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Überarbeitete und ergänzte Auszüge aus dem Buch:

Zum Geleite.
Schon seit jungen Jahren war es mir eine Freude, von meinem seligen Vater etwas von den Vorfahren zu hören, von ihren Familienverhältnissen, von den Zeitumständen und von Allem, was ihr Dasein erfüllte.
Und man muß sagen, ziemlich viel hatten alte Leute im Kopfe von ihrer Sippe. Weitläufig kannten sie alle Verwandten und ihre Beziehungen bis zu Urgroßvätertagen. Fast ebenso gut wußten sie auch dieses von den Nachbarn und noch anderen bodenständigen Familien. Ihr Geist und ihr Tun war noch nicht belastet mit der Unrast unserer Zeit Ausgebreitet lagen vor ihren Augen die Schicksale vieler Menschen und Sippen, und getreulich berichteten sie ihren Nachkommen die Lehre von allem Tun und Geschehen.
In unserer Zeit jedoch ist das gesprochene Wort verdrängt durch das gedruckte oder geschriebene. Am dämmerigen Herdfeuer vergangener Zeiten konnte nur die Sprache der Unterhaltung und Belehrung dienen. Heute im elektrischen Bogenlicht hat jeder ein Buch oder Blatt, um daraus sein Wissen zu schöpfen.
Es ist deshalb an der Zeit, daß alte Geschichten und Überlieferungen in Buch und Schriftwerk flüchten, um der Nachwelt erhalten zu bleiben. Standen wir doch vor dem Umbruch von 1933 schon im Begriff, alle Beziehungen zu den Altvordern zu verlieren.Da brachte diese geschichtliche Wende dem Volke wie dem einzelnen Menschen die Frage nach "Woher?" und "Wohin?" Die Erkenntnis brach sich durch, daß wir und unsere Zeit nur gewachsen sind aus den Werken und dem Erleben der Ahnen, deren Wirkung und Niederschlag wir still im Blute weiter tragen. Nun wurde auch jeder gehalten, den Nachweis der Vorfahren zu erbringen. Die Erforschung der Vererbung von geistigen und körperlichen Eigenschaften, gesunder oder krankhafter Veranlagungen gehen damit Hand in Hand.
All dieses war mir willkommene Veranlassung, dem immer im Herzen getragenen Wunsch nach Erforschung des Lebens der Vorfahren und der Geschichte des Hofes nachzugehen. Die Gelegenheiten sind allerdings für einen praktischen Bauern nicht gar zu günstig, doch haben jahrelange in Liebe und Geduld zwischendurch betriebene Arbeiten und Forschungen ein größeres Ergebnis gezeitigt, als ich vorher zu hoffen wagte. Das Wichtigste schien mir dabei nicht die Feststellung, ob ein Ahn vielleicht im Frühjahr oder Herbst geboren sei, sondern ihre Lebensverhältnisse, Schicksale und Zeitumstände festzulegen. Denn nur an diesen Merkmalen kann man den Wert ihrer Arbeit, ihres Lebenswirkens und Erfolges erkennen und würdigen.
So widme ich denn meinen Kindern und deren erhofften Nachkommen die vorliegende Arbeit und hoffe, daß sie die Bilder vergangener Tage mit der Liebe und in dem Geiste in sich aufnehmen mögen, womit sie zusammengestellt wurden.
Mögen sie lernen Treue und Pflichterfüllung von denen, die in schweren Zeiten und ungünstigen Umständen ihr Dasein verbrachten.
Mögen sie schöpfen den Willen zu verantwortungsvoller Arbeit in Beruf und Leben, für Familie und Volk, für Gott und die Welt.
So wollen wir uns versenken in ein halbes Jahrtausend Geschichte von Familie und Hof, uns neu beseelen mit altem Geist und altem Willen, die in die neue Zeit hineinzutragen, uns heiligstes Vermächtnis sei.
Neuenkirchen, den 29. Januar 1938,
am Tage der Vollendung des 50 Lebensjahres.
Karl Hovekamp
Q u e l l e n a n g a b e
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1 Überliefertes, Briefe, Erzähltes und Geschautes.
2 Städtisches Archiv in Rheine: Urkunden und Rechnungsbücher des alten Hospitals zum hl. Geist.
3 Archiv des Schlosses Bentlage: Rechnungsbücher.
4 Grund-Akten über Hovekamps Colonat (Amtsgericht Rheine.)
5 Kirchenbücher des Pfarramtes Rheine.
6 Heinrich Vollmer: Stadt und Amt Rheine.
7 Führer: Geschichte der Stadt Rheine.
8 Josef Röcken: Die Armenanstalten der Stadt Rheine bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts.
9 Grosfeld: Beiträge zur Geschichte der Pfarrei und Stadt Rheine.
10 Engelbert Frhr v.Kerkerinck zur Borg: Beiträge zur Geschichte des westfälischen Bauernstandes.
11 Röchel: Münstersche Chroniken.
Anmerkung
Es sei bemerkt, daß in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht alle Quellen ausgeschöpft, werden konnten. Insbesondere dürften die Protokolle und auch die einzelnen Rechnungsbücher des alten Hospitals zum hl. Geist noch manchen interessanten Aufschluß geben. So kann ich vielleicht selber oder ein Nachfolger die gewonnenen Einblicke noch erheblich verbessern. Das ist mein sehnlicher Wunsch.
Der Verfasser
InhaltsverzeichnisAllgemeinesFamilienkundliches
Der Name Hovekamp
Vornamen
JahreHauenhorst
1526 1657 1693 1731 1755 1806 1840 1885 1922
Das älteste erhaltene bekannte schriftliche Dokument über die Familie Hovekamp
ist eine Hofübertragungsurkunde aus dem Jahre 1526.
(Das Original befindet sich im Stadtarchiv Rheine, II 88)

Wörtliche Übersetzung. (soweit möglich.)
Zu wissen, daß auf Tag datum diese Note (Urkunde) ist gemacht und getätigt eine
Scheidung (Auseinandersetzung, Schichtung) vermittelst den Freunden hier nachbeschrieben, also daß Gert zum Havekampe, der alte,
hat übergelassen seinem Sohne Gerd sein Haus mit allem Zubehör als Pferde, Kühen
und andere Habe und auch mit aller Gerätschaft welche zu dieser Zeit darin war mit sonstigem
Unterschied und Vorbehalt, daß der Vater Have Gerdt soll behalten das halbe Haus
zu seinem Besten und Notbedarf, indem daß sie sich friedsam vertragen können in dem-
selben Haus. (In dem Falle,) daß sich das nicht so verläuft, so soll Gert der Sohn ausräumen dasselbe
Haus und mit aller Willen dem Vater wieder überlassen, und Gert der Sohn soll
ein Haus zimmern auf Friedrichs Grunde wie er dies jetzt in Gewinn und Be-
sitz hat von gemeldetem Herrn Friederich. Und bei dem Zimmern soll ihm helfen Herr Frierderich
und auch die Mutter ton Sturlo oder ihre Kinder und der Vater Have Gert, ein jeder
nach seiner Macht, und soll das Haus fertigstellen hier nächst in einem halben Jahr. Auch
ist getätigt (abgemacht) vermittelst diesen selben Freunden, daß Gert der Sohn oder
der junge Havekamp soll geben seiner Schwester Geysen aus dem Hause und Gut, (welches) ihm der
Vater (allsonst) übergelassen hat, zu 3 guten und sechs Goldgulden, wann den Freunden
dies dünket geraten. Und auch Gert der Vater soll behalten und Gebrauchen die drei
Kämpe zu seinem Besten sein Leben lang, als dieses Gerdes (des) Vaters versiegelt ist von den
Provisoren des Heiligen Geistes. Auf des jungen Kampes Seite und seiner Frauen Seite
Gert tor Lynden und Hermann Rolefes zu Stade. Auf des Vaters, des alten Kampes Seite
Johann von Schapen, ferner Johann Plucht, Hinrik Hase, ferner Albert Boker. Datum anno
1526.
Sinngemäße Übersetzung.
Man möge wissen, daß am Tage der Ausstellung dieser Urkunde eine Schichtung aufgerichtet worden ist unter Mitwirkung der untenbezeichneten Freunde, daß nämlich der alte Gert zum Havekamp seinem Sohne Gert sein Haus mit aller zubehörrung wie Pferden, Kühen und anderer Habe und aller Gerätschaft, die zu dieser Zeit darin sich findet, überlassen hat, jedoch mit dem Untetschied und Vorbehalt,' daß der Vater Havekamp zu seinem Besten und seiner' Notdurft das halbe Haus behalten soll; sie sollen sich in demselben Hause friedlich vertragen. Sollte das nicht eintreten, so soll der Sohn Gert das Haus räumen und dem Vater wieder überlassen. Dann soll Gert der Sohn ein Haus zimmern auf dem Grunde des Herrn Friedrich, den er zur Zeit von dem Herrn Friedrich unterhat. Bei dem Bau soll ihm helfen Herr Friedrich und die Mutter ton Sturlo oder deren Kinder und auch der Vater Have Gert, jeder nach seinen Kräften, und es soll das Haus innerhalb eines halben Jahres fertig sein. Es ist ferner ausgemacht, daß der Sohn Gert oder der junge Havekamp seiner Schwester Geyse aus dem Hause und Gute, das ihm der Vater überlassen hat, zu 3 guten (?) und 6 Gold-gulden geben soll, wann es den Freunden gut scheint. Auch soll Gert der Vater zu seinem Besten 3 Kämpe behalten auf Lebenszeit wie das Gerts Vater versiegelt ist von den Provisoren ( Vorstehern, Verwaltern) des Hospitals zum hl. Geiste. Zeugen auf seiten des jungen Kampes und seiner Frau waren Gert zur Linde und Hermann Roleves zu Stade (?); auf des Vaters Seite Johann von Schapen. ferner Johan Plucht, Heinrich Hase, ferner Albert Boker. Gegeben im Jahre 1526.
