herdfeuer der Mittelpunkt
des abendlichen Lebens. Die Männer flochten Weiden-
körbe, banden Besen aus Birkenreisern und kleine
Handbesen aus "Braohm" (= Ginster) oder hatten ein
Strickwerk. Dabei sprach man von alten Zeiten, Vor-
gängen in der Familie, Fragen der Wirtschaft und
der vorgenommenen Arbeit, dann auch wohl von Kriegen,
von Spuk und Vorgesichten, daß manchen ein Gru-
seln überkam. Manchmal kam auch ein Nachbar dazu
und der Gesprächsfaden riß so leicht nicht ab. Im Er-
zählen waren uns die Alten über, während wir
uns mehr auf Gedrucktes und Geschriebenes verlassen.
Die Mädchen taten in der Zeit das "Werk", das war
Füttern und Melken, und die Hausfrau backte Pfanne-
kuchen.


Kuh melken, Maria Horstmann (später Hovekamp) um 1940

Bevor die Schlafstätten aufgesucht wurden,
mußte man das Feuer "toraken". Erst
wurde die Glut zusammen gescharrt und
dann kam die Asche darüber. Auch hatte
man wohl ein Tongefäß zum Überdecken,
damit nicht die Katze oder ein unvermuteter
Windstoß das Feuer verbreitete. Ging das
Feuer aber aus, mußte am Morgen etwas
Glut vom Nachbar in einem Holzschuh
geholt werden. Es wurde etwas dünnes Holz
aufgelegt und durch blasen mit dem Püster
erzeugte man bald wieder eine lustige
Flamme.
     Einige Abwechselung in das tägliche Leben
brachten verschiedene Feste des Jahres. Zuerst


6.)

erwähnen will ich die Jahrmärkte, von denen in
Rheine schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts vier
nachgewiesen wurden. Die größte Bedeutung davon
hatten die "Kermisse" (früher Mitte August - später
Mitte Oktober) und der "Kolde Markt". (kurz vor
Weihnachten.) Zum "Kolden Markt" kam man aus
weit entlegenen Dörfern hin, Familientreffen fanden
statt, Hochzeiten wurden angebahnt und Bürger
und Bauer tranken und waren fröhlich, aber
auch manchmal unfröhlich, so daß es wohl große
Keilereien absetzte. Es gab Bier und Schnaps und
für die Weiblichkeit den "Söten". Vor noch nicht hundert
Jahren haben aber mal Burschen von Dreyerwalde
von ihrem Wirt gehobenen Mutes Wein verlangt.
Den hatte er jedoch nicht, aber er mochte sich das
Geschäft nicht entgehen lassen und machte welchen
aus Wasser, Essig und Zucker. Dieser Kunstwein mußte aber
wohl nicht sonderlich munden, denn die Burschen
sprachen zu dem Gesöff: "Wenn du nich den gu-
ten Namen hädd's, dann drönken wie di nich!"
Später gab der Wirt die Sache in seinem Lokal
zum Besten.
     Ein anderes Fest war die Fastnachtsfeier,
der "Fastvorend". Nach heutigem Sprachgebrauch wür-
de man dies Fest als "ganz groß" bezeichnen. Die
jungen Burschen sammelten Mettwürste und Eier.
Sie erhielten in jedem Hause eine Wurst, welche
dann an einer Stange mitgetragen wurde um


7.)

sie abends zu verzehren. Dabei gab's Tanz und Fröh-
lichsein. Dicke Stämme knisterten am Herdfeuer,
welches in drei Tagen nicht ausging. Die Älteren
sonderten sich gewöhnlich ab und spielten Karten,
auch ziemlich 3 Tage lang.
     So war es bei den Bauern, doch in den
Städten ging es nicht minder her. Umzüge wurden
gehalten mit viel Lärm und Gesauf. Die Geist-
lichkeit suchte das Feiern einzudämmen und rich-
tete in den meisten Kirchen während der Fast-
nachtstage ein vierzigstündiges Gebet ein. So
ist diese alte Volksfeier heute ziemlich erloschen.
Doch haben sich im Laufe der Zeit auch genügend
andere Feste als Ersatz gefunden, so daß man
einen Mangel nicht verspürt.