Namenkunde
1. Allgemeines
Ein nicht unwichtiges Merkmal des Menschen ist sein Name. Der Familienname ist ihm schon bei der Geburt erblich beigegeben, zu welchem er noch einen oder mehrere Vornamen erhält.
Nicht immer war es so.
In alter Zeit kannte man nur einen persönlichen Namen zur Kennzeichnung des Menschen, und bei den einfachen Verhältnissen kam man auch gut damit aus. Als jedoch späterhin, etwa um die Wende des 10. Jahrhunderts, durch zunehmenden wirtschaftlichen Verkehr eine genauere Unterscheidung nötig wurde, fügte man dem Personennamen weitere Namen bei und zwar nach Lage von Wohnung oder Gehöft, nach Herkunft, Beruf oder sonstigen besonderen Merkmalen.
Erst um die Wende des 15. Jahrhunderts begann man, dem Namen eine feststehende rechtliche Form zu geben. Alteingesessene Adelsgeschlechter fügten allerdings schon sehr früh ihrem Vornamen den Namen der Burg oder der Besitzung bei.
Um 1812 wurden auch die Juden gezwungen, Familiennamen anzunehmen. Sie taten dies meist in blumiger, orientalisch anklingender Weise, z.B. Lilienfeld, Liliental, Rosenberg, Goldstein usw. Auch Tiernamen wie Bär, Wolf, Hirsch, Strauß und andere fanden Verwendung.
Die alten Bauernnamen erscheinen dem gegenüber meist aus dem Boden gewachsen zu sein. Doch sind auch solche, welche durch eine Tätigkeit entstanden sind, nicht selten, wie z.B. Burrichter, Richter, Holtgräwe und andere. Auch finden wir Eigenschaftsnamen, wie Grautmann, Grotegerd, Lütkemeyer usw. Doch ist nicht gesagt, daß die Eigenschaften richtig bezeichnet wurden, denn der Volksmund liebte es häufig, die Bezeichnungen umgekehrt anzubringen.
2. Der Name Hovekamp
Der Name tritt uns zuerst als Havekamp entgegen und zwar in einer Markenrolle vom Jahre 1469 Dort heißt es:
In Hauenhorst Morian hues, nunc Havekamp
Die Liste der Markengenossen wurde von Heinrich Vollmer in seiner Schrift "Stadt und Amt Rheine" in Druck gegeben, während das Original verloren ist.
Die Bedeutung des Wortes Have (= Hove) ist nach Vergleichen (z.B. Dr. F. Philippi, Landrechte des Münsterlandes) wie hof, hoff, hove, auch wonstedde oder erve. Die Endung kamp bedeutet ein eingehegtes Stück Feld, worin der Hof lag und welcher Kamp das Typische des Erbes war.
Daß es zu dieser Zeit noch keine feststehenden Namen gab, ersehen wir aus der ältesten vorliegenden Urkunde aus dem Jahre 1526, wo der alte" Gert ton Have kampe" seinem Sohne Gerd durch eine "schedinge" (Scheidung, Übertrag) das Erbe überläßt. Wir finden in demselben Schriftstück weiter die Bezeichnungen: "vader Have Gert", "de olde Kampe", für den Sohn. "de junge Havekamp" und auch "de junge Kampe".
Zwei Jahre vorher finden wir den Vater eingetragen in der Hebeliste des "Alten Hospitals" als "Havegert", pflichtig mit 3 Maltern Korn.
Schon seit Jahrhunderter ist der Name jedoch unverändert Hovekamp. Es scheint, daß der Name in Deutschland einzig ist, da ich ihn ein zweites Mal noch nicht gefunden habe. Die früher abheiratenden Söhne nahmen ja den Hofesnamen an und sonstige Selbständigmachungen scheinen nicht erfolgt zu sein, mit Ausnahme von Auswanderungen nach Amerika, wo der Name größere Verbreitung gefunden hat.3. Vornamen.
Um auch etwas von den Vornamen zu sagen, so waren in meiner Jugend noch vereinzelt Doppelnamen üblich während dies vorher fast die Regel war, z.B. Janbänd, Janhinnerk, Bändhärm, Jandirk (dirk = Theodor), Jangerd, Gerdhinnerk usw.
Weibliche Vornamen waren dann Miktrin (Maria Katharina), Antrin, Annemarie, jedoch auch Mike, Trine, Stine, Sette oder Settken (= Elisabeth), Siska, Sophie usw.
Die Rufnamen meiner Eltern waren stets "Riks" (= Heinrich) und "Lisa" (= Elisabeth).
Familienkundliches
Die ältesten Nachrichten vermitteln uns sehr wenig über die Familien selbst. Aus den Zehntregistern und ähnlichen Quellen erfahren wir wohl den Namen des zeitigen Besitzers, aber nichts über seinen Familienstand. Mehr Klarheit haben wir erst seit Einführung der Kirchenbücher welche im 17.jahrhundert, in Rheine 1613 angelegt wurden.
Über unsere Familie liegt nun noch die alte Übertragungsurgunde aus dem Jahre 1526 vor, aus welcher zu entnehmen ist, daß der Überlasser, der alte Gert ton Havekampe zwei Kinder hatte, den jungen Gerd und dessen Schwester Geyse. Weiter ersehen wir, daß eine junge Frau vorhanden war und können als sicher annehmen, daß sie eine Tochter der in der Urkunde erwähnten "moder ton Sturlo" war. Dieser Name betraf einen Hof in Brochtrup, dessen Name sich später in Störmann wandelte. Er ist im Besitze des Bauern Gerhard Schulze Werning in Dutum bei Rheine, dessen Mutter, eine Störmanns Tochter, den Hof mit in die Ehe brachte. Heute ist derselbe verpachtet.
Die nächsten Nachrichten über Familienvorgänge finden wir in den Kirchenbüchern vom Jahre 1627 ab. Von dem damaligen Bauern Hinrich Hovekamp, dessen Ehefrau nicht benannt ist, stellte ich folgende Kinder im Taufbuch fest:
1. Tochter Enneke 1627
2. " Judith 1630
3. Sohn Hermany 1632 (Hoferbe)
4. " Johannes 1633
5. " Lucas 1635
6. Tochter Gertrudis 1636
Von dem Nachfolger Hermann Hovekamp stellte ich in demselben Taufbuch folgende Kinder fest.
1. Tochter Anna 1660
2 " Gertrudis 1661
5 " Gertrudis 1666
4 " Katharina. 1667
Bei der ersten Tochter Anna ist als Vater Joan Hovekamp benannt, welcher aber zweifellos derselbe ist. Daß zwei Töchter denselben Vornamen erhieIten, läßt noch nicht darauf schließen, daß die eine inzwischen verstorben war. Wohl habe ich aber öfter festgestellt, daß der Rufname vom Taufname abweichend war. Trotz eifrigen Suchens ist es mir nicht gelungen, die Taufdaten der Söhne Hermann (1664?) und Bernt festzustellen, welch letzterer bei der folgenden Generation als Taufpate erscheint, während Hermann Hoferbe wurde.
Dieser nachfolgende Hermann Hovekamp vermählte sich am 26.11.1693 mit Anna Keus. An dieser Heirat fällt auf, daß als Trauzeugen der custode et subcustode (= Küster und Unterküster) verzeichnet sind. Vielleicht erfolgte die Heirat gegen den Willen der Angehörigen, da anscheinend viele Geschwister zu Hause waren, welche bei den späteren Kindstaufen als Paten in Erscheinung treten. Im Taufbuch wurden folgende Kinder von mir festgestellt:
1. Bernardus, getauft 14. Juni 1695
2. Katharina, " dom 17. trinit. 1696
3. Hermany, " 25. Novbr. 1697 (Hoferbe)
4. Anna, " 13. März 1701
5. Katharina, " 19. August 1702
Da verschiedene Taufpaten der Familie Keus aus "nienkirchen" benannt sind, ergibt sich, daß die Ehefrau von dem Hofe Keus in Neuenkirchen stammt, welcher Hof seit ungefähr 30 Jahren nach dem jetzigen Besitzer Drerup heißt. Bei der Taufe der beiden letzten Kinder ist auch die Mutter benannt und zwar als Jenne Keus. Die Taufpatin Anna Hovekamp ist dort ebenfalls als Jenne benannt, was uns die allgemeine Rufform dieses Namens bekundet.