          Ernährung.
     Wenn wir nach der Speisekarte unserer
Vorfahren fragen, so wissen wir, daß diese von
der heutigen ganz verschieden war. Die Grund-
lage der Ernährung war Milch und Brot. (= Schwarz-
brot, Pumpernickel) Die Milch, natürlich Magermilch
oder verdünnte Vollmilch, wurde gekocht und
gewöhnlich Roggenschrot zugesetzt, was den sogenannten
Brei gab.
     "Brie un Braut
     wädd manniger Bur van graut".
sagt ein altes Wort. Daneben wurde auch
geschälte Gerste oder Hafer verwendet. Des


8.)

Morgens begann man mit "Soppen". Die
Knabbeln (= warm gebrochenes und getrocknetes
Weißbrot) wurden in einer Schüssel mit hei-
ßem Wasser übergossen und dadurch eingeweicht.
Nach dem Abgießen wurde geschmolzenes Fett
oder Milch zugesetzt, was je nachdem Fett=
oder Milchsoppen ergab. Zu Mittag gab es viel-
fach Hülsenfrüchte, graue Erbsen und dicke Bohnen,
letztere getrocknet auch im Winter. Graue Erbsen
waren übrigens auch noch in meiner Jugend "das"
Hochzeitsessen, in diesem Falle mit Rosinensose
und gekochtem Schinken, ein kräftiges und lek-
keres Mahl.
     Ein wichtiger Bestandteil der täglichen Kost
war der Buchweizenpfannekuchen den es auch noch in meiner
Jugend Abend für Abend gab. Dazu gab es nur ge-
kochte "dünne" Milch, d. h. ohne Mehlzusatz und im
Sommer kalte Milch.
     Fleisch gab es natürlich auch bedeutend weni-
ger, wie heute. Während der Fastenzeit hat es
früher z. B. überhaupt kein Fleisch gegeben, was ich
allerdings nur noch vom Erzählen her weiß. Die
täglichen Fleischportionen bestanden außer der Schlacht-
zeit gewöhnlich in Speck und getrocknetem Rind-
fleisch, welch letzteres außerordentlich faserig und
zähe war. Die Frischhaltung in Gläsern und
Dosen hat sich erst in den letzten Jahrzehnten stärker
entwickelt. Zur Erntezeit gab es eine starke Rind-


9.)

fleischsuppe aus den Räucherwurststücken, den
sogenannten "Buorstkiörene".
     Das Essen selbst geschah noch zu meiner Zeit
mit hölzernen Löffeln gemeinsam aus einer großen Tonschüssel.
Das letzte Ausessen der Schüssel stand dem Erstknecht
zu. Wenn sich die anderen nicht rechtzeitig zurückzogen,
konnte er ihnen eins über den Löffel geben. Das war
dann bestimmt das Zeichen zum Aufhören und wur-
de noch meines Wissens geübt. Zum Zerschneiden
von Speck und Fleisch gab es noch hölzerne Teller
besonders.
     Die belegten Frühstücksbutterbrote kamen
auch noch zu meiner Zeit auf. Ich weiß noch genau,
wie von einem Nachbar erzählt wurde, daß es
dort zweimal in der Woche belegte Butterbrote gab.
Andere machten es nach, bis es tägliche Übung wurde.
Die Verwendung des Weißbrotes (Stuten) zu Butter-
broten ist übrigens noch jungen Datums. Vor
100 Jahren und noch viel später gab es diesen Stuten
nur zu den "Vierhochzeiten" (= Weihnachten, Ostern,
Pfingsten, Mariä Himmelfahrt) und an besonderen Festen,
vor etwa 50 Jahren jeden Sonntag und ist jetzt
schon lange tägliche Kost.
     Die frühere Tafel war also keinesfalls viel-
faltig, aber auch nicht reichlich. "Upp un auk satt!"
war ein geflügeltes Wort, wobei hinter letzerem
mancher im Geiste ein Fragezeichen machte, während
ersteres fast immer zutraf. Mein sel. Vater