Den ältesten Sohn Bernard finden wir später noch wieder in der Klageschrift Ludowici ./. Hovekamp unter Nr.5, wovon sich eine Abschrift im nächsten Kapitel befindet. Der Sohn Hermann erscheint jedoch als nachfolgender Bauer. Er wurde am 26.9.1731 mit Margaretha Niemeyer getraut, welche bei ihrem Tode im Dezember 1744 ebenfalls als Margaretha Niemeyer genanndt Hovekamp verzeichnet. Bei der Geburt der einzigen Tochter Maria am 4.5.1734 steht sie als Mary Hümmeldorf benannt. Entweder waren für ihr Elternhaus 2 Namen in Gebrauch oder der Pastor machte aus dem Gedächtnis später eine falsche Eintragung. Hermann Hovekamp starb am 15.4.1762. Das vorbenannte Kind Maria Hovekamp war nun Hoferbin oder "Piggenbrut". Sie heiratete schon mit 21 Jahren den Gerard Frohues vom gleichnamigen Hof in Hauenhorst, welcher knapp 25 Jahre alt war. Bei der Geburt des ersten Kindes heißt er noch Frohues gnt. Hovekamp, später nur noch Hovekamp. (Das Erbe Frohues hieß in alter Zeit Frouwen hues, 1561 Frohues, neuerdings Deupmann)
An Kindern stellte ich folgende fest.
1. Gerhard Hermann) geb. 16.4.1761,gest.3l.7.1844 (Öhm)
2. Adelheid, " (1762?) " 8.11.1837 (unverehelicht)
3. Henrich Joan, " 24.3.1764, " 24.1.1848 (= Joan Hinrich, Hoferbe)
4. Joan Gerhard, " 6.11.1767
5. Gerhard Everhard, " 10.3.1771, " 29.7.1773
6. Joan Hermann, " 16.?.1774
7. Johann Bernard, " 6.9.1779 " 24.10.1821 (bei Vennemann)
8. Gertrud, " ? " ? .11.1831 (= Frau Forstmann, Bentlage)
Bei dem 3. Kind haben wir wieder den Fall, daß es später anders benannt wurde, als bei der Taufe; mochte man nun die Taufnamen vergessen haben, oder aus einem anderen Grunde. Übrigens sind die Fälle auch heute gar nicht so selten, daß jemand anders gerufen wird, als in seinen Papieren steht.
Der Verbleib der Kinder ist bei den älteren Generationen natürlich schwer festzustellen. Ausser einigen Frühverstorbenen und wenigen Abgeheirateten blieben sie vielfach als Öhm oder Tante zu Hause.
Von den rückwärtigen Generationen stellte ich aus den Kirchenbüchern fest, daß Jenne Hovekamp am 16.5.17o6 einen Segger heiratete. Dieses muß die 1660 geborene Anna sein, war also bei der Heirat 46 Jahre alt und wurde wahrscheinlich zweite Frau.
Im Jahre 1768 starb in Hauenhorst Elisabeth Hovekamp genannt Lüken, also Frau Lüken. Dieses war eine Tochter des Hermann Hovekamp mit Anna Keus und zwar jedenfalls die älteste von den beiden Katharinas. Auch hier liegt eine Namenänderung vor und man hat sie jedenfalls von vornherein Elisabeth genannt. In meiner Jugend wurde auch noch stets erzählt, daß früher eine Hovekamps Tochter nach Lüken gekommen sei. (Der Hof heißt heute Merker und in alter Zeit: Schwartenhues)
Bei den Kindern von Gerhard Frohues (= Hovekamp) und Maria Hovekamp habe ich deren späteren Verbleib schon in etwa angedeutet. Man ersieht daraus, daß der älteste Sohn Gerhard das Erbe nicht angetreten hat, sondern im Alter von 84 Jahren als "Öhm" starb. Die Tochter Adelheid blieb ebenfalls unverehelicht. Beim Tode wurde ihr Alter mit 75 Jahren angegeben, wonach sie 1762 geboren wäre, während ich sie im Taufbuch nicht feststellte.
Das dritte Kind, Joan Gerhard, den man Johann Hinrich
nannte, wurde Hoferbe. Vom 4. und 6. Kind habe ich den Verbleib
nicht festgestellt, während das 5. Kind im Alter von
2 Jahren und 4 1/2 Monaten starb. Das 7. Kind, Johann Bernard,
heiratete sich am 9.11.1806 auf ein kleines Erbe ein, nämlich
Vennemann (Vinnemann) in Hauenhorst. Er starb schon am
24.10.1821 im Alter von 42 Jahren und hinterließ die Frau
und 2 minor. Kinder. Sein Nachfolger wurde ein Lütkemeyer,
dessen Namen heute der Hof führt. Das 8. Kind, Gertrud, dessen
Geburtsdatum ich nicht feststellte, starb im November 1831
als Frau des Zellers Bernd Hendrich Forstmann in Bentlage
bei Rheine. Die Tatsache dieser Abheirat wurde ebenfalls in
der Familie öfter erwähnt.
Der Hoferbe Joan Heinrich Hovekamp heiratete am 9.2.1806
die Tochter Adelheid des Bauern Georg Borchert in Rodde und
hatte mit ihr folgende Kinder:
1. Gerard Henerich, geb. 23.3.1807,gest.26.11.1807
(Nachtrag) Joan Gerhard, geb. 3.9.18083. Bernhard, " 13.7.1813, " 24. 9.1902 ( Hoferbe)
4. Josef, " 1.1.1816, " 6. 4.1876 ( Amerika)
5. Gertrud, " 21.6.1818, " 12. 5.1904 (= Frau Kleinhölter, Salzbergen)
6. Theodor, " 5.1.1823, " 4.1.1884 ( Öhm)
(Nachtrag) Bernhard Johann, geb. 11.7.1836
Das das erste Kind nur 3 Monate alt wurde, hängt vielleicht mit den Kriegsnöten dieser Unglücksjahre zusammen, wo der Hunger stark regierte. Die Kinder Adelheid und Josef wanderten später nach Amerika aus. Die Tochter Gertrud heiratete den Bauer Kleinhölter in Salzbergen, Bauerschaft Bexten. Sie starb erst 1904 im Alter von 86 Jahren. Es wird überliefert, daß die Erbfamilie Hovekamp in einer weit zurückliegenden Zeit keine Verwandten mehr gehabt hätte. Ich nehme an, daß dies in oder nach dem 30jährigen Kriege gewesen ist, weil später durch Patenschaften und dergl. genügend Verwandte in Erscheinung treten. In dieser Zeit hätten sie nur mit der Familie Kleinhölter in Salzbergen Freundschaft gehalten, welche Beziehungen dann später durch diese Heirat eine familiäre Besiegelung fanden. Der letzte Sohn Theodor blieb als "Öhm" auf dem Hofe und es sei seiner in besonderen Ehren gedacht, weil er selbstlos nur dem Wohle des Erbes lebte und diente.
Bernard Hovekamp im Alter von 85 Jahren.
Der Hoferbe Bernard Hovekamp führte dann im Jahre 1840 die Tochter Anna Katharina des Bauern Heinrich Möllers in Riesenbeck zum Altare und gründete damit eine neue Generation. Folgende Kinder entsprossen der Ehe:
1. Heinrich, geb.26.4.1843, gest 29.11.1913 (Hoferbe)
2. Theodor, " 1.2.1845, " ca. 1927 (in Amerika)
3. Katharina, " 23.12.1846, " 17. 7.1914 (Frau Hermann Backmann, Wadelheim)
4. Anna, " 9.10.1848, " 26. 3.1882 (1. Frau Covermann Brochterbeck)
5. Gertrud, " 17.11.1850, " 27.11.1888 (Frau Kappenberg, Rheine)
6. Bernard, " 2. 7.1852, " 1922 (in Amerika)
7. Klara, " 7. 4.1854, " 11. 1.1927 (2. Frau Covermann Brochterbeck)
8. Gerhard, " 13.11.1857, " 14. 1.1929 (Öhm im Hause)
9. Jos. Andreas " 2. 5.1860, " 22. 2.1861 (Masern)
10. Bern. August " 9. 8.1863 nach 1882 (ertrunken in der Ems)
Von den Söhnen blieb Heinrich als Anerbe auf dem Hofe, Theodor und Bernard wanderten aus nach Amerika, Gerhard blieb als "Öhm" zu Hause, während Jos. Andreas als Kind an den Masern starb. Das Todesdatum von Bern. August konnte ich nicht ermitteln. Bei seiner Mutter Tod am 2.12.1882 lebte er noch. Soviel mir bekannt ist, ertrank er in der Ems.
Von den 4 Töchtern heiratete Katharina, die äIteste, den Bauer Hermann Backmann in Wadelheim, zu dessen Erbe auch ein Kalkofen gehörte. Ihre 3 Söhne wurden nicht alt, obschon sie kerngesund waren. Der bei den Kalkbrennern beliebte Schnaps forderte, wie auch schon an anderer Stelle erwähnt, in jener Zeit manches Opfer. Durch Versterben und Wiederheirat der Frau gelangte der Hof in fremde Hände und wurde schließlich an eine Familie Pohlmann verkauft. Von den beiden Töchtern wurde Mina Frau Schulze Lohoff in Metelen und Johanna Frau Anton Deitmar in Neuenkirchen.
Die 2. Tochter aus dem Hause Hovekamp, Anna, heiratete im Jahre 1877 den Bauer Karl Covermann in Brochterbeck, starb aber nach wenigen Jahren (1882) an den Folgen einer geringen Kopfverletzung im Krankenhaus zu Rheine. Klara, ihre jüngste Schwester, wurde im Jahre 1885 Nachfolgerin auf Covermanns Hof. Die erste Ehe war mit einer Tochter, die zweite mit einem Sohn und einer Tochter gesegnet.