10.)

erzähle noch aus seinen jungen Jahren, daß sie
mal in der Torfkuhle mit einem anderen beim
Essen zusammen gekommen wären. Dieser habe nun
so merkwürdig gegessen und geschluckt, sodaß man
ihn gefragt habe, was das bedeute. Ja, er schlucke
den Pfannekuchen in ganzen Stücken herunter.
"dann häff de Magen dor länger an to dohn,"
wäre die Erklärung gewesen.
     Ein Spezialgericht, welches sich bis auf den
heutigen Tag erhalten hat, will ich noch erwähnen,
das Wurstebrot. Es hat mit Wurst allerdings we-
nig zu tun, sondern ist ein aus Blut und Roggen-
schrot geknetetes und dann gekochtes Brot. Es wird
in Stückchen geschnitten, mit Fett, Schriewen und
Wasser zubereitet in der Pfanne gebraten. In
einzelnen Häusern wurde es früher wohl zum Über-
druß gemacht, wobei zur Streckung von Blut und
Fett nur Wasser diente.
     An Wurstsorten gab es früher hauptsächlich
nur Mett= und Leberwurst, wovon erstere sich
eines besonders guten Rufes erfreute.
     Einige Worte will ich nunmehr auch noch
den Getränken unserer Voreltern widmen. Der
neuerdings so gebräuchliche Kaffee kam ja erst
1669 nach Europa und wir müssen uns fragen,
was man früher wohl hatte. Eine Spur mag
uns ein Testament aus dem Jahre 1484 zeigen,
worin Johann von Grüter sein halbes Vermögen


11.)

zur Stiftung des "Neuen Hospitals zum hl. Geist"
in der Stadt Rheine benutzte. Dort heißt es:
"Ock sollen se _ _ _ _ _ setten ein capelle und des
vicarii huis met enen Keller, dar de armen beer
und broet und andre nottraft ynne hebben moegen".
damals wurde also auch das Bier schon zur Notdurft
armer Leute gerechnet und darf als Hauptgetränk
angenommen werden. Es war allerdings nicht das
helle Bier von heute, mit Kohlensäure verzapft,
sondern ein starksaures Bier, welches Ähnlickeit
mit unserem Altbier hatte. Jeder Bauer und jeder
Wirt braute es selber und auf unserem Hofe hörte
man noch zu meiner Zeit damit auf, weil man
sogenanntes "Erntebier" billig und zwar für 10 Pfg
pro Liter kaufen konnte. Durch den Krieg und
dessen böse Folgen, Inflation und Mangel auf allen
Gebieten ist dann auch dieses Getränk von der Bild-
fläche verschwunden.


Das letzte Fuder ist eingebracht.
Carl Hovekamp (Mitte) mit Erntehelfern und den Kindern Maria und Alfred
Anmerkung: Karl Hovekamp schrieb seinen Vornamen bis etwa 1935 mit "C"


Biermarke der Germania Brauerei Münster, gefunden 2022 von Daniel Eckel auf unserem Acker am Berg

     Als warmes Getränk diente wohl durch die
Jahrhunderte ein Zichorienaufguß, welche Pflanze
im Garten gezogen und selbst getrocknet wurde.
Noch vor 50 Jahren bestand der Kaffee meist aus
diesem Stoff, weil Kaffee als Luxusgetränk galt
und die Kaffeemühle als "Bankrottsmühle" bezeichnet
wurde. Eine Versüßung mit Zucker gab es nur
bei Visiten und feierlichen Anlässen und wurde
ebenfalls als Verschwendung angesehen.
     Ein Universalheilgetränk für Schmerzen im Kopf,


12.)

Hals, Brust, Magen oder Gedärm war stets Kamillentee.
     Dann hatte man noch ein Getränk von weitem
Ruf, den "Aollen Klaoren", ohne welchen man sich
das Münsterland nicht denken kann, einen aus
Roggen gebrannten Schnaps. Für den mäßigen Ge-
nießer war er stets ein Gesundheitsquell, für
andere aber eine Quelle des Verderbens. Gerade
in den hinter uns liegenden Generationen hat es
manches Opfer an Leib unf Gut verlangt. In
meinen ersten Erinnerungen stehen noch viele
Bauern als Säufer. (Manchmal allerdings lagen sie
auch.) Das ist heute keine Mode mehr und ich
sehe die heutige Bauerngeneration als eine wirt-
schaftlich denkende und aufstrebende an. Sonst wären
die vielen Erfolge und Verbesserungen auf allen
Wirtschaftsgebieten auch kaum möglich gewesen.

Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem
Zusammenhange ein weiteres Genußmittel,
welches im Dreißigjährigen Kriege in
Westfalen Eingang und Verbreitung fand,
nämlich das Tabak rauchen. Es wird be-
richtet, daß in den Niederlanden der Tabak
erstmalig im Jahre 1615 angebaut wurde,
in Sachsen 1631. Bald jedoch befaßten sich
behördliche Verordnungen mit dem
"Laster des Tabakrauchens." Durch Unvor-
sichtigkeit waren viele Brände ent-
standen, so daß das Rauchen an den
meisten Plätzen verboten wurde, all-
überall, wo sich brennbares befand
und sogar auf den Gassen und Straßen
innerhalb der Ortschaften. Geraucht wur-
de der Tabak aus langen, halblangen
und kurzen Pfeifen. Die sogenannten
kleinen Mutzpfeifen sind dann erst in
unserer Zeit aufgetaucht. Mein Vater er-
zählte aus seinen jungen Jahren, wie
damals erst die Zigarren aufkamen.
Ein Zigarrenraucher sei aber schief angesehen
und als eine Art Windhund betrachtet
worden. Höhnisch hätte es wohl geheißen: "He
döht för twe Pennink likut." (= gradeaus.) Jeden-
falls noch ein billiger Preis. Gegenüber dem
modernen Laster des Zigarettenrauchens mutet die Zi-
garre allerdings solide an, während die Pfeife
schon selten geworden ist.


Brüder Josef (links) und Herman Ahling aus Haddorf beim Pfeiferauchen (um 1920)


Reste von Porzellanpfeifen sind heute (2016) noch häufig auf Äckern zu finden

Erwähnt sei, daß mein Großvater Bernard
Hovekamp den Tabak in 5 Pfd=Tuten
von der Firma Nadorff-Rheine
kaufte, und zwar Grobschnitt für lange
Pfeife und diese viel und gern gebrauchte,
ebenso wie mein Vater ohne die kurze
nicht zu denken war. Er gebrauchte
jede Woche ein halbes Pfund und rauchte
schon nüchtern eine Pfeife. Es ist nicht
zu leugnen, daß der Tabak="dampf",
wie er fälschlicherweise genannt wurde,
eine gewisse Ruhe und Behaglichkeit
verbreitete, während die heutige Ziga-
rette eine nervöse Unruhe ausströmt.
Auch war die Pfeife stets ein gutes Gesund-
heitsbarometer. Wenn diese wieder schmeck-
te, war der Patient gesund und die Stö-
rung vorüber.