Inzwischen hatte die 3. Tochter Gertrud, den Lehrer Kappenberg in Rheine geheiratet, einen geachteten Mann der alten Schule von echtem Schrot und Korn. Drei Töchter schenkte sie ihm, worauf sie bald von seiner Seite mußte. Er heiratete wieder und bald darauf segnete er selbst das Zeitliche. Die Witwe schlug sich aber mit ihren 3 Stiefkindern brav durchs Leben. Anne wurde die Frau des Lehrers Dorgeist, Amalie Frau Studienrat Mertens und Gertrud wirkt als Lehrerin.
Auf den Erbhof zog am 16. Mai 1885 Elisabeth, die Tochter des Bauern Bögel in Laggenbeck als junge Bäuerin.
Bauer Heinrich Hovekamp
Bauer Heinrich Hovekamp, mein Vater, hatte mit ihr folgende Kinder:
1. Bernard, geb. 11.7.1886, gest. 10.2.1909 (stud. phil.)
2. Karl, " 29.1.1888,(jetziger Bauer und hier Berichtender), gest. 22.9.1941
3. Anna, " 31.1.1891, " 27.1.1922
4. Heinrich, " 9.8.1893, (jetzt Bauer in Riesenbeck), gest. 5.1.1970
Kurz war das Glück der Eltern. Mit 22 Jahren war die Mutter dem um 20 Jahre älteren Vater als Gattin gefolgt. Nach achtjähriger Ehe mußte sie bei der Geburt des 4, Kindes ihr Leben lassen. Ich war damals 5 Jahre alt und kann mir die Vielvermißte nur schwach vorstellen. Das Bild des Totenlagers jedoch, zu dem man uns Kinder führte, weicht nicht aus meiner Erinnerung. Der kleine Bruder kam zur "Tante Klara" nach Brochterbeck, wo er die ersten Lebensjahre verbrachte.
Da unser Vater ohne Hausfrau schlecht durchzukommen wußte, fand er in der 40 Jahre alten Maria Bertling aus Salzbergen am 10.2.1895 eine neue Ehegenossin. Sie wurde ein Kreuz für ihn und die Familie. Hauswirtschaftliche Kenntnisse hatte sie keine. Zu Hause hatte ihre Schwester stets gekocht, wo sie sich im Garten und auf dem Felde beschäftigt hatte. Sie wollte es zunächst auch nicht, lernte es dann aber notdürftig von den Mägden. Unbeugsam war ihr Eigensinn und stets war sie zu Zank und Streit aufgelegt. Ein ganzes Buch ließe sich darüber schreiben, doch ihre Ausdrucksweise ist gar nicht wiederzugeben. Man kann nicht anders sagen, als daß sie eine schwere Prüfung war. Keinem Menschen tat sie irgend etwas zuliebe. Keinem gönnte sie etwas Gutes und sich selbst auch nicht. Nun ruht sie längst im Grabe und dieser Bericht soll selbstverständlich keine Herabsetzung sein. Denn wenn sich auch Auseinandersetzungen mit ihr nicht vermeiden ließen, so habe ich sie doch im Grunde nur bedauert, daß der Schöpfer ihr eine solche Natur gab, sich und anderen Menschen zum Ärger. Auch habe ich im späteren Leben wohl erfahren, daß glatte und schmeichelnde Menschen auch noch um kein Haar besser waren.
Der ältere Bruder Bernard wurde später zum Studium ausersehen. Das Lernen wurde ihm leicht, fast zu leicht. Er lernte fast nie und seine Kameraden sagten, er könne es immer. Nach meiner Erfahrung macht das Ringen um eine Sache den Menschen bei genügender Strebsamkeit pflichtbewußter und gefestigter in seiner Haltung und Lebensauffassung. So mußte denn folgerichtig hier das Gegenteil der Fall sein.
Bernard Hovekamp als Abiturient
Trotz seiner Begabung brachte der Studiosus unserer Familie wenig Freude. Im 6. Semester seines Hochschulstudiums, 22 Jahre alt, raffte ihn die Schwindsucht dahin.
Familie Heinrich Hovekamp im Jahre 1910
mit der 2. Frau Maria geb. Bertling und den 3 Kindern
aus erster Ehe: Karl, Anna und Heinrich.
Doch noch ein weiteres Opfer forderte später der Tod aus unserer Geschwisterreihe. Während mein Bruder Heinrich und ich in Feindesland den Unbilden und Gefahren der Front ausgesetzt waren und doch gesund nach Hause kamen, zeichnete der Tod auch in der Heimat seine Opfer. Und die Schwester Anna war eine von diesen.
Anna Hovekamp.
Ihr war es beschieden, nur des Lebens Schwere kennen zu lernen. Ernste Arbeit war von Jugend auf ihr Los, welches ihr von der Stiefmutter noch gern verbittert wurde. Übermenschlich war die Last, welche der Krieg 1914 - 18 auf ihre Schultern legte. Wo sonst 4 Männer arbeiteten, stand jetzt nur der alte Onkel Gerhard. Als der Krieg beendet war, war auch ihre Kraft dahin. Im Jahre 1922 deckte sie, knapp 30 Jahre alt, der kühle Rasen.
Der jüngste Bruder Heinrich heiratete sich im Jahre 1927 in Riesenbeck ein. Es war der Hof Mutert, vormals Budde. Die dort wohnende Witwe Maria Mutert geborene Wieker, hatte ein Töchterchen. Nachdem in der neuen Ehe zwei Geburten nicht zu einem glücklichen Ende gelangten, kam dann der kleine Karl, die Hoffnung der Eltern. Doch schon nach ein paar Jährchen setzte eine Gehirnhautentzündung auch diesem Leben ein vorzeitiges Ende.
Als Ergänzung und Abschluß marschiert dann noch die heutige Generation an. Am 26. September 1922 gründete ich mit Elisabeth, der ältesten Tochter des Gast- und Landwirtes Johannes Teupe in Langenhorst, den heutigen Hausstand.
Karl Hovekamp und Frau nach l5 jähriger Ehegemeinschaft
Folgende Kinder stellten sich ein:
1. Alfred. geb. 1. 2.1924, gest. 7.9.1943
2. Maria. " 16. 4.1925, gest. 1.1.2023
3. Karlheinz " 15. 8.1926, gest. 18.6.1969
4. Erika. " 16. 1.1929, gest. 19.8.1981
5. Egon. " 1. 1.1931, gest. 13.6.1974
6. Konrad. " 26.11.1934, gest. 4.6.1990
Das Erbe Hovekamp in Hauenhorst und dessen Verlegung nach Neuenkirchen.
a ) Hauenhorst.
Gelegen war Hovekamps Erbe zwischen Waldhügel und Ems, etwa 4 klm südlich von Rheine in der Bauerschaft Hauenhorst. Mit dieser Stadt waren die dazu gehörigen Bauerschaften mit ihren Erben und Familien schicksalmässig eng verbunden, weil ihre ganze kirchliche, politische und wirtschaftliche Orientierung dahinging. In der Vorzeit gehörte dieses Gebiet zur Heimat der Brukterer. Diese kannten noch keine Städte, die einzeln liegenden Höfe wurden als Wehren bezeichnet, während der Besitzer " Wehrfester" hieß. In unserer Ahnenreihe finden wir diese Bezeichnung letztmalig bei Hermann Hovekamp, welcher in der Erbfolge um 1734 mit seiner Frau Marg. Hümmeldorf benannt ist. Mehrere Wehren bildeten eine Bauerschaft.
Manch fremder Kriegsmann hat diese Vätererde schon bedroht. Nach der Überlieferung des Vaters hatten sich zur Zeit der Kämpfe mit den Römern schon die Führer des Bruktererheeres auf diesem Hofe versammelt, um dann das auf dem Waldhügel lagernde Heer abzuholen und zur Ems zu führen. Bis dort waren die Römer mit ihren Schiffen gekommen und wurden von den Brukterern und einigen andern vernichtend geschlagen und fast alle Schiffe versenkt. Weiter kämpften hier im Laufe der Zeiten Spanier, Schweden und Hessen um die nahe Stadt Rheine, plünderten die Bauern und zwangen sie zu Abgaben und Tributen.
Das älteste nachweisbare Auftreten der Familie Hovekamp
finden wir in einer Markenrolle von 1469, welche von Heinrich
Vollmer bei seinen geschichtlichen Beiträgen in Druck gegeben
wurde. Da, wie an anderer Stelle schon erwähnt, die Original-Markenliste
verloren ist, andererseits aber auch die Vollmer'sche
Schrift "Stadt und Amt Rheine" vergriffen ist, lasse
ich in der vorliegenden Sammlung eine Abschrift der Markengenossen
unter "Holzgerichte" folgen. Ich möchte nämlich dieses
wichtige Zeitdokument, welches uns so wertvolle Einblicke
in die zurückliegenden Gemeinheitsverhältnisse gestattet,
nicht entbehren.
Die ebenfalls in der Namenkunde schon erwähnte nächste
wichtige Urkunde ist der in Fotokopie beigebundene Übertragsvorgang
von 1526. Der Überlasser muß wohl ein Sohn des in der
Markenrolle genannten Havekamp gewesen sein, da er selbst im
Jahre 1469 noch nicht als Besitzer fungieren konnte. Sein Alter
bei der Übertragung kann man erfahrungsgemäß wohl mit
60 - 70 Jahren ansetzen. Ob nun das vorgesehene Haus auf
"Fredericks Grunde" gebaut ist, oder man sich "vredesam verdregen"
hat, wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Die in dem Schriftsatz genannte "moder ton Sturboe" war jedenfalls die Mutter der jungen Frau. Der Name Sturloe änderte sich später in Störmann und betraf einen Hof in Brochtrup.
Wenn es im Schlusse der Urkunde heißt, daß Gerdes Vader sollte behalten und gebrauchen drei Kämpe, wie sie ihm versiegelt waren von den "provisoren des Hilgen Geistes", so müssen wir wissen, daß das Erbe zu dieser Zeit schon eigenbehörig war dem "Alten Hospital zum hl. Geist" in Rheine. Aus diesem Grunde befindet sich auch die erwähnte Original-Urkunde bei den Akten desselben Hospitals in dem Stadtarchiv zu Rheine.
Nachrichten aus den folgenden Jahrhunderten geben uns nur die verschiedenen Rechnungsbücher der Zehntberechtigten und die seit 1613 auf dem Pfarramt geführten Kirchenbücher. Wir ersehen daraus zwar wohl die Weiterführung von Blut und Erbe, doch die Nöte und Schicksale der Zeit müssen wir aus anderen Quellen erfahren.
Im spanisch-holländischen Krieg (1581 - 1608) wurde das damalige Stift Münster oftmals stark in Mitleidenschaft gezogen, Bürger und Bauern ausgeraubt und geplündert. Die Stadt Rheine wurde 1598/99 von den Spaniern besetzt. Ein paar kurze Auszüge aus den "Münsterschen Chroniken" von Röchel mögen ein Licht auf die damaligen Verhältnisse werfen.
In densolbigen martio foll ein hispanischer captein, Emanuel de Vega genandt, midt zwelf fenlin knechten wedder in das stifft Munster und lach darinne drei woche zu Rede in den Emslande, und ist wedder von daer gezogen den lesten marty na Nienkirchen und Wetteringen, und haben umbsicher tzwe mile weges gestroefet und gerovet. Den 8. aprilis ist ehr fur Riene ubergezogen na Eipe und Ochtruppe und also verdan bis das ehr wedder in de twenthe quam. Den 27. aprilis fallen sie wedder in das stifft zu Nienkirchen und Wetteringen und zoegen von daer den ersten may na Wessem und Wullen, und von daer den 4. na Oisterwick; van Oisterwick uf Holdthusen und Laer; darna den 6. na Oldenberge und Greven und quamen folgens alhir faste voer Munster und beroveden die burger sowol als die buren, follen uf den Evinchof und spolierden densolbigen auch, wie gelichfals das leprosenhaus zur Kinderhaus, ja sie namen auch ein gantzs span perde hen fur den bone fur der joddevelder pforten, und dorsten verwegentlich sagen, man solte ihnen einen schincken hangen fur die pforthe und zusehen ob sie den nicht dorsten darlin halen. Den 10. sindt sie midt den rove von Greven wedder affgezogen nach Meitelen und Nienkirchen, von da uf Bueren und haben dassolbige in brandt gestochen und gans ausgebrandt.
Dar mosten auch ihnen die burger, darbei sie lagen in den stedden, alle taghe ein genantes geldt geben, und ihnen solchs alle middage under das zeller, darvon sie essen wolten, leggen, damit sie es dachlix gewis waren. Wan sie solchs darunder nicht funden, droefften sie ihnen in ihren egen hauseren nicht wachten, sunst worden sie gaar ubel von sie getractert, gestodt und geslagen, also das etzliche ihrer groissen tyrannie halben verlieffen, und liessen haus und hof stehen. Derer hauser, so also verlieffen, macheden sie preis, riessen sie nedder, und verbranden das holtzs uf der wacht. Etzlichen armen leuthen, so nicht wol holdt hetten, verbranden sie die bredder von den balken; sie namen auch den hausleuthen allenthalben die besten und fettesten biester af und slachteden die, und was sie darvon nicht friessen konthen, dassolbige saltzeden sie in faesser, und slogen diesolbige zu, und namen es medde do sie uffzoegen.
Unvorstellbar sind uns die Leiden des 3ojährigen Krieges, in welchem die Bevölkerung Deutschlands auf ein Drittel des vorherigen Bestandes zusammenschmolz. Während unsere nähere Heimat in den ersten Jahren verschont blieb, kam der General Tilly nach der Schlacht bei Stadtlohn mit seinem ganzen Heere in die Rheiner Gegend und rastete dort vom 13. bis 19. August 1623. Nach seinem Abzuge war das ganze Land verwüstet und ausgesogen, das Getreide verbraucht oder verdorben, alles Vieh abgeschlachtet und um Rheine "nicht ein Zaunstaken" mehr heil. Von da ab wich die Not nicht mehr aus der Gegend. Hunger und Kummer liessen die Menschen mehr tot als lebend erscheinen, die Pest und andere Krankheiten forderten so grosse Opfer, daß in Rheine ein neuer Friedhof angelegt werden musste. Noch des öfteren wurde um Rheine gekämpft und die Gegend ausgeraubt und geplündert. Während der letzten grossen Schlacht bei Rheine im Jahre 1647 beschossen Schweden und Hessen vom Waldhügel aus die Stadt mit glühenden Kugeln, wodurch fast die ganze Stadt zerstört wurde. 365 Häuser und die Nikolaikirche wurden ein Raub der Flammen. Wenige und arme Menschen ließ der Krieg zurück. Viele Familien starben aus und auch der Nachbarhof Weßling in Hauenhorst soll nach überlieferten Berichten lange Jahre leer gestanden haben bis ein Fremder aufzog. Die Spuren und Erinnerungen dieser grausigen Zeit aber blieben lange im Volke wach.
Ein besonderes Dokoment finden wir dann in einer auch hier beigefügten Abschrift von der im Jahre 1796 aufgestellten Klageschrift in dem Prozeß Gerhard Henrich Ludowici wider den Zellern Gerd Hovekamp, welches folgenden Wortlaut hatte:
Copia
Wolgeborener Hochgelerter
Hochgebietender Herr Richter
Anwald des hiesigen Bürgern Gerhard Henrich Ludowici der sich für seine Person durch die hierbey präsentirte Vollmacht Legitimirt, sieht sich genötigt wider den Zellern Gerhard Hovekamp Kirspels Rheine bauerschafts Hauenhorst eigenhorig ans alte Hospital zu Rheine zur Klage zu schreiten, und stellet zu dem Ende folgende Geschichte als wahr auf,
1. Vermöge des hierbey präsentirten Notarial Documents
sub A, hat unterm 25ten July 1729 der Wehrfester Herman
Hovekamp zu Hauenhorst Kirspels Rheine vom Notarius
Christian Bernard Ludovici (Anwalds Ppalens Großvater)
die Summe von 30 rt in gutem silbernen Markgelde leihentlich
aufgenommen.
2. Derselbe hat dieses Kapital jährlichs mit 1 1/2 rt zu
verzinsen, und
3. dieses Kapital in Vorgang eines Vierteljahrs Loskündigung bey Verband seiner Haab und Güter wieder abzubezalen versprochen.
4. Die Zinsen von diesem Kapital betragen vom 25 July 1729 bis 25 July 1796 S.E.C. 100 rt 14 ßli.
5. Vermöge des hierbei prosentirten Notarial Documents sub B, ist Bernard Hovekamp ältester Sohn auf Hovekamps Stätte zu Hauenhorst unterm l9ten September 1726 dem Notarius Christian Bernard Ludovici ex Mutuo und sonsten Liquido schuldig geworden die Summe von 20 rt.
6. Der Bernard Hovekamp hat dieses Kapital gebührend zu verzinsen, und
7. daßelbe in Vorgang eines Viertel Jahrs loskündigung
bey Verpfändung seiner gegenwärtigen und künftigen Güter
wieder zu bezahlen versprochen,
8. die gebürlichen Zinsen von diesem Kapital zu 5 procente
betragen vom l9ten Sept 1726 bis den l9ten Sept 1796 S.E.C. 70 rt.
9. Beklagter Zeller Gerd Hovekamp kann aber nicht leugnen, daß er
a) sowol Erbe des Bernhard Hovekamp als auch
b) Succeshor in Peculio et pradio auf Hovekamps Stätte
geworden,
10. beklagter ist deshalb schuldig, diese beyden Kapitalien nebst Zinsen zu bezahlen.12. vom beklagten in der Güte keine Zahlung ermächtigen können, weshalb
13. Anwalds Ppal wegen des Zinsen Rückstandes sub art.4 zu 100 rt 14 ßl und sub art.8 zu 10 rt zusammen zu 170 rt 14 ßl (jedoch mit der ausdrücklichen Erklärung, daß wenn beklagter Quitungen über bezahlte Zinsen producieren kann, Principal sich dieselben abziehen laßen will und muß) wider Beklagten gerichtlich zu verfahren sich genötiget siehet.