Elisabeth, Karl-Heinz und Karl Hovekamp mit Zigarre (ca. 1938)

                    Kleidung
     Die Kleidung war in früherer Zeit schlicht und
einfach. Der blauleinen Kittel unserer Vorväter
findet oft Erwähnung. Noch Großvater trug ihn zu
meiner Zeit. Hauptsächlich beim Ausfahren oder Reiten
wurde er übergezogen und reichte ungefähr bis
zu den Knieen. Dazu lange Stiefeln und als Kopf-
bedeckung die schwarze "Kippe" (Kappe) und der
Typ des altwestfälischen Bauern steht vor uns. Selten
fehlte auch die halblange Pfeife und je nach Art
des Vorfahrens der Handstock, die Peitsche oder ein
Reitstöckchen. So sehe ich den Großvater mit seinen


13.)

80 Jahren und darüber noch vor mir.
     Zu Hause und bei der gewöhnlichen Arbeit wur-
den nur Holzschuhe getragen, selbst beim Pflügen und
Eggen. Des Abends hielt man die auf Holzschuhe
gestellten Füße mit den selben Socken aus unge-
färbter Wolle zum Herdfeuer. Wir Kleinen mach-
ten es den Großen nach, wobei das Anwärmen der
oft kalten und nassen Füße gewöhnlich nicht schnell
genug ging. Dann sah man die kindliche Unvor-
sichtigkeit an den braunen und verbrannten Stellen
der Socken.
     Die Hauptbestandteile des männlichen Anzuges,
Rock, Weste und Hose scheinen ziemlich alt zu sein.
Nur nannten alte Leute den Rock "Wams" oder
"Kamfal" (= franzosisch: Camisol) und die Hose "Buze".
Mit den heutigen weichen oder steifen Hut haben
sich ältere Leute nicht mehr befaßt. Von ihrer "Kippe"
ließen sie sich nicht abbringen. Mit der Heirat zogen
die Ehemänner den sogenannten "Taggrock" an, welcher
ähnlich dem späteren Gehrock gearbeitet war. Dann
hieß es: "He häff den besten Rock an". Dieser
mußte normalerweise sein Leben lang aushalten.
Bedenken müssen wir dabei, daß es erstens sehr haltbarer
Stoff war und daß er nur eben zum Kirchgange und
bei besonderen Gelegenheiten getragen wurde. Um den
Hals wurde ein seidenes Tuch geknotet, welches zu-
hause und an Werktagen einem geringeren wei-
chen mußte. In einigen Gegenden waren rote


14.)

Halstücher üblich, welche ich jedoch in unserer näheren
Umgebung nicht gesehen habe. Zu meiner Zeit trug
die jüngere Generation dann das "Schamisken" (= Themi-
settr) oder "Vorhemd" und zwar des Sonntags als Stär-
kewäsche und sonst aus weichem Stoff. Ganze Ober-
hemden, Sporthemden und dergl. bürgerten sich erst nach
dem Kriege allgemein ein. Zur Förderung der nächt-
lichen Ruhe diente auch noch meinem Großvater die
sogenannte "Schlafmütze". Diese Zipfelmütze dient
noch heute zur ironischen Kennzeichnung des deutschen
Michels, weshalb sie wohl nicht nur eine Merkwürdig-
keit unserer Gegend war.
     Das Hauptmerkmal der weiblichen Kleidung
war in alter Zeit die "Stemelkappe" und das große
Umschlagtuch. Ersteres war ein schönes Schmuckstück,
mit Gold und Silber reich verziert. Bei dem Kleider-
rock wollen wir noch an eine zeitweilige "große
Mode" denken, den "Reifenrock". Er hatte unten im
Saum einen richtigen Reifen, welcher zusammen-
klappbar war, da man sonst nicht in die Kirchen-
bänke konnte. Dieses unbeholfene Dings war zu
meiner Zeit schon außer Kurs, während ich mich
einer anderen Mode noch erinnere, der "Vornüre (Tournüre)".
Die vornehm tuenden Damen ihrer Zeit befestigten
dies kissenähnliche Monstrum auf ihrem allerhintersten
Körperteil, welcher dadurch eine elegante Verformung
bekam. Die Füllung des Apparates bestand gewöhnlich
aus Heu und als drollige Begebenheit hörte ich


15.)