Anwald bittet Euer wolgeboren gehorsamst:
wider beklagten Zellern Gerd Hovekamp b. Hauenhorst
K. Rheine cum Demenciatione des bürgermeistern Franz Wellingmeyer Epia Provisoren des alten Hospitals zu Rheine woran beklagter eigen ist ladung respondendi respective mandatum Solvendi der rückständigen Zinsen zu 170 rt 14 ßl una cum Mandato ad agnoscendum ant jurato diffitendum originalia adjuncta sub A. et B. zu erkennen und nach Verlauf der in den adjuncti vorbehaltenen Vierteljährigen loskündigung den beklagten zur Bezahlung der Kapitalien anzuhalten und denselben in alle Kosten zu verurtheilen, hierüber
F.W. Crone
Detum Dhend
Ist wider beklagten Ladung Comparendi et respondendi una cum mandato ad agnoscendum ant jurato ad agnoscendum adjuncta bey Strafe der Bekannthaltung erkannt, und ordnungsmäßig zu extrahiren anbefolen - d. l4ten (unleserl.) 1796
H. J. Rothman
Euer wolgeboren gehorsamer Dr. Meyer Pro
Copia Supplice
In Sachen des Bürgern Gerhard Henrich Ludowici Kläger
widerGerd Hovekamp, ursprünglich Gerd Frohues vom gleichnamigen Erbe in Hauenhorst, hatte sich am 15.8.1755 eingeheiratet und war bei Anhängigmachung des Prozesses 66 Jahre alt und 41 Jahre mit der Maria Hovekamp verheiratet. Wenn er bis dahin von den aufgestellten Forderungen nichts wußte, kann man verstehen, daß er die Zahlung ablehnte. Es folgte dann ein langwieriger Prozeß und dicke, handgeschriebene Aktenbände füllten sich. Sie erregten in meiner Jugend meine Bewunderung wegen der meistenteils wunderbaren Schrift und schön gezeichneten Initalien der regelmässigen Einleitung: "In Gottes Namen". Leider sind diese Akten später durch Brand vernichtet. Ich erinnere mich aber noch, daß der Prozeß etwa 25 Jahre gedauert hatte und, nachdem Gerd Hovekamp 18o6 darüber wegstarb, von Joan Henrich weitergeführt und nachher größtenteils verloren wurde.
Mag nun eine solche Klage auch heute unser Interesse erregen, so dürfen wir doch nicht vergessen, wieviel Not und Sorge der Vorgang über unsere Vorfahren brachte und insbesondere den Lebensabend des Gerd Hovekamp umdüsterte, der übrigens ein ausnehmend frommer Mann gewesen sein soll.
Familiengeschichtlich möchte ich aus der Klageschrift noch entnehmen, daß der unter 5 aufgeführte älteste Sohn Bernard Hovekamp gestorben ist und der in der Erbfolge als Vorgänger des Gerd Hovekamp aufgeführte Hermann Hovekamp ein jüngerer Bruder desselben war.
Inzwischen kam mit dem Kriege von 18o6-o7 auch über unsere Heimat wieder einmal bittere Not und dann die sogenannte Franzosenzeit. Auch der damalige Bauer Joan Henrich Hovekamp, der vor einem guten Jahr seine Ehefrau Adelheid, eine Tochter des Bauern Joan Georg Borchert aus Rodde zum Altare geführt hatte, litt mit ihr Kummer und Not.
Eines Tages kam er nach Hause und sprach zu seiner Frau: "Hier habe ich ein Haferbrot mitgebracht. Ich will es gut verstecken, damit die Franzosen es nicht finden. Denn man ist ja keinen Augenblick sicher vor ihnen." "Und ich habe ein Becken (= Satte) Milch im Keller stehen" sagte seine Ehefrau. "Da werden wir doch mal wieder einmal satt essen können." Er ging mit seinem Haferbrot zur Tenne und schob es durch das Hühnerloch der grossen Einfahrtstüre in das von draussen vorgepackte Buchweizenstroh.
Doch ihre Freude sollte nicht lange währen. Gar bald ging die Türe auf und zwei französische Soldaten traten ein und verlangten zu essen. Man hätte ja selber nichts wurde ihnen zur Antwort. Da ging der eine zur Tenne und zog das Haferbrot aus dem Versteck hervor, während sich der andere in den Keller begab und die Milch holte. Dann setzten sie das Gefäß vor den Mund, tranken einer nach dem andern, um dann den Rest mit lautem Knall auf den Fußboden zu werfen und zerplatzen zu lassen. Das Haferbrot aber nahmen sie mit.
Kriegszeit - Notzeit!
Solche und andere Geschichten von Requirierungen und Aushebungen zu dem nachfolgenden Feldzug nach Rußland gingen noch lange im Volke umher bis neuere Ereignisse alter Bilder verdrängten.
Bei den Bauern unserer Heimat kam dann jedoch die Napoleonische Zeit zu hohen Ehren, weil Leibeigenschaft und Hörigkeit aufgehoben wurden. Es kam aber noch nicht zur Ablösung der Schulden und Lasten, da die französische Herrschaft schon 1814 aufhörte und Westfalen an Preußen fiel. Durch das Reallastenablösungsgesetz vom 2. März 185o erst fand das begonnene Reformwerk Napoleons seinen endgültigen Abschluß.
Erinnerlich ist mir noch aus meiner Jugend der bezeichnende Ausspruch eines ergrauten Bauern, welcher sagte: "Die Bauern sind dreimal erlöst worden, das erstemal durch Jesus Christus, zum zweiten durch Napoleon und dann noch durch den - Kunstdünger".
Einen interessanten Einblick in die Behördenarbeit der Franzosenzeit mag uns noch die Geburtsanzeige meines Urgroßvaters Joan Henrich Hovekamp geben, der die Geburt eines Sohnes meines Großvaters pflichtgemäß dem Maire (= Bürgermeister) meldete und welcher Vorfall folgendermassen aufgenommen wurde:
Geburt von
Gerard Henrich Hovekamp. Nummer sieben und zwanzig
Im Jahr ein Tausendachthundertdreizehn am fünfzehnten July Morgens um eilf Uhr erschien vor mir Anton Beckering Maire der Munizipalität Mesum, der Ackersmann Joan Henrich Hovekamp, wohnhaft in der Bauerschaft Hauenhorst Kirchspiels Rheine mit der Anzeige daß vorgestern als den dreyzehnten July nachmittags drey Uhr ihm von seiner Ehegattin Adelheid Borchert ein Kind mannlichen Geschlechts gebohren sey welchem er die Vornamen Gerard Henrich beigelegt habe.
Comparent zeigte das neugebohrene Kind vor deßen Geschlecht mit der Angabe Übereinstimmte.
Zeugen bei dieser Handlung waren der Zimmermann Herman Sand neunundvierzig Jahr alt und der Ackersmann Knecht Gerard Diekhoff vierunddreißig Jahr alt beide in der Bauerschaft Hauenhorst Kirchspiel Rheine wohnhaft. Nach geschehener Verlesung erklärten alle drey Comparenten des Schreibens unerfahren zu seyn.
Anton Beckering Maire der Municipalität Mesum
Dieser Sohn war am Tage vorher in Rheine auf den Namen Johann Bernard getauft worden, was unerklärlich erscheint. Vielleicht sollte bei einer befürchteten späteren militärischen Aushebung ein Gerard Henrich Hovekamp nicht vorhanden sein.
Insbesondere durch die Verbesserung des Verkehrswesens brachte das 19. Jahrhundert eine neue Entwicklung auf allen Gebieten. Im Jahre 1835 wurde die erste Eisenbahnlinie Nürnberg - Fürth eröffnet. Im Jahre 185o begann der Bahnbau Münster - Rheine, durch welchen auch das Hovekamp' sche Erbe durchschnitten wurde und zwar etwa 3oo m östlich der Wohnstätte. Die Linie wurde 1856 in Betrieb genommen. War dies noch ohne Besonderheiten abgegangen, so war die Wirkung des zweiten Bahnbaues Oberhausen - Rheine - Quakenbrück einschneidender. Westlich vom Hofe war die Durchschneidung geplant und zwar in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses.
Skizze der Hoflage bis 1883
Der Besitzer Bernard Hovekamp verlangte eine solche Entschädigung, daß das Wohnhaus an entfernterer Stelle wieder aufgebaut werden konnte. Die Eisenbahngesellschaft wollte aber nur die Kosten einer feuersicheren Eindeckung statt des Strohdaches übernehmen. Es kamen lange Verhandlungen, die hauptsächlich von dem ältesten Sohne Heinrich geführt wurden, der auch noch den Freiherrn von Schorlemer auf Haus Alst aufsuchte, um dessen Unterstützung und Hilfe gegen den mächtigeren Gegner zu erlangen. Der Baron, auch wohl "Westfälischer Bauernkönig" genannt, besaß im Volke große Verehrung und großes Ansehen, allsonsten aber Achtung und Respekt. Er war auch hier zur Mitwirkung sofort freundlichst bereit und mein sel. Vater war mit dem Erfolge zufrieden. So entstand 1884 eine neue Hofanlage, wie sie aus den bei gefügten Bildern zu ersehen ist, während die Bahn schon seit dem 1.7 1879 in Betrieb war
Hofansicht in Hauenhorst nach dem Bahnbau bis 1911.
Gut dreissig Jahre lag dann der Hof dort eingekeilt zwischen den beiden Bahnlinien, bis sich der Eisenbahnfiskus im Jahre 191o anschickte, die ganze Hofstätte zu verschlingen, um dort den Rangierbahnhof Rheine - Süd auszubauen. Der Verkauf erfolgte freiwillig und es wurden für die Gebäude mit 7 Morgen Land etwa 55.000.- Mark erzielt. Die Räumung hatte bis zum 1. Okt. 1911 zu geschehen. Die Größe des Erbes betrug zu dieser Zeit etwa 170 Morgen, wovon noch rund 70 Morgen unkultivierte Heideflächen waren. Die Kulturböden jedoch, welche sowieso eine Splitterlage hatten, wurden nunmehr durch den in Aussicht stehenden Bahnhofsbau vollständig getrennt.
Deshalb schien es am besten, auch diese Grundstücke zu veräußern und dafür ein geschlossenes Erbe wieder zu kaufen. Nach verschiedenen Umblicken im Münsterlande, denn weiter stand der Sinn nicht, schien das Hilbersche Erbe in Neuenkirchen die beste Gelegenheit zum Ankauf zu bieten.
b) In Neuenkirchen
Der jetzige Erbhof Hovekamp in Neuenkirchen stammt auch aus alter Zeit und war früher als "Hilbers Hoff" weit und breit bekannt. Vor reichlich 100 Jahren gingen die tollsten Spukgeschichten über ihn im Volke um. Wollten die Knechte an einem Morgen die Pferde anschirren, war alles Lederzeug zerschnitten. War das Essen für die Arbeiter auf dem Felde in einem Korb verpackt, so konnte es vorkommen daß die Butterbrote verschwunden waren und nur ein Haufen Kot darin war. An einem Morgen jedoch fand man sogar den Ackerwagen oben auf dem Dachfirst und die Pferde davor. So sah man fast an jedem Morgen Unheil. Da begann man, mit Flinten und dergl. bewaffnete Männer als Nachtwachen aufzustellen. Daß sie einen Erfolg gehabt hätten, wird nicht berichtet. Eines Abends sollen sie auf der Wagendeichsel gesessen haben, als plötzlich unsichtbar der Stock herausgezogen wurde und alle mit Schrecken auf die Erde fielen. Ein Mann aus der Gegend, der abends am Hofe vorbei mußte und von der Wache gehört hatte, rief schon von weitem: "Scheit't nich, ick sin Sunndags-Gert de guedde Mann!" Daß viele Schäden vorgekommen sind und auch Wachen gestellt wurden, bleibt als Tatsache bestehen. Der vor etlichen Jahren in hohem Alter verstorbene Wirt August Diercksen wußte, daß sein Vater in jungen Jahren mit Posten gestanden hätte. Nach der Überlieferung verursachte ein auf Abwege geratener Geistlicher des nahen Dorfes die Schäden und Unglücksfälle. Er soll dann nach Amerika ausgewandert sein, sich dort bekehrt und den Schaden erstattet haben. Die jetzt über 8O Jahre alte Ww. August Diercksen glaubte, mir den wahren Grund der Verhexung mitteilen zu können. Eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter habe zu der Zeit auf dem Hofe gewohnt und folgendes mitgeteilt. Der damalige alte Bauer Hilbers habe dem Geistlichen 200 Thaler (= 600.- Mark) geboten, wenn er seinen Sohn vom Militärdienst frei schaffe. Das sei diesem gelungen, aber der Bauer habe ihm den versprochenen Lohn nicht gegeben und sei daraufhin dessen Rache verfallen.
Der letzt Bauer aus dem Geschlechte der Hilbers hieß Georg und seine Frau war eine geborene Determeyer aus Ibbenbüren. Sie hatten 4 Töchter, von denen Maria, die älteste und nachmalige Besitzerin, am 18. Juni 1870 geboren wurde. Am 20. November 1877 errichteten die Eltern ein Testament, welches schon am 31, Januar 1878 publiziert wurde, nachdem sie also in der Zeit schon beide verstorben waren. Die Hofeserbin kam zu ihrem Onkel und Vormund, dem Colon Bernard Schulte Wissink nach Ohne. Der Hof wurde verpachtet und zwar meist in Parzellen, während in den Gebäuden etwa 4 - 5 Familien hausten. Im Hauptgebäude betrieben die jeweiligen Pächter langjährig eine Gastwirtschaft, dann auch Brennerei und noch Fabrikation von Zementrohren. Nach den Überlieferungen stand über allen Unternehmungen kein guter Stern. Von 1900 bis 1905 hatte Hubert Holtgräwe die Hauptwohnung mit etwa 30 Morgen Land gepachtet. Von 1905 ab bis zum Verkauf des Hofes 1911 war Theodor Temming Pächter des ganzen Hofes, der inzwischen auf 196 Morgen verkleinert war. Durch die im Jahre 19o5 eröffnete Eisenbahnlinie Rheine - Ochtrup war ein ziemlicher Streifen in Anspruch genommen worden. Die durch die Bahn abgeschnittenen Flächen mit 3 Heuerhäusern wurden ebenfalls verkauft. Das Bahnhofshotel Diercksen wurde darauf errichtet, während das übrige heute zum Industriegelände der Firma Hecking gehört.
Von den verbliebenen 196 Morgen waren 40 Morgen noch unkultivierter Boden und 11 Morgen Wald. Temming zahlte dafür 2000.- Mark Pacht. Zirka 15 Morgen hatte er in kleineren Parzellen wieder unterverpachtet und erhielt pro Morgen etwa 30.- bis 40.- Mark.
Der Hofeserbin ging es inzwischen in Ohne auch nicht sehr gut. Es wird erzählt, daß sie von den Verwandten stark ausgenutzt wurde, welche ihr auch die Heiratsabsichten ausgeredet haben sollen. So kam sie durch Geldhergaben und faule Bürgschaften immer mehr in Schulden, welche durch die getätigten Landverkäufe nicht bemerkenswert aufgehalten werden konnten. Die letzte Sprossin von Hilbers Erbe war nach allen Mitteilungen ein ausgesprochenes Opfer ihrer Ausbeuter.
Da kam ein junger gelehrter Geistlicher, Rozynski mit
Namen, zur Erholung zum Pastor von dem nahe gelegenen Schüttorf,
dem sie sich wohl anvertraut haben muß und der darauf
ihre Befreiung in die Hand nahm. Die am 10. Mai 1889 erteilte
Generalvollmacht für Bernard Schulte Wissink widerrief
sie am 27. Oktober 19o3 und von da ab erscheint der Name des
genannten Kaplans in den Grundbuchakten. Alle ihre Geschäfte
wurden nunmehr von diesem Herrn geregelt. Er wurde dann später
nach Twistringen versetzt und auch Frl. Hilbers zog dahin
und lebte in einer kleinen Mietwohnung ihre kärgliche
Rente.
Dort traf Sie auch der hier Berichtende und jetzige Besitzer
des Hofes im Jahre 1910 und nahm die Kaufverhandlungen
mit ihr auf. Sie machte alles nur durch ihren geistlichen
Berater, welcher inzwischen Professor in Pelplin in Westpreussen
geworden war, was die Verhandlungen natürlich sehr
erschwerte. Zum Verkauf war sie an sich sehr geneigt, da sie
erstens durch die Schuldenlast stark bedrückt war und dann
mit dem damaligen Pächter Temming auch wenig Freude hatte.
Er klagte immer über Viehverluste oder sonstiges Unglück, was
er ihr gegenüber auf die alte Verhexung des Hofes zurückführte,
um dann Nachlaß zu erhalten. Der Pächter war überhaupt
ein ziemlich rabiater Mann, ein Junggeselle von damals etwa
55 Jahren, mit mächtigen O = Beinen und einer Stimme, welche
alle Winkel des Hofes durchdrang.
Der laufende Pachtvertrag galt von 19o8 bis 1923 mit einjähriger Kündigung. Was sollte das heißen? Konnte die einjährige Kündigung sofort einsetzen oder nicht vor 1923. Und dieser Widerspruchsvolle Vertrag war der Entwurf eines Prof. Dr. Rozynski. Über die Auslegung dieses Punktes nahmen denn auch beide Parteien einen entgegengesetzten Standpunkt ein.
Um der Besitzerin die Auseinandersetzung mit dem Pächter zu ersparen und überhaupt weiter zu kommen, war der Kaufvertrag so vorgesehen, daß der Käufer in die Rechte der Verkäuferin eintrat. Es kann nun nicht alles beschrieben werden, was sich sonst an Schwierigkeiten ergeben hat, die Wut des Pächters, als der Verkauf perfekt werden sollte, ohne daß ein großer "Reibach" für ihn in Aussicht stand, das Auftreten von noch einem Käufer, die Wankelmütigkeit des Fräulein Hilbers gegenüber allen Beeinflussungen, die weite Entfernung des Beraters, die Briefstöße des schreiblustigen Professors, der unsere Familie und sicher auch die anderen Beteiligten mit Telegrammen und Eilbriefen bombardierte, so daß der Postbote zu einem dauernden Schreckgespenst wurde.
Der Schluß war jedenfalls, daß der Kauf doch zustande kam für die Summe von 105.000.- Mark und daß der Pächter für Aufgabe der Pachtung vom Käufer 10.000.- Mark erhielt, nachdem er zuerst 4O.000.- Mark gefordert hatte.55.000.- Mark gezahlt hatte und sonstige Grundstücksverkäufe noch etwa 65.000.- Mark brachten, war der Kaufpreis gesichert. Das neue Erbe war aber auch besser wie das alte. Es war erstens größer, hatte zweitens bessere Bodenqualität und günstigere Lage der Grundstücke, da einige Jahre vorher eine Zusammenlegung stattgefunden hatte.
Von dem alten Erbe aber wurden etwa 22 Morgen Waldgrundstücke nicht veräußert, weil erstens die Finanzierung ohnedem gesichert war und zweitens ein Heimatrecht und die Verbindung mit dem Vätererbe erhalten werden sollte.
Am 1. Oktober 1911 zogen wir dann mit unserer Familie auf die erworbene Besitzung womit für Hof und Familie eine neue Geschichte begann.