öfters den Bericht, daß einst ein hungriger Gaul
einer Frau dieses Hinterteil aufgerissen hätte, um
das wohlriechende Heu daraus zu fressen. Die Be-
troffene nebst Genossinen seien sehr betreten ge-
wesen, während es den Männern ein Gaudium
bedeutete, intime Machenschaften an's Licht gefördert
zu haben.
     Zur Vervollständigung der Kleidung diente
stets die Schürze. Bei der Arbeit war sie aus gro-
bem Sacktuche, zur Schonung der blauleinenen oder
Kattunschürze. Der Stolz der jungen Mädchen aber
war die weiße Ballschürze, ohne die es noch in mei-
ner Jugend nicht ging. Daher der Reim:
     "Mädel komm und tanz mit mir,
     du hast so'nn weiße Schürze für."
     Das ging schon in Lederschuhen, während man
vordem saubere Holzschuhe und schneeweiße Strümpfe da-
zu trug.
     Annehmen dürfen wir jedenfalls, daß die
Weiblichkeit einer jeden Generation es auch wohl
verstanden hat, den Männern ihrer Zeit gegenüber
ihre Reize in's rechte Licht zu setzen und ihnen
Liebe und Glück oder auch ein großes Leid zu
bereiten.




1.)
Ungewöhnliche Witterungsverhältnisse

   Für die Arbeit und den Erfolg bäuerlichen Wirkens
ist die Wettergestaltung von größter Bedeutung. Schon
frühmorgens schaut der Bauer auf zum Himmel ob es klar oder bedeckt ist, betrachtet die Sonne,
ob sie bleich oder gesund aussieht, ob das Morgenrot
glüht, aus welcher Ecke der Wind weht und vieles
mehr. Auch das Verhalten verschiedener Lebewesen
ist ihm von Bedeutung, welche ohne Radioempfänger
auch heute noch eine viel sichere Wettervorhersage
geben, wie der Rundfunk. Es ist uns nun bekannt,
daß trockene und nasse Jahre einem peri-
odischen Wechsel unterliegen und auch im Verlaufe
der Jahrhunderte gewisse klimatische Veränderungen
vor sich gehen. So ist schon festzustellen, daß in
meiner Jugend z. B. viel mehr Schnee fiel, wie
heute. Im Winter mußte für uns Kinder ganz oft
ein Fußweg geschleift werden, daß wir zur Schule
kommen konnten. Zur Säuberung der Landstraßen
hatte man noch Schneepflüge. Auf jedem Hof
befand sich natürlich ein Schlitten, welche
jedoch neben den Schneepflügen längst verfallen
sind, da seit ungefähr 40 Jahren kein lohnender
Schnee mehr gefallen ist.
   Im folgenden soll nun von solchen abnormen
Witterungserscheinungen die Rede sein, welche durch ihre

2.)
Wucht schicksalhaft in das Leben unserer Vorväter
eingriffen.
   Der Winter 1423/24 war derart kalt, daß die
Ostsee zufror. Das Jahr 1443 brachte ein Hungerjahr,
weil in dem kalten Sommer wenig gewachsen war.
Auch der folgende Winter war sehr kalt und scheereich und
so wenig Futter vorhanden, daß vielfach Rinder ge-
tötet wurden und man genötigt war, Stroh von
den Dächern zu verfüttern. Im Winter 1607/08 war
ganz Europa mit Spanien und Italien von einer
eisigen Schneedeckte zugedeckt und in Danzig
konnte man noch am 15. Mai Schlittschuh laufen.
    Auch das Jahr 1709 muß sehr kalt
gewesen sein, denn eine Inschrift an dem
Hause Beestemöller in Beesten meldet
uns, daß in dem Jahre das Holz verfroren
sei und aus diesem Grunde das Haus
gebaut wurde. Auch in Dreyerwalde
soll sich an einem Bauernhause eine
solche Inschrift befinden.
Der kälteste und längste Winter wird in Deutschland
wohl das Jahr der Thronbesteigung Friedrich des Großen
gewesen sein. Vom 24. Oktober 1739 bis 13. Juni 1740 herrsch-
te Frost. In Berlin sollen -65° C gewesen sein,
die Havel war noch im April fest zugefroren und
die Weinkultur Brandenburgs wurde für immer
vernichtet. Das Jahr 1826 war so kalt und naß,
daß das Korn nicht reif wurde. Es mußte vorjähriger
Roggen gesät werden; Menschen und Tiere aber hun-
gerten sich durch. Die als nahrhaft angesehene Quecke
soll man getrocknet, geschnitten und geschrotet im
Brot verbacken haben. Im Jahre 1866 zog über
Neuenkirchen ein so schweres Hagelwetter, daß
neben Zerstörung der Frucht die Grenzen der Ackerstücke verwischt wurden.