An diesem Tage zog eine lange Karawane von Kasten- und Leiterwagen, unter Mitwirkung von Freunden und Nachbarn, nebst der Viehherde über Rheine und den Thieberg nach Neuenkirchen. Ein Zug des Schicksals war es! Und nicht leichten Herzens geschah die Trennung vom Heimatboden. Väter und Urväter hatten hier den Lebenskampf bestanden. Ein Menschenleben lang hatte der Vater dieser Scholle gedient, festverwurzelt mit ihr durch Freude und Leid. Uns Kindern aber war es ein Abschied von dem Orte der seligsten Zeit des Lebens. Ein Trost war die Anteilnahme aller Nachbarn und Bekannten, welche sich aus der Hilfeleistung eine Ehre machten.
Ein neues Leben begann nun in Neuenkirchen. Die Gebäude waren verbaut und herruntergewirtschaftet, der Hof ein jauchiger Wassertümpel. Da mußten zunächst der Architekt und der Baumeister kommen. So wurden im Frühjahr 1912 alle Ställe umgebaut und verlegt, Licht und Luft geschaffen, eine ordnungsmäßige Dungstätte und Jauchegrube angelegt, das Hof und Dachwasser abgeleitet und manches mehr.
So konnte man nach den unruhereichen Jahren auch hier von einer friedvollen Niederlassung noch nicht sprechen. Zwischen Schutt und Trümmern, Kalkbottichen und Mauersteinen kann die Gemütlichkeit nicht gut gedeihen. Besonders der Vater mochte es nicht mehr sehen "Kinder, gebt es doch jetzt dran!" meint er. "Nächstes Jahr wird es besser und ruhiger werden", ward ihm zur Antwort.
Doch was geschah?
Der regenreiche Sommer des Jahres 1913 brachte erst viel Arbeit und eine späte Ernte. Am verhängnisvollen 17.August war der Roggen oben eingefahren, während fast alles andere Getreide noch auf dem Halm stand. Als sich die Familie an diesem Sonntage allmählich zum Mittagstisch begeben wollte, machte sich draußen Rauch bemerkbar, der aus dem eigenen Dache kam. Das ganze Anwesen, ein großes Bauernhaus mit Flügelbau wurde ein Raub der Flammen. Das Vieh war gerettet, die schwereren Möbel verbrannt und die Hausgenossen mußten bei den Nachbarn eine verteilte Unterkunft suchen, da auf dem Hofe keine sonstigen Gebäude waren.
Der Vater fand mit uns zwei Söhnen ein Ruhelager beim Nachbar Holtgräwe, Doch der Schlaf mied die Augen. Wir grübelten über das Schicksal. Was war es mit dem Spukhof? - Brachte er jedwedem Unglück? - Zweimal schon war er vorher abgebrannt, 1859 und 1885. - Sollte man ihn wieder verkaufen? -
Joch die Erkenntnis und der Wille brachen sich durch. Was ein Glück oder ein Unglück ist, kann man vorher nicht erkennen. Denn eines ist oft die Quelle des andern. Deshalb den Kampf mit dem Schicksal mutig wieder aufgenommen!
Eine Bretterbude wurde gebaut mit Küche und 2 Schlafräumen, "Kantine" genannt. Von hier aus wurde der Wiederaufbau in Angriff genommen. Der Vater mochte nicht bei fremden Leuten sein und teilte lieber die kärglichen Wohnverhältnisse mit den Seinen. Eine Bretterwohnung im Herbst und auch die spätere Notwohnung im Flügelbau waren nicht gut für einen 70 jährigen Mann, dem die Ereignisse schon arg zugesetzt hatten.
Da kam am 29. November der schwerste Schlag - das Oberhaupt, der beste Vater, starb. Der alt verpflanzte Baum hatte in dem widerlichen Boden keine Wurzeln mehr schlagen können. Das größte Vertrauen und die ganze Liebe der Kinder hatten ihm gegolten. Und doch! - War er wirklich tot? - Nein. Nie und nimmer! Sein Geist und seine Art verließen die Kinder nicht. Und - das war der Kinder stiller Schwur - wird auch von diesen nicht verlassen werden!
Das Leben und die Arbeit aber gingen weiter. Der Bruder Heinrich war inzwischen Soldat geworden. So trug ich denn bald allein, damals 25 jährig, schon früh die Last der Betriebsführung und des Wiederaufbaues. Zur Seite standen mir von der Familie ein alter Onkel, eine ganz eigene Stiefmutter und die treue Schwester Anna.
Mein Ziel war nun, in Jahresfrist das Wohnhaus wieder zu beziehen. Und das gelang. Allerdings waren nur die Küche und einige Schlafräume fertig - aber der Einzug wurde am 17. August 1914 gehalten.
Hofansicht in Neuenkirchen nach den Wiederaufbau
Inzwischen war am 1. August der Krieg ausgebrochen. Viele Handwerker waren weg und auch der Bruder Heinrich längst in Frankreich. Eine neue Leidenszeit begann; und dieses mal für jedermann.
Am 11. Februar 1915 folgte auch ich dem Ruf der Fahnen, wurde in Höxter ausgebildet und fand mich im Oktober in Rußlands Schützengräben wieder. Den Winter verbrachte ich dort in der Front hinter Wilna bis vor Dünaburg ohne Ablösung im Graben. Kälte und Hunger waren unsere schlimmsten Feinde und verschuldeten die meisten Verluste. Keiner war wohl mehr ganz gesund und auch ich mußte alle paar Tage verbunden werden wegen Frostlöcher in den Beinen, welche erst spät im folgenden Sommer wieder ausheilten. Im Frühjahr zog man uns aus der Front und brachte uns in einen Transportzug der uns von Jelowka aus in ein Ruhelager bei Wilna bringen sollte. Doch unterwegs kam ein anderer Befehl und wir nahmen die Richtung zur österreichischen Front, wo die Russen bei Luck durchgebrochen waren. Wir wurden eingesetzt und nach den Kämpfen am Styr und Stochod und der Schlacht von Kowel kam die Front zum Stehen. In der Nähe von Gorochow verbrachten wir den schlimmen Winter 1916/17. Es waren bis zu 40° Kälte, doch wir hatten im Gegensatz zum vorherigen Winter gute Unterstände und auch die Verpflegung war besser, sodaß wir verhältnismäßig gut durchkamen. Auf Grund der telegrafischen Verfügung des Stellv. Generalkommandos VII wurde ich dann am 20. Mai 1917 zur Arbeitsaufnahme im eigenen Betrieb entlassen. Über die Leiden der Front und die Not der Heimat soll hier nicht weiter berichtet werden. Nur soviel sei gesagt, daß alle früheren Erlebnisse dagegen verblaßten.
Die Schwester Anna stand inzwischen dem Hause und Betriebe vor, tat Männerarbeit, sandte noch Briefe und Pakete ins Feld zu den Brüdern, aber ihre Gesundheit war diesen Anstrengungen nicht gewachsen und im Januar 1922 wölbte sich ein Grabhügel über ihrem im Dienste für Scholle und Heimat verbrauchten Leib. Kein Heldenlied vermeldet uns die Taten dieser Heimatkämpfer, doch wer sie kennt und weiß, der darf sie nicht vergessen.
Für mich heimgekehrten Krieger aber gab es viel zu tun auf Hof und Feld. Und bis zum jetzt eben begonnenen Jahre 1938 wurde noch in jedem Jahre eine besondere Neuanlage geschaffen, sei es ein Wegebau, Neubau, Umbau, eine innere Anlage, eine Drainage oder die Anschaffung größerer Maschinen, wie Dreschsatz, Saatgutreinigungsanlage usw. Im letzten Jahr war es die durch An- und Umbau geschaffene Heuerlingswohnung.
Bemerkt sei hier noch, daß die Kultivierung der 40 Morgen großen Feld- und Heidefläche während des Krieges durch Gefangene erfolgte. Der 26. September 1922 brachte ein festliches Ereignis für den Hof. Die jetzige Frau und Mutter zog als junge Bäuerin ein, eine für Hof und Geschlecht gleich wichtige Begebenheit. Sechs gesunde Kinder - 2 Mädel und 4 Buben - scharten sich inzwischen um ihre Eltern. Sie sind die Hoffnung für ein Weiterblühen von Familie und Erbe.
Und wenn auch diesen trübe Tage kommen werden, so sollen sie sich erinnern der Arbeiten und Leiden ihrer Vorfahren, sollen pflichtgemäß ihren Mann stehen auf jedem Posten und merken das Wort unseres Goethe:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!
Um der Landflucht und dem Landarbeitenmangel zu begegnen, wurden im Jahre 1937 Beihilfen aus Reichsmitteln zur Einrichtung von Landarbeiterwohnungen durch Neu- oder Umbau zur Verfüngung gestellt. Durch Um- und Anbau wurde die obige vorhandene Mietwohnung entsprechend dem Bilde mit einem Kostenpunkt von 5.129.- RM umgestaltet Die Beihilfe beträgt 1.8oo.-RM und wird in 6 jährigen Raten a 3oo.- RM gezahlt. Der vorherige Mieter Heinrich Kuhl wurde als Heuerling eingestellt.







Einige Bilder, Texte in roter Schrift und Links in blauer Schrift sind angefügt von:
Karl Klemens Hovekamp (5. August 2014), (23. November 2016), (5. Dezember 2016), (6. Februar 2023), (5. Januar 2025)