3.)
In der Erinnerung alter Leute steht noch der
Winter von 1890/91, der auch verhältnismäßig
streng war. Der November brachte eine große
Regenmenge, worauf das Wetter plötzlich um-
schlug und starken Frost brachte, welcher vom
25. November bis in den März hinein ununterbrochen
anhielt.
   Demgegenüber wird aber auch andererseits
von sehr milden Wintern berichtet. Im Jahre 1301
belaubten sich im Januar die Bäume. Im Jahr 1303
waren Rhein, Donau und Seine zu Fuß passier-
bar.
   Im Jahr 1603
   ging fast alles
   Vieh an Wasser-
   mangel zugrunde.
In den Jahren 1624 und 1720 blühten fast den
ganzen Winter die Kirschbäume. 1822/23 herschte
in ganz Europa ein so milder Winter, daß es
auch in Sibirien nur regnete, statt zu scheien.
Von Juni 1838 bis Sept. 1839 fiel in Süddeutschland
kein Tropfen Regen und auch in unserer Gegend sehr
wenig. Noch in meiner Jugend wurde über dieses
Jahr oft geredet. Alle kleinen Wassermühlen in
der Gegend waren trocken. Es war aber auch kein
Wind vorhanden, so daß auch die Windmühlen nicht
arbeiten konnten. Nur die Emsmühle in Rheine
hatte noch Wasser und arbeitete Tag und Nacht.
Von weitem kamen die Fuhren und mußten oft
tagelang auf Abfertigung warten. Es sind jetzt

4.)
rund 100 Jahre her, aber ein Wort der Mahl-
knechte geht noch immer im Volke. Wenn
jemand fragte, wann sein Mehl wohl fertig
wäre, war stehs die Antwort: "Ja, wie willt
äs seihn, watt et giff." "Dann meinten
sie das Trinkgeld," ergänzten die Bauern. Wer
nicht opferte, mußte lange warten und leicht flossen
den Müllern die harten Taler zu. Damit ver-
stießen sie allerdings gegen ein altes Recht,
welches heißt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Doch wer wollte bei diesem Betrieb eine Kon-
trolle ausüben und jeder war froh, wenn er
noch einigermaßen wieder nach Hause kam. Im
heutigen Zeitalter der Technik sind wir auf die
einfachen Naturkräfte nicht mehr so angewiesen,
da Dampfmaschinen, Gas-, Benzol- und Elektro-
motoren hauptsächlich als Kraftlieferanten
dienen.
   Das Wetter aber ist und bleibt der Haupt-
faktor für die Jahresarbeit der Bauern. Mit der
gleichen Sorge und Berechnung der Vorfahren muß
er den Kampf mit den Elementen weiter führen,
aber auch das Gespenst der Abnormität oder gar
der Klimaveränderung wird niemals von der
Erde weichen.


Amerikafahrer

Einige Bilder, Texte in roter Schrift und Links in blauer Schrift sind angefügt von:
Karl Klemens Hovekamp (5. August 2014), (23. November 2016), (5. Dezember 2016), (6. Februar 2023), (5. Januar 2025